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Kommentar Trump zielt bewusst auf Deutschlands neuralgischen Punkt

Trump kennt Deutschlands Schwäche und Verwundbarkeit. Sein Amerika hat kein Interesse an Partnerschaft. Europa muss bereit sein, sich zu wehren.
Update: 17.02.2019 - 16:27 Uhr 3 Kommentare
Der US-Präsident nimmt sich die deutsche Autobranche nicht zufällig zur Brust. Er weiß, dass es sich um eine Schlüsselindustrie handelt. Quelle: dpa
Angela Merkel (l.) und Donald Trump (r.)

Der US-Präsident nimmt sich die deutsche Autobranche nicht zufällig zur Brust. Er weiß, dass es sich um eine Schlüsselindustrie handelt.

(Foto: dpa)

Was bleibt, sind Frust, Enttäuschung und das bittere Gefühl einer vertanen Chance. Drei Tage lang diskutierten Regierungschefs, Minister und Experten auf der Münchner Sicherheitskonferenz über die Weltlage, über den Zerfall der liberalen Ordnung und den Aufstieg Chinas zur autoritären Systemalternative. Europa und Amerika hätten zusammenrücken und eine gemeinsame Strategie des Westens zur Verteidigung seiner Interessen und Werte verabreden können.

Doch am Ende der Debatten steht die Erkenntnis: Im multipolaren Wettkampf um Wohlstand und Einflusszonen ist Europa auf sich allein gestellt. Unter US-Präsident Donald Trump verstehen sich die USA nicht als Bündnispartner der EU. Sie begreifen sich als Gegner. Das Weiße Haus setzt nicht auf die Einheit des Westens, es betreibt dessen Spaltung.

Mit der fadenscheinigen Begründung, dass Autoimporte die nationale Sicherheit gefährden würden, bereitet die Trump-Regierung die Eskalation des transatlantischen Handelskonflikts vor. Der Albtraum der deutschen Autoindustrie droht wahr zu werden. Zehntausende Arbeitsplätze sind in Gefahr, die fragile Konjunktur ist bedroht. Warum? „Trump hasst euch“, zitiert ein Koalitionspolitiker einen amerikanischen Gesprächspartner, „er hasst euch mehr als die Chinesen.“

Trumps Amerika hat kein Interesse an Partnerschaft, auch nicht im Machtkampf mit den Chinesen um politische und technologische Dominanz. Trumps Amerika verlangt Unterordnung und Gefolgschaft. Vor diesem Hintergrund lässt sich ohne zu viel Pathos sagen: Europa steht vor Entscheidungen von historischer Dimension. Entweder es findet die Kraft, zum machtpolitischen Akteur zu werden. Oder es wird zum Spielball der Interessen anderer. Selbstbehauptung oder Fremdbestimmung – darum geht es.

Der US-Strategie Robert Kagan, einer der neokonservativen Promoter des Irak-Kriegs und des amerikanischen Feldzugs gegen „Schurkenstaaten“, hat sein Heimatland zuletzt als „rogue superpower“ beschrieben, als Schurkensupermacht, die sich „ausschließlich am eigenen Interesse“ orientiere.

Wenn die Handelsgespräche scheitern, was zu befürchten ist, darf Europa nicht der Versuchung schneller Konzessionen erliegen. Moritz Koch – Handelsblatt

Man kann einwenden, dass die USA schon immer ihre eigenen Interessen im Blick hatten, doch das Eigeninteresse ist heute anders definiert als früher. Enger und chauvinistischer. Das Interesse an langfristiger Stabilität ist dem kurzfristigen Nutzenkalkül gewichen.

Das bekommt vor allem Deutschland zu spüren, die selbst gehemmte Führungsmacht des Kontinents. Das Weiße Haus hat die Autobranche nicht zufällig ausgewählt. Trump kennt Deutschlands Schwäche und Verwundbarkeit, er weiß, dass es sich um eine Schlüsselindustrie handelt, ganz bewusst zielt er auf einen neuralgischen Punkt.

Es hat dem Präsidenten sehr gefallen, dass Chefs der deutschen Autokonzerne im Dezember 2018 nach Washington reisten – und er sie als Bittsteller begrüßen konnte. Kanzlerin Angela Merkel hat in München den Multilateralismus hochgehalten, vielleicht war es die beste Rede ihrer Amtszeit. Genauso couragiert muss sie sich jetzt gegen Trumps kruden Protektionismus stellen und die Einheit Europas garantieren. Leicht wird das nicht, die Autozölle treffen Deutschland ungleich härter als andere EU-Staaten.

