Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Angela Merkel und die übrigen Regierungschefs beim G7-Gipfel im Juni 2018 in Quebec.

An diesem Wochenende kommen die Regierungschefs der sieben wichtigsten Industrienationen in Biarritz zusammen.

(Foto: AP)

Kommentar Tatort Weltwirtschaft: Beim G7-Gipfel beraten die Missetäter über die Folgen ihrer eigenen Fehler

Der Weltkonjunktur droht ein globaler Abschwung. Bei der Suche nach den Schuldigen sind die Fingerabdrücke von Trump, Johnson und Merkel überall zu finden.
Kommentieren

Für den deutschen Kleinsparer sind Biarritz und Jackson Hole weit weg. Und doch wird im mondänen französischen Badeort und im urigen amerikanischen Bergstädtchen über sein Schicksal verhandelt. Geht es doch beim Treffen der Staats- und Regierungschefs aus den sieben wichtigsten Industrienationen (G7) an der Atlantikküste und beim Brainstorming der führenden Notenbanker in den Rocky Mountains um genau jene ökonomischen Kräfte, die hierzulande die Sparzinsen für den deutschen Michel unter die Nulllinie zu drücken drohen.

Die Negativzinsen sind vor allem das Ergebnis einer verfehlten Wirtschafts- und Finanzpolitik, die zum globalen Abschwung geführt und damit den Zinsdruck nach unten weiter verstärkt hat. Insofern beraten die Missetäter beim G7-Gipfel über die Folgen ihrer eigenen Fehler. Dass einige von ihnen, US-Präsident Donald Trump vorneweg, den zeitgleich in Jackson Hole tagenden Notenbankern die Schuld für den nahenden Konjunktureinbruch in die Schuhe schieben möchten, ist nur ein Ablenkungsmanöver.

Trump faselt gar von einer „Verschwörung“ der Zentralbanker. Die wahren Schuldigen sitzen jedoch in den Regierungszentralen in Washington, London, Peking, Rom und Berlin. Ihre Fingerabdrücke sind am Tatort Weltwirtschaft überall zu finden.

Da ist zunächst Trump, der mit China und Europa einen unsinnigen globalen Handels-, Technologie- und Währungskrieg angezettelt hat. Dieser verschärfte sich am Freitag erneut nach der Ankündigung neuer Strafzölle auf US-Produkte durch China, der wütenden Reaktion durch Trump und in der Folge weitere Erhebungen von Strafzöllen auf chinesische Waren durch die USA. Der US-Präsident polterte auf Twitter wie ein wütender Stier.

Da ist auch sein Rivale Xi Jinping, der die Verantwortung dafür trägt, dass China seit langem die Spielregeln des Welthandels und des Fair-Play ignoriert. Der britische Premier Boris Johnson, der, koste es, was es wolle, einen harten Brexit von der EU durchziehen will und damit das Vereinigte Königreich und Teile der EU in eine Rezession reißen könnte. Oder Italiens heimlicher starker Mann Matteo Salvini, der sein Land und mit ihm Europa in die nächste Krise stürzt.

Da ist aber auch die deutsche Bundeskanzlerin, die mit ihrer orthodoxen Sparpolitik seit Jahren die Binnenkonjunktur in der EU bremst, dabei den Aufbau einer digitalen Infrastruktur versäumt hat und jetzt das handlungsunfähige Opfer ihrer eigenen Politik der „Schwarzen Null“ ist. Paul Krugman spricht deshalb nicht ganz zu Unrecht davon, dass die Welt ein „deutsches Problem“ habe.

Krugmans Anklage mag verkürzt sein, recht hat der Wirtschaftsnobelpreisträger jedoch mit seiner Analyse: Wenn die Bevölkerung wie in Deutschland überaltert und schrumpft, schwächt das auch die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Experten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung schätzen, dass die Erwerbsbevölkerung in Deutschland von heute rund 55 Millionen in den nächsten 30 Jahren auf unter 45 Millionen Menschen sinken wird. Das sind zehn Millionen weniger Menschen, die bauen, konsumieren oder Arbeitsplätze brauchen.

