Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar Tchibo und Co. heben die Preise an – Doch die Inflation ist ein fadenscheiniges Argument

Statt mit Schnäppchen zu werben, setzen Konsumgüterkonzerne auf Verteuerung – als Signal für die Konkurrenz. Die Begründung mit höheren Rohstoffpreisen überzeugt nicht.
02.06.2021 - 09:00 Uhr Kommentieren
Der Hamburger Kaffeehändler kündigt umfangreiche Preiserhöhungen an. Quelle: dpa
Tchibo-Filiale

Der Hamburger Kaffeehändler kündigt umfangreiche Preiserhöhungen an.

(Foto: dpa)

Selbst der geneigte Kunde dürfte sich angesichts der jüngsten Pressemeldung von Tchibo die Augen reiben. „Je nach Sorte und Herkunftsland werden die Preise zwischen 50 Cent und einem Euro pro Pfund angepasst“, ließ der Hamburger Kaffeehändler die Öffentlichkeit wissen. Der „beliebteste Filterkaffee der Deutschen“, die „Feine Milde“, werde bald 5,69 Euro kosten, was den eigenen Einkaufspreisen geschuldet sei.

Nur wenige Tage zuvor hatte bereits der US-Konzern Procter & Gamble die Kundschaft mit ähnlichen Schreckensmeldungen traktiert. Seine Artikel würden jetzt im mittleren bis hohen einstelligen Prozentbereich teurer, kündigte der Produzent von Ariel, Pampers und Oral-B an.

Deutschlands Werbewirtschaft dürfte ebenso irritiert wie erstaunt auf diese Strategie blicken. Mit aggressiven Preiserhöhungen, so galt in der Reklamebranche bislang die Regel, lässt sich Geschäft kaum ankurbeln. Mit der publikumswirksamen Ankündigung solcher Aktionen erst recht nicht. Lieber warben Händler bisher mit „20 Prozent auf alles“ oder generösen „Sparwochen“. Wer sich als Anbieter wirklich gezwungen sah, die Tarife zu erhöhen, tat das in aller Stille – oder verkleinerte unbemerkt die Verpackungen.

Was also steckt hinter dieser auf den ersten Blick selbstschädigenden Strategie? Adressat der Preisbotschaft, so scheint es, sind keineswegs die Verbraucher, sondern die eigenen Wettbewerber – getreu dem Motto: Der Marktführer setzt ein Signal, die Preise branchenweit nach oben zu schrauben.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Argumente scheinen auf den ersten Blick nachvollziehbar

    Das Ritual ist keinesfalls neu, nur kamen solch unverdeckte Vorstöße bislang üblicherweise von den Branchenverbänden. Jahr für Jahr kündigte früher etwa der Deutsche Brauer-Bund steigende Bierpreise an. Auch der Verband der Deutschen Möbelindustrie versäumte es in der Vergangenheit auf keiner Pressekonferenz, künftige Preissteigerungen in der Einrichtungsbranche vorauszusagen. Der Erfolg blieb in beiden Fällen mäßig.

    Das ändert sich jetzt. Angesichts der steigenden Inflation – für Deutschland markierte sie im Mai mit 2,5 Prozent ein Zehnjahres- und für die Euro-Zone mit zwei Prozent ein Dreijahreshoch – scheinen die Argumente derart nachvollziehbar, dass sich mancher Marktführer einen solchen Preisruck zutraut. „Die Preise für Rohkaffees sind in den vergangenen zwölf Monaten deutlich gestiegen“, begründet Tchibo, weshalb die „Feine Milde“ nun 70 Cent teurer wird.

    Grafik

    Verräterisch nur: Zu Ostern, als der durchschnittliche Einkaufspreis je Pfund Rohkaffee nur 27 Cent günstiger war als heute, hatte Tchibo seine 500-Gramm-Packung noch um 30 Cent reduziert.

    Auch bei Procter & Gamble ist das Argument der gestiegenen Kosten eher fadenscheinig. Im ersten Quartal 2021 nämlich stieg der eigene Gewinn noch um zwölf Prozent. Tatsächlich sind es in der Konsumgüterbranche selten die Einkaufskonditionen, die am Ende das Preisetikett bestimmen. Vielmehr definieren Marketingexperten oft einen Zielkorridor, der sich nach Begehrlichkeit und vor allem den Angeboten der Konkurrenz richtet.

    So kostet ein Liter Milch bei Lidl, Rewe und Edeka nicht deshalb exakt 71 Cent, weil die Bauern ihren Rohstoff nicht billiger hergeben. Sondern weil Aldi zuvor den Preis gesetzt hat. Zieht der Discountkönig nach oben, ziehen alle übrigen oft noch am selben Tag mit. Rohstoffpreise für Kakao, Kaffee oder Zucker sind in Wirklichkeit über lang laufende Lieferkontrakte und Hedging-Instrumente abgesichert. Erst recht Transportkosten, die Procter für seine angeblichen Kostensteigerungen mitverantwortlich macht.

    Ein markantes Beispiel liefert die Reederei Hapag-Lloyd: Obwohl sich die Container-Frachtraten auf dem Spotmarkt 2020 vervierfachten, nahm der Konzern pro Container im Schnitt nur vier Prozent mehr ein als im Vorjahr.

    Erzeugerpreise in der Landwirtschaft haben sich kaum verändert

    Hinzu kommt: Den weitaus größten Teil der Inflation verdanken wir gestiegenen Benzin- und Heizölkosten, die nach ihrem Tief in der Coronakrise nun wieder zurückkommen. Auch CO2-Zuschläge und das Ende der Mehrwertsteuersenkung treiben die Teuerung. Die Erzeugerpreise für landwirtschaftliche Produkte dagegen lagen im März 2021 gerade einmal 0,2 Prozent über dem Vorjahresmonat.

    Grafik

    Den Preisanstieg im Supermarktregal beflügelt vor allem die höhere Ausgabebereitschaft der Deutschen. Weil an Urlaubsreisen, Restaurantbesuchen oder Kino gespart werden musste, stieg die Sparquote auf rekordverdächtige 16,3 Prozent.

    Nur ein Fünftel der Deutschen, das kommt noch hinzu, schätzt laut Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen die eigene Lage als schlechter ein als ein Jahr zuvor, 70 Prozent schätzen sie als gleichbleibend und zwölf Prozent sogar als besser ein.

    Wer das als Konsumgüteranbieter nicht ausnutzt, ist selbst schuld.

    Mehr: Preise steigen im Mai um 2,5 Prozent – Inflationsrate erreicht höchstes Niveau seit 2011

    Startseite
    Mehr zu: Kommentar - Tchibo und Co. heben die Preise an – Doch die Inflation ist ein fadenscheiniges Argument
    0 Kommentare zu "Kommentar: Tchibo und Co. heben die Preise an – Doch die Inflation ist ein fadenscheiniges Argument"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%