Diese Asymmetrie macht Trump sich zunutze. Zu Beginn ihrer Rede bemühte Merkel die Einsicht des Forschers Alexander von Humboldt, der versuchte, die Welt als Ganzes zu begreifen: „Alles ist Wechselwirkung.“ Merkel ahnt, was ein eskalierender Handelskrieg mit den Amerikanern bedeuten könnte. Trump hat mit seinen Beratern schon mehrmals über einen Austritt aus der Nato gesprochen.

Bisher konnten sie ihn davon abbringen, doch mittlerweile findet sich im Weißen Haus kaum noch jemand, der es wagt, dem Präsidenten zu widersprechen. Für Trump ist es nur folgerichtig, die amerikanischen Sicherheitsgarantien für Europa als Druckmittel in Handelsfragen einzusetzen; sein Motto „America first“ gilt überall.

Was kann Europa dem entgegensetzen? Die Kanzlerin hat den Zenit ihrer Macht überschritten, ihre Koalition ist zerstritten und die Brexit-geplagte EU von Selbstzweifeln befallen. Und doch: Die Lage ist nicht so hoffnungslos, wie es erscheint. Auch Trump ist geschwächt, der Widerstand gegen seine Politik wächst. Die Mehrheit der Amerikaner will keinen Handelskrieg mit der EU, die Mehrheit der Kongressabgeordneten will ihn erst recht nicht.

Diesen Widerstand muss Europa verstärken, wenn nötig, mit einem handelspolitischen Gegenschlag. Merkel appellierte auf der Sicherheitskonferenz an die Verhandlungsbereitschaft der US-Regierung, sie traf sich mit Trumps Tochter Ivanka und Vizepräsident Mike Pence.

Doch wenn die Gespräche scheitern, was zu befürchten ist, darf Europa nicht der Versuchung schneller Konzessionen erliegen. Sie würden Europa spalten, Trump stärken und damit den Handelskrieg sogar verlängern. Europa muss bereit sein, sich zu wehren. Nur so kann es seinen Interessen Geltung verschaffen.

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3 Kommentare zu "Kommentar: Trump zielt bewusst auf Deutschlands neuralgischen Punkt"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Warum sollen wir Herrn Trump nicht zugestehen, was wir den Parteien in unserem Land gestatten und sie auch noch mit höheren Zustimmungswerten in den Umfragen belohnen?

  • Viele Leser haben seit Trumps Wahlsieg auf die Ungereimtheiten in seiner Außenpüolitik hingewiesen.
    Und diese Leser wurden verbal durch die Medien und diversen Politiker vorverurteilt.

    Die ewig Gestrigen, die ewigen Meckerer bis hin zu den "Putinversteher" konnte keine Vokabel schäbig genug sein.

    Jetzt haben wir den Salat und die Medien und Politiker jammern.

    Immer mehr unfähige Politiker haben in Deutschland und in der EU zu bestimmen.

    Aber bald sind Wahlen.

  • Warum wieder diese Hysterie?
    Die meisten Autos deutscher Hersteller werden doch sowieso in USA produziert. Das war doch schon mal clever. Und die verhältnismäßig geringen Exporte in die USA von Modellen, die hier produziert werden, sind dann eben 5.000 (?) teurer. Da es sowieso hochpreisige Autos sind, dürften die amerikanischen Kunden nicht mehrheitlich vom Kauf abhalten. Ist eben Made in Germany! Den Kunden ist gut zu erklären, warum die Preissteigerung notwendig ist.

    Der Vorteil von weltweiten Fertigungsverbunden ist doch, dass die Hersteller teilweise die Werke in USA stilllegen könnten für Autos, die sonst evtl. exportiert worden sind und nun von Werken außerhalb der USA produziert werden können. Ein Ausgleich für die fehlenden Exportlieferungen nach USA.

    Unsere Wirtschaft ist stärker als unsere Politiker/-innen. Diese Kriecherei und Selbst-Kleinmacherei vor unseren Freunden ist unsäglich und nicht mit anzusehen.

    Da ist Russland mit Herrn Putin ja berechenbarer und zuverlässiger.

    Wir sollten überlegen, einen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok zu begründen. Dann brauchen wir uns keine Gedanken machen, dass Russland uns angreift oder andere Aktivitäten begründen.

    Das ist sicher noch nicht zu Ende gedacht, aber eine Option zu dem Pseudo-Dealmaker und Nazisten in Washington.

    Wir sollten uns unserer Stärke bewusst sein und nicht ängstlich als Wurm herumkriechen und uns klein machen. - einfach armselig.


    MfG Peter Michael