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Kommentar Um die Klimaziele zu erreichen, müssen auch Tabuthemen auf die Agenda

Die Klimaziele sind in Gefahr. Klar ist: Es reicht nicht, nur CO2 zu sparen. Auch Themen wie Tempolimits und Atomkraftwerke müssen in den Fokus rücken.
2 Kommentare
Deutschland will bis 2050 klimaneutral werden. Quelle: dpa
Erneuerbare Energie

Deutschland will bis 2050 klimaneutral werden.

(Foto: dpa)

Die Dimension der Aufgabe macht sich kaum jemand klar: Wenn Deutschland 2050 klimaneutral sein soll, muss der Ausstoß an Kohlendioxid oder CO2 um mindestens 95 Prozent sinken. Deutschland dürfte dann Mitte des Jahrhunderts nur noch 63 Millionen Tonnen Treibhausgase emittieren – das ist fast nichts, gemessen an den 866 Millionen Tonnen des vergangenen Jahres.

Um dieses Ziel zu erreichen, müssten 30 Jahre lang im Schnitt 25 Millionen Tonnen Treibhausgase jährlich zusätzlich eingespart werden.

Eine weitgehend CO2-freie Volkswirtschaft ist zwar möglich, doch nur dann, wenn fossile Energieträger durch erneuerbare Energien und – horribile dictu – Atomkraft ersetzt werden. Die jüngsten Klimabeschlüsse der Regierung werden der gewaltigen Dimension der Aufgabe nicht gerecht. Was das Kabinett jetzt Schritt für Schritt beschließt, ist lediglich ein Paket von 66 unkoordinierten Einzelmaßnahmen; eine echte Strategie fehlt.

Vielleicht ist sich die Bundesregierung nicht bewusst, was es bedeutet, eine Volkswirtschaft innerhalb von drei Dekaden von Grund auf umzubauen. Oder es fehlt ihr der Mut, die Bürger mit den Erfordernissen zu konfrontieren. Vermutlich ist beides der Fall.

Die Elektrifizierung einer Volkswirtschaft mit erneuerbaren Energien ist eine gigantische Aufgabe. Es geht nicht nur um den derzeitigen Verbrauch an Strom, der bereits zu gut 40 Prozent grün erzeugt wird – es geht um den gesamtwirtschaftlich relevanten Primärenergieverbrauch, also um all unsere Energierohstoffe inklusive Umwandlungsverluste. Hier beträgt der Anteil der Erneuerbaren derzeit bescheidene 14 Prozent.

Laut Deutscher