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Kommentar Südamerikas Herrscher machen immer wieder dieselben Fehler – und die Wähler auch

Ein Grund, warum Südamerika plötzlich so viele Krisen erlebt, sind die regierenden Caudillos sein: Sie halten sich für unfehlbar – und erkennen die Zeichen nicht.
19.11.2019 - 16:17 Uhr Kommentieren
Anhänger des bolivianischen Ex-Präsidenten Evo Morales protestieren. Quelle: AFP
Demonstration in Bolivien

Anhänger des bolivianischen Ex-Präsidenten Evo Morales protestieren.

(Foto: AFP)

Brasiliens Ex-Präsident Luís Inácio Lula da Silva ist vor zehn Tagen aus der Haft frei. Er ist zwar weiterhin verurteilt wegen Korruption und Geldwäsche, aber vor seinen Anhängern hielt der 74-Jährige eine flammende Wahlkampfrede: Er werde das Land wieder auf Kurs bringen. Kein Wort davon, dass er Brasilien den größten Korruptionsskandal der südamerikanischen Geschichte beschert und es in eine schwere Krise gesteuert hat.

Der fehlende Realitätssinn, diese maßlose Selbstüberschätzung und der Glaube, dass nur sie ihre Länder regieren, retten oder glücklich machen können – das eint die politischen Führer in Südamerika. Es ist ein Grund, warum die Region plötzlich in Aufruhr ist. Es sind die Caudillos, die autoritären Anführer an der Macht in der Tradition eines Juan Perón in Argentinien oder eines Getúlio Vargas in Brasilien. Sie haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

So wie Evo Morales in Bolivien. Der Präsident ist beim Versuch gescheitert, zum vierten Mal hintereinander zu regieren, obwohl die Verfassung nur eine Wiederwahl zulässt. Die Bolivianer haben Morales vor drei Jahren in einem Plebiszit klar gesagt, dass sie ihn nicht mehr als Präsidenten wollen.

Vor drei Wochen erklärte sich Morales zum Wahlsieger und provozierte damit gewalttätige Proteste. Als schließlich die Organisation Amerikanischer Staaten die Wahlen für gefälscht erklärte, rettete sich Morales ins Ausland. Er sei Opfer eines Putschs. Er stehe aber bereit, um das Land wieder zu einen.

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    Die Caudillos halten sich für unfehlbar. Das liegt daran, dass sie an die Macht kamen, als Südamerika nach der Jahrtausendwende einen Superzyklus für Rohstoffe erlebte. Mit den sprudelnden Einnahmen aus dem Export von Kupfer, Soja, Eisenerz und Öl konnten sie erfolgreich regieren. Das war ja auch nicht besonders kompliziert: Mit Konsum (für die Armen) und Korruption (für alle anderen) hielten sie sich an der Macht und gewannen Wahlen. 

    Vorreiter der Caudillos in Südamerika war Hugo Chávez. Der regierte Venezuela, das reichste Ölland des Westens, indem er die Öleinnahmen mit vollen Händen ausgab. Er wurde dafür von seinem Volk geliebt. Sein Nachfolger Nicolás Maduro jedoch wurde zum Diktator.

    Er hatte nicht das Charisma eines Chávez, er braucht Gewalt, um sich an der Macht zu halten. Inzwischen hungern die Menschen in Venezuela, sie wandern aus und leiden an Krankheiten, die andernorts meist ausgemerzt sind.

    Fehlende Wettbewerbsfähigkeit

    Maduro hat zu spät erkannt, dass Öl und andere Rohstoffe an Wert verloren haben. China fragt weniger nach. Die Industrien zwischen Panama und Patagonien sind nach Jahren der Abschottung kaum noch wettbewerbsfähig. Südamerika wird dieses Jahr als Region weltweit am wenigsten wachsen. Regieren ist nun schwierig geworden. Denn die gerade aufgestiegenen Armen, aber auch die traditionelle Mittelschicht Südamerikas, fürchten sich vor dem Abstieg – und gehen auf die Straße.

    Südamerikas Anführer reagieren hilflos. Dabei ist es gleichgültig, ob sie politisch links oder rechts stehen, ob sie wirtschaftsliberal sind oder einen starken Staat bevorzugen, ob sie in Arbeiterhaushalten aufwuchsen oder aus der Elite stammen.

    Etwa Mauricio Macri, der in Argentinien die Wirtschaft ab Ende 2015 öffnete, sich mit den Schuldnern einigte und um Investoren warb. Macri, der schwerreiche Unternehmer, wurde zum coolen Hoffnungsträger. Er lud die Rolling Stones auf ihrer Argentinientournee zu sich nach Hause ein, zeigte sich mit seiner schönen Gattin im Ausland.

    Macri wurde von den Finanzinvestoren und der Wirtschaft wie ein Heilsbringer bewundert – doch statt Haushaltsdefizit und Inflation zu bekämpfen, nahm er massiv Schulden im Ausland auf. Jetzt ist der 60-Jährige bei den Wahlen krachend gescheitert.

    Und schon steht wieder seine Vorgängerin Cristina Kirchner bereit – was nebenbei zeigt, dass die Caudillo-Tradition nicht auf Männer beschränkt ist: Kirchner war zweimal Präsidentin Argentiniens. Sie hat jetzt als Vizin zusammen mit ihrem ehemaligen Kabinettschef Alberto Fernández die Wahlen im ersten Durchgang gewonnen. Die 66-Jährige wusste, dass ein Drittel der Argentinier sie nie wählen würde.

    Der Technokrat Alberto Fernández wiederum wäre chancenlos geblieben ohne die charismatische Kirchner hinter sich. Die kann noch heute problemlos Stadien mit ihren begeisterten Anhängern füllen, die sie religiös verehren.

    „Gebt mir einen Balkon, und das Volk ist mein“, heißt ein populärer Leitspruch südamerikanischer Caudillos. Er trifft auf Kirchner perfekt zu. Dass sie als Präsidentin Unternehmen enteignet, Pensionskassen geplündert, statistische Daten gefälscht hat und in massive Korruptionsfälle verwickelt ist – geschenkt.

    Die Caudillos scheitern regelmäßig. Doch die Wähler lernen nicht. Vielmehr tritt an die Stelle des einen stets ein anderer Caudillo. Der Grund: In Südamerika traut man traditionell weder Institutionen, Parteien noch dem Staat. Dieses Misstrauen überwinden können nur überzeugende Menschen, welche die Wähler emotional mitnehmen können – und darin sind die Caudillos Meister.

    Mehr: Das Messegeschäft in Südamerika gilt als schwierig. Dennoch haben die deutschen Gesellschaften ihre Präsenz dort ausgeweitet. Doch die Konkurrenz ist hart.

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