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Kommentar Start-up-Kapital muss schneller her

Der Staat gibt Start-ups Geld in der kritischen Wachstumsphase. Das ist hilfreich, löst aber nicht deren Problem.
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Auch der Start-up-Investor fordert mehr staatlichen Investmentwillen in Start-ups. Quelle: Bloomberg
Oliver Samwer

Auch der Start-up-Investor fordert mehr staatlichen Investmentwillen in Start-ups.

(Foto: Bloomberg)

Es ist gar nicht so lange her, da trafen sich an einem kalten Winterabend 50 Gründer, Unternehmensvertreter, Politiker und Investoren in einem imposanten Saal in Berlin-Mitte, unweit vom Checkpoint Charly. Die männerdominierte Runde hatte sich zusammengefunden, um Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier eine dramatische Botschaft zu vermitteln.

Deutschlands prominentester Start-up-Investor Oliver Samwer überbrachte die Nachricht und fand deutliche Worte: „Wenn wir so weitermachen, wird es für alle, die hier sitzen, reichen“, sagte Samwer. Aber in 50 Jahren, so Samwers Prognose, wäre Deutschland dann nicht mehr die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt.

Internetunternehmer und Seriengründer Samwer traf einen wunden Punkt: Deutschland lebt von dem, was in den vergangenen hundert Jahren aufgebaut wurde. Deutschland lebt von seiner Substanz.

In wichtigen Zukunftsbereichen drohen wir den Anschluss zu verlieren – oder haben ihn schon verloren. Inzwischen laufen uns nicht mehr nur Amazon, Google und Facebook den Rang ab, auch die chinesischen Internetgiganten Alibaba, Tencent und Baidu stehen schon längst vor Europas Toren oder haben bereits den Fuß in der Tür.

Natürlich: In allen großen deutschen Städten gibt es ernst zu nehmende Start-up-Szenen. Die Gründer sind untereinander gut vernetzt. Auch und immer besser mit großen deutschen Konzernen. Wer mit den jungen Unternehmern spricht, kann von der lange Zeit kritisierten Zurückhaltung nur wenig erkennen. Die meisten Gründer sind selbstbewusst und davon überzeugt, dass ihre Idee das Zeug hat, die Welt zu erobern. Doch ein Problem bleibt: Es fehlt an Kapital.

In der Anfangsphase können deutsche und europäische Start-ups – auch dank staatlicher Unterstützung – zwar noch einigermaßen mithalten. Kritisch wird es aber mit Blick auf die späteren Phasen, wo dreistellige Millionenbeträge gebraucht werden.

Viele Start-ups besorgen sich deshalb Kapital im Ausland. Prominente Beispiele der jüngsten Vergangenheit sind die Berliner Buchungsplattform Getyourguide und die Autoverkaufsplattform Auto 1, deren üppige Finanzierungsrunden von ausländischen Fonds angeführt wurden. Und es gibt noch viele weitere solche Beispiele.

Studien zeigen: Zwei von drei dieser durch ausländische Investoren finanzierte Unternehmen werden später an einen ausländischen Investor verkauft oder gehen im Ausland an die Börse. Bye-bye, deutsches Google!

Das ist besorgniserregend. Und das treibt auch die Bundesregierung nicht erst seit gestern um. Deshalb hat sie eine Venture-Capital-Tochter bei der staatlichen KfW Bank installiert. KfW Capital investiert in Venture-Capital- und Venture-Debt-Fonds, die sich wiederum an innovativen Unternehmen in der Wachstumsphase beteiligen.

Bislang ausgegebenes Kapital: knapp 90 Millionen Euro. Angesichts des enormen Kapitalbedarfs ist diese Summe zwar durchaus hilfreich, aber, wenn man ehrlich ist, doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Zeit für kleine Lösungen ist jedoch vorbei. Klotzen statt kleckern ist angesagt.

Die gute Nachricht: Geld ist da. Rentenkasse und Versicherungen müssen riesige Summen anlegen. Und doch investieren sie kaum in Start-ups. Viele sehen eine zu strenge Regulierung als Hauptgrund für die Zurückhaltung und fordern eine Lockerung der Regeln. Doch so einfach ist die Sache leider nicht.

Selbst Experten können sich nicht erklären, warum Versicherungen und Rentenkassen nicht stärker in Start-ups investieren, und sagen immer wieder, dass auch mit der bestehenden strengen Regulierung mehr Investitionen in Start-ups drin wären. Andererseits: Welchen Eindruck würde es machen, wenn die staatliche Rentenversicherung mit Bedauern mitteilen würde, dass die Rente futsch sei, weil ein vielversprechendes Digital-Start-up leider pleitegegangen ist?

Ein mögliches Hindernis könnte es sein, dass es zu wenige große Venture-Capital-Fonds in Deutschland gibt, in die Pensionskassen oder Versicherungen investieren können. Um das Dilemma zu beheben, wird derzeit unter dem Namen „Zukunftsfonds“ ein Modell aus Dänemark diskutiert, das in der Tat näheres Hinsehen lohnt.

Dieses Modell sieht vor, dass ein staatlich kontrollierter Dachfonds in verschiedene Wagniskapitalfonds investiert. Der deutsche Staat bildet dabei den Dachfonds, investiert aber nicht selbst, sondern trägt vor allem das Risiko bei Ausfällen. Im Gegenzug soll er auch stärker an der Rendite beteiligt werden. So soll es institutionellen Anlegern erleichtert werden, in Start-ups zu investieren.

Ob das dänische Modell der Weisheit letzter Schluss ist, bleibt zu prüfen. Klar ist aber: Wir haben keine Zeit zu verlieren. Start-up-Kapital muss schneller her. Die Uhr läuft, da hat Samwer recht.

Mehr: Risikokapital für deutsche Start-ups kommt fast immer aus dem Ausland. Die SPD will mit einem Fonds Unternehmen und Talente halten.

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