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Kommentar Überteuerte Firmenzukäufe rächen sich in der Coronakrise

Überteuerte Firmenzukäufe könnten vielen Unternehmen in der Coronakrise auf die Füße fallen. Es bahnt sich eine Abschreibungswelle an.
12.07.2020 - 13:15 Uhr Kommentieren
Alle 30 Dax-Konzerne hatten Ende 2019 nach Handelsblattberechnungen in Summe 317 Milliarden Euro Goodwill in den Bilanzen stehen. Vor zehn Jahren waren es noch 190 Milliarden Euro.
Hoffnungswerte

Alle 30 Dax-Konzerne hatten Ende 2019 nach Handelsblattberechnungen in Summe 317 Milliarden Euro Goodwill in den Bilanzen stehen. Vor zehn Jahren waren es noch 190 Milliarden Euro.

Die Aktionäre des Baustoffriesen Heidelberg Cement ahnten schon, was sie erwarten würde. Als das Unternehmen Sonderabschreibungen auf Firmenwerte (Goodwill) in einem Volumen von 3,4 Milliarden Euro bekanntgab, zuckte die Notierung an der Börse nur kurz. Kein Wunder. Wenn bei einem Unternehmen wie Heidelberg Cement insgesamt zwölf Milliarden Goodwill auf der Bilanz lasten, sind die Aktionäre noch gut davongekommen.

Die Investoren können sich zudem trösten: Ihr Unternehmen ist mit dieser Wertberichtigung – so schmerzhaft sie auch für Gewinn und Eigenkapital sein mag – der Realität ein großes Stück näher gekommen. Denn Goodwill ist nichts anderes als ein Hoffnungswert auf künftige Gewinne, entstanden durch überteuerte Firmenzukäufe. Anders formuliert: Abschreibungen auf Goodwill werden immer dann fällig, wenn die Erwartungen zu groß waren.

Jetzt in der Coronakrise rächt sich es sich bitter, dass die Manager der Dax-Konzerne in den zurückliegenden Jahren offensichtlich zugekauft haben, was die Firmenkasse hergibt. Die Aufpreise bei Firmenakquisitionen waren teilweise gigantisch. SAP etwa kaufte den Datenspezialisten Qualtrics für stolze 6,4 Milliarden Euro. Der wahre Firmenwert der Neuerwerbung lag bei 1,4 Milliarden Euro. Ergebnis: fünf Milliarden Goodwill in der SAP-Bilanz.

Der Software-Vorzeigekonzern Deutschlands steht mit solchen Kaufeskapaden nicht allein. Alle 30 Dax-Konzerne hatten Ende 2019 nach Handelsblattberechnungen in Summe 317 Milliarden Euro Goodwill in den Bilanzen stehen. Vor zehn Jahren waren es noch 190 Milliarden Euro.

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    Eon, FMC und Fresenius hatten zuletzt sogar mehr Goodwill als Eigenkapital in der Bilanz. Nicht auszumalen, die müssen einst mit einem Schlag wertberichtigt werden. Dass es so weit nicht kommt, dafür sorgen die Unternehmen, ihre Wirtschaftsprüfer und der internationale Bilanzierungsstandard IFRS. Danach muss zwar jedes Jahr ein Impairmenttest gemacht, die Werthaltigkeit der Zukäufe überprüft werden. Doch solange die Wirtschaft brummt und keine dunklen Wolken am Konjunkturhimmel zu sehen sind, bleibt Goodwill ein langweiliger Bilanzposten.

    Wenn aber wie jetzt durch die Corona-Pandemie die Welt auf den Kopf gestellt wird, entwickelt sich Goodwill zu einer bedrohlichen Gefahr. Plötzlich sind Geschäftserwartungen Makulatur. Mehr noch: Ganze Geschäftsmodelle erweisen sich als hinfällig, die Firmenwerte ebenso. Gewaltige Abschreibungen werden damit fällig.

    Welle von Goodwill-Abschreibungen droht

    Eine solche Situation gab es schon 2008/09: Die Finanz- und Wirtschaftskrise fegte wie ein gewaltiges Gewitter über die Unternehmen. Aber, und darin liegt der Unterschied zur Coronakrise, das Gewitter verzog sich auch wieder – jedenfalls für die Industrie. Der Verkauf von Konsumgütern zog wieder an, Menschen reisten wieder, Dienstleister hatten Hochkonjunktur. Die Finanzkrise galt nur als eine Delle – wenn auch eine tiefe. Unternehmen wie Wirtschaftsprüfer sahen keinen Grund für zusätzliche Abschreibungen.

    Diesmal wird das jedoch so nicht gehen. Zwar weiß niemand genau, welche Auswirkungen die Coronakrise langfristig auf Wirtschaft und Gesellschaft haben wird. Sicher scheint aber zu sein, dass Corona eine Art Beschleuniger für viele Entwicklungen ist, für Digitalisierung und Elektro-Mobilität etwa.

    Das bedeutet indes auch, dass Hoffnungen in zugekaufte Unternehmen in einigen Branchen radikal zusammengestrichen werden müssen. In der Automobilindustrie werden sich die Konzerne in diesem Jahr nicht mehr vor der Frage drücken können, ob ein vor zehn Jahren gekaufter Spezialist für Verbrennungsmotortechnik heute noch sein Geld wert ist. Er ist es vermutlich nicht mehr.

    Die Bilanzierungsvorschriften IFRS lassen den Financiers und Prüfern weitgehende Freiheiten in dieser Frage. Wohl auch deshalb haben sich die Konzerne um Abschreibungen herumgedrückt. Gemessen am tatsächlichen Abschreibungsvolumen der letzten Jahre müssten alle Dax-Zukäufe im Durchschnitt eine Nutzungsdauer um die 100 Jahre haben. Das ist vollkommen unrealistisch.

    So dürfte sich jetzt eine Welle von Goodwill-Abschreibungen anbahnen, deren Wirkung viel dramatischer sein wird als in normalen Zeiten. Dass der Gewinn einbricht, ist unangenehm, aber einmalig und daher zu verkraften. Dass jedoch auch das Eigenkapital im Umfang der Wertberichtigungen zusammengestrichen werden muss, kommt ausgerechnet jetzt nicht gut an. Eine starke Kapitalbasis ist derzeit besonders wichtig, um die Krisenzeit zu überbrücken.

    Ist die Rückkehr zu linearen jährlichen Abschreibungen die Lösung? So wie es Wirtschaftsverbände und selbst Finanzanalysten heute fordern. Wohl kaum. Nach beispielsweise zehn Jahren eine Beteiligung systematisch auf null abzuschreiben macht auch keinen Sinn.

    Besser wäre es, Manager ließen sich gar nicht erst auf Bietergefechte ein und gingen sorgfältiger mit dem Vermögen der ihnen anvertrauten Unternehmen um. Und den Aktionären sei dringend geraten, sich um Goodwill nicht erst in schlechten Zeiten zu kümmern. Denn die Rechnung zahlen am Ende auch sie.

    Mehr: Die 317-Milliarden-Euro-Blase: Hoffnungswerte belasten Bilanzen der Dax-Konzerne

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