Das Bevölkerungswachstum ist neben dem Produktivitätsfortschritt immer noch der wichtigste Wachstumstreiber. Kommen zur demografischen Schwäche dann noch wirtschaftspolitische Risiken wie der globale Handelskrieg und der Brexit hinzu, vergeht den Unternehmen die Lust, in neue Anlagen zu investieren. Geringe private Investitionen und hohe Ersparnisse führen jedoch unweigerlich zu sinkenden Zinsen. Die Sparzinsen werden ja entgegen landläufiger Meinung nicht von Amts wegen festgelegt, sondern sind der Marktpreis, der die Nachfrage nach Investitionsmittel und das Angebot von Ersparnissen zum Ausgleich bringt.

Der Staat muss Investitionsanreize für Unternehmen setzen

An dem demographischen Problem kann die deutsche Wirtschaftspolitik allenfalls langfristig durch eine familienfreundlichere Politik etwas ändern. Um so wichtiger ist es daher, dass der Staat kurzfristig Investitionsanreize für Unternehmen setzt, aber auch selbst die öffentlichen Investitionen nach oben fährt. Denn nur so lässt sich gesamtwirtschaftlich die Nachfragelücke schließen. Es mag für viele Deutsche immer noch schwer verständlich sein, dass finanzielle Schulden volkswirtschaftlich nichts mit moralischer Schuld zu tun haben.

Wenn jedoch die internationalen Anleger dem deutschen Staat selbst für langfristige Anleihen mit einer Laufzeit von 30 Jahren noch Geld hinterherwerfen, dann ist es ökonomisch unsinnig und angesichts der Konjunkturrisiken sogar schädlich, dieses Angebot auszuschlagen oder gar die eigene Nachfrage nach Investitionsmittel noch weiter zurückzufahren.

Möglichkeiten oder Notstände, um das Geld sinnvoll zu investieren, gibt es mehr als genug: angefangen vom Ausbau der digitalen Infrastruktur über die Modernisierung der maroden Verkehrswege und zusätzliche Bildungsanstrengungen bis hin zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit. Und niemand soll sagen, die weltweit berühmte Effizienz der deutschen Verwaltung sei nicht in der Lage, die Mittel zügig dorthin zu leiten, wo sie dringend gebraucht werden.

Dass Gefahr im Verzug ist, zeigen die jüngsten Konjunktursignale: Anfang 2018 sprach der Internationale Währungsfonds (IWF) noch vom „breitesten, synchron verlaufenden Aufschwung seit 2010“. Anderthalb Jahre später ist die Weltwirtschaft zum Tatort von Politikversagen geworden. Der IWF musste seine Prognose für das globale Wirtschaftswachstum von einstmals fast vier auf nur noch 3,2 Prozent senken und die globale Ökonomie steht am Rande einer konjunkturellen Talfahrt. In Deutschland droht gar eine Rezession, nachdem die Wirtschaft bereits im zweiten Quartal geschrumpft ist und auch über den Sommer weiter an Schwung verloren hat.

Debatte über Verbot von Negativzinsen ist irrsinnig

Anders als nach der Finanzkrise 2008 stemmen sich die Staats- und Regierungschefs der wichtigsten Industrieländer diesmal jedoch nicht gemeinsam gegen den globalen Abschwung. Beim G7-Treffen in Biarritz wird stattdessen der „schwarze Peter“ am runden Konferenztisch hin und her geschoben. Am Ende wird er vermutlich an die Notenbanker nach Jackson Hole weiter gereicht, die, so will es zumindest Trump, gefälligst mit weiteren Zinssenkungen die Welt retten sollen.

Womit wir wieder beim deutschen Kleinsparer und seiner zwar verständlichen, aber doch fehlgeleiteten Wut über die Negativzinsen angelangt wären. Dass jetzt ausgerechnet jene politischen Übeltäter, die seit Jahren einer Austeritätspolitik das Wort reden, dadurch die aktuelle Krise mit herbeigeführt haben und sich nebenbei noch gern als Hüter der freien Marktwirtschaft aufspielen, den Minuszins auf dem Konto staatlich verbieten wollen, zeigt den ganzen Irrsinn der wirtschaftspolitischen Debatte.

Mehr: Lesen Sie hier den Vorbericht zum G7-Gipfel unseres Frankreich-Korrespondenten Thomas Hanke.

Startseite

Mehr zu: Kommentar - Tatort Weltwirtschaft: Beim G7-Gipfel beraten die Missetäter über die Folgen ihrer eigenen Fehler

0 Kommentare zu "Kommentar: Tatort Weltwirtschaft: Beim G7-Gipfel beraten die Missetäter über die Folgen ihrer eigenen Fehler"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote