Kommentar Thyssen-Krupp kämpft gegen globalen Finanzkapitalismus

Der Konzern ringt nicht nur um eine tragfähige Strategie. Es ist auch eine Auseinandersetzung deutscher Industrietradition mit dem Finanzkapitalismus.
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Der Rückzug des Thyssen-Krupp-Chefs wurde von der Börse gefeiert. Die Probleme des Konzerns löst er nicht. Quelle: dpa
Heinrich Hiesinger

Der Rückzug des Thyssen-Krupp-Chefs wurde von der Börse gefeiert. Die Probleme des Konzerns löst er nicht.

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Legt man die Reaktion der Börse am vergangenen Freitag zugrunde, ist die Lösung einfach. Am Tag des Rücktritts von Heinrich Hiesinger schießt der Aktienkurs von Thyssen-Krupp nach oben. Ein klares Signal der Investoren, die offensichtlich im Chef selbst das Problem sahen. Doch wer sich den Tagesverlauf anschaut, stellt fest, dass es mit dem Aktienkurs rauf und runter ging. Einige Investoren waren gerade mal bereit, den Preis des Vortags zu zahlen, andere dagegen boten einen kräftigen Aufschlag für das Papier.

Das Auf und Ab zeigt die Zerrissenheit. Ist der Abschied des Vorstandsvorsitzenden nun wirklich eine gute Nachricht und der Weg frei für einen schnelleren Umbau des Konzerns? War die Strategie des eher vorsichtigen Wandels falsch, ist also mehr Tempo das Gebot der Stunde? Hat das Konglomerat Thyssen-Krupp tatsächlich ausgedient?

Hiesinger als das alleinige Problem auszumachen wäre zu einfach. Vor allem aber: Es trifft nicht den Kern. Der Vorstandschef ist zwischen die Fronten widerstreitender Interessen unter den Eigentümern des Unternehmens geraten. Auf der einen Seite der forsche Investor Cevian und der wenig zimperliche Hedgefonds Elliott, auf der anderen die betuliche Krupp-Stiftung. Plakativ formuliert: Globaler Finanzmarktkapitalismus trifft auf deutsche Industriekultur. Zwei Welten prallen aufeinander.

Thyssen-Krupp steht mit dieser Herausforderung durch Investoren nicht allein. Joe Kaeser, Chef des Technologiekonglomerats Siemens, baut an einer Holding mit angehängten und deshalb leichter zu handelnden Beteiligungsfirmen. Daimler-Chef Dieter Zetsche denkt über vergleichbare Strukturen nach. Getrieben werden sie dabei von international agierenden Geldgebern, die in der Auflösung komplexer Konglomeratsstrukturen den Mehrwert sehen.

Industrieller Adel der Nation

Daimler und Siemens zählen wie Thyssen-Krupp zum industriellen Adel dieser Nation. Es sind Unternehmen mit großer Tradition und großen Namen. Und es sind Unternehmen, die deshalb auch eine große Verpflichtung für das Land haben. Im Fall von Thyssen-Krupp ist das sogar festgeschrieben. Der wichtigste Aktionär, die Krupp-Stiftung, soll das Erbe des Firmengründers wahren.

Dieser Auftrag ist gründlich gescheitert. Sonst gäbe es das Chaos um Thyssen-Krupp nicht. Natürlich haben Cevian und Elliott mit ihrem Drängen und Fordern nach einem tiefgreifenderen und schnelleren Umbau die Lage provoziert. Aber die Krupp-Stiftung, die immer noch mit 21 Prozent gewichtigster Aktionär ist, hatte dem nichts entgegenzusetzen. Der Ankeraktionär, von dem eine klare Marschrichtung erwartet wird, hat versagt. Für die Elliotts dieser Welt geradezu eine Einladung zur Einmischung.

Was auch immer die Stiftung unter Wahrung des Krupp’schen Erbes verstehen mag, es ist in dieser wichtigen, vielleicht sogar wichtigsten Phase der Firmengeschichte nicht klar geworden. Überlebt Thyssen-Krupp, weil man alles zusammenhält? Oder überlebt der Name Krupp, weil Eigentümer und Management den Mut für eine grundlegende Umgestaltung fanden? In solchen Situationen gibt es nichts Schlimmeres als eine schwammige Positionierung. Den Miteigentümern Cevian und Elliott mangelt es jedenfalls nicht an klaren Vorstellungen. Man muss die nicht teilen.

Die Industriegeschichte kennt Beispiele, in denen Unternehmen das Glück hatten, in schwieriger Lage auf Ankeraktionäre setzen zu dürfen. BMW etwa, in den Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts durch ein milliardenteures Fehlinvestment bei Rover an den Rand des Ruins getrieben, konnte sich auf die Quandt-Familie verlassen.

Allzu gern hätten damals schon äußerst aktive Finanzinvestoren aus den USA den klangvollen Markenkonzern ausgeschlachtet. Das Festhalten an BMW war aus heutiger Perspektive kein Fehler. Im Gegenteil.

Auch der Zulieferer Continental wäre vermutlich längst ein Opfer von Finanzakrobaten, hätte die Familiendynastie Schaeffler nach dem zweifellos gewagten Einstieg bei Conti nicht ihr klares Commitment gegeben: Wir stehen das durch, und wir haben eine Idee, wohin die Reise gehen soll.

Die Krupp-Stiftung muss sich aufraffen

Thyssen-Krupp braucht eine solche Ansage klarer denn je. 200 Jahre nach Gründung steckt der Ruhrkonzern in einer schweren Krise. Den Chef auszuwechseln ist ein Leichtes. Aber welche Strategie soll der neue verfolgen? Thyssen-Krupp läuft Gefahr, das Schicksal eines anderen traditionsreichen Unternehmens zu erleiden. Der einst führende Baukonzern Bilfinger dümpelt ziellos vor sich hin – übrigens unter der Regie des Thyssen-Krupp-Aktionärs Cevian.

Rafft sich die Krupp-Stiftung jetzt nicht auf, ihre Mission als Ankeraktionär wahrzunehmen, drohen Thyssen-Krupp turbulente Zeiten. An Ideen mangelt es ja nicht, sie reichen bis hin zu Zerschlagungsfantasien – das ist wohl kaum eine Option für die Krupp-Stiftung.

Cevian und Elliott werden aber nicht die einzigen Investoren sein, die das Machtvakuum zu nutzen versuchen. Der Kulturkampf an der Ruhr hat gerade erst begonnen.

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