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Kommentar Tian’anmen – Ein Symbol für westliche Irrtümer im Umgang mit China

Das Kalkül, China würde sich mit wachsendem Wohlstand politisch öffnen, ist gescheitert – und Europa im Umgang mit der Volksrepublik ohne Strategie.
04.06.2019 - 10:43 Uhr Kommentieren
Ein Mann stellt sich auf dem Changan Blvd. am Tian’anmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, einem Konvoi von Panzern entgegen. Quelle: dpa
Peking im Juni 1989

Ein Mann stellt sich auf dem Changan Blvd. am Tian’anmen, dem Platz des Himmlischen Friedens, einem Konvoi von Panzern entgegen.

(Foto: dpa)

Manchmal gefriert Geschichte zu einem einzigen Bild. Wer kennt es nicht, dieses Foto: Ein junger Chinese stellt sich allein den anrollenden Panzern der Staatsmacht entgegen. Diese Zivilcourage, diese menschliche Größe lässt uns noch heute – 30 Jahre später – demütig werden. Lässt uns im Stillen aber auch hoffen, das Tian’anmen-Bild möge auch anderen Menschen die Kraft geben, es dem „Tank-Man“ gleichzutun.

Wochenlang hatten Tausende junger Menschen für politische Freiheit demonstriert. Bis die Panzer den Tod brachten. Wie viele Menschen genau starben, weiß niemand. Was aber jeder weiß: Dieses Bild ist zum Symbol geworden für Autokratie und Willkürherrschaft.

Zum Symbol aber auch für die großen Irrtümer des Westens im Umgang mit Peking. Es war ein Fehlkalkül – und ein Stück weit auch der Selbstgerechtigkeit des Westens geschuldet – anzunehmen, die Chinesen würden mit wachsendem Wohlstand westliche (universelle) Werte verinnerlichen.

Der zweite Irrtum war ein ökonomischer und bestand im Unterschätzen des technologischen Potenzials der Volksrepublik. Toaster und Kühlschränke könnten dort zusammengeschraubt werden, bestenfalls iPhones unter US-Regie. Vor allem Deutschland, das China einen Großteil seines Wohlstands zu verdanken hat und das Reich der Mitte lange etwas naiv als reinen Absatz- und Produktionsmarkt verstand, gab sich der China-Illusion hin. 

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    Jetzt schaut der Westen verblüfft auf ein China, das 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs die Systemfrage stellt. Die Macht dazu hat es allemal – politisch, ökonomisch und auch technologisch. Der Tian’anmen-Opfer gedenkt allein der Westen – auch deshalb, weil das Politbüro mithilfe Künstlicher Intelligenz ein unerträgliches Maß an Kontrolle über seine Bürger erreicht hat. 

    Das Internet, die sozialen Medien, einst als Instrumente der demokratischen Emanzipation gefeiert, in der Volksrepublik sind es die effizientesten Repressionsmittel gegen jegliches demokratische Aufbegehren.  Dass eine Parteidiktatur, eine autoritär gelenkte Gesellschaft eine derart dynamische Volkswirtschaft entwickeln kann, kaum jemand hätte es für möglich gehalten.

    Wie China die Erinnerung an das Tian’anmen-Massaker unterdrückt

    Seit dem Tode Maos hat Peking 800 Millionen Menschen aus der Armut befreiet. Das ist eine Leistung, die Bewunderung verdient. Spätestens 2030 wird China die größte Volkswirtschaft der Welt sein. Was im Westen Identitätsprobleme auslöst, ist aus Sicht Pekings bloß die Rückkehr zur historischen Normalität: Bis Ende des 18. Jahrhunderts war China die führende Wirtschaftsmacht.

    Vor allem für die USA stellt der anstehende Wachwechsel schon jetzt ein Trauma dar. All die Aggressionen Donald Trumps, die sich zuletzt gegen den Tech-Riesen Huawei richteten, sind nicht zuletzt Ausdruck einer tief verunsicherten Nation, die den Zenit ihrer Macht überschritten sieht. 

    Dazwischen ein schwaches Europa, das um Haltung in diesem Zweikampf ringt. Wie hältst du es mit China? Das ist für die kommenden Jahrzehnte die Schlüsselfrage europäischer Außenpolitik. Und letztlich zwingt das Gebaren Trumps die Europäer zur Positionierung.

    Europa muss Beziehungen zu China neu definieren

    Denn auch das ist wahr: Seine Bereitschaft, aufs Ganze zu gehen und auch eigenen ökonomischen Schaden in Kauf zu nehmen, hat in China zu Einsichten geführt. Etwa der, dass die Diskriminierung ausländischer Investoren nicht mehr akzeptabel ist.

    Diese Situation könnte Europa nutzen, freilich ohne sich von den USA im Kampf gegen die kommende Tech-Weltmacht instrumentalisieren zu lassen. China braucht Verbündete – eine Situation, die Europa für konstruktive Gespräche nutzen kann.

    Die Einstufung Chinas als „systemischer Rivale“ durch die EU, was als Akt außenpolitischer Selbstbehauptung verstanden werden will, reicht da nicht. Das wirkt eher wie ein Akt der Anbiederung an Donald Trump.

    Fakt ist: Die USA und China können mit ihrem Wirtschaftskrieg sich und anderen enormen Schaden zufügen. Die geopolitische Dimension dieses Streits ist so groß, dass er viele Staaten wie im Kalten Krieg zwingen könnte, sich dem US- oder dem China-Lager anzuschließen – eine Situation, die Europa unbedingt verhindern muss. 

    Dass Trump in seiner China-Paranoia bereit ist, alles Legitime und Illegitime zu unternehmen, um die angebliche gelbe Gefahr einzudämmen, hat er zur Genüge bewiesen. Und das Risiko ist nicht gering, dass er dabei genau jene Werte zerstört, die den Westen erst groß gemacht haben: die Offenheit, die Regelgebundenheit – am Ende vielleicht sogar die Freiheit. 

    Die Ironie dieser Geschichte: Xi Jinping, der Alleinherrscher Chinas, ist auf dem besten Weg, sein System, das er für welttauglich hält, selbst zu schwächen. Deng Xiaoping, der Erfinder des kapitalistischen Kommunismus, war es einst, der das Fundament für den sagenhaften Aufstieg Chinas legte.

    Er hatte die richtigen Lehren aus der Herrschaft Mao Zedongs gezogen, indem er die Macht dezentralisierte, die Trennung von Staat und Partei durchsetzte und den Personenkult abschaffte. Xi gefährdet mit einer Reideologisierung dieses Erbe. Dazu gehört auch, dass er versucht, jegliches Gedenken an die Tian’anmen-Opfer aus dem kollektiven Gedächtnis zu streichen. 

    Mehr: Die „Neue Seidenstraße“ soll China und Europa im Welthandel miteinander verbinden. Worin die Vor- und die Nachteile dieses Projektes liegen, lesen Sie hier.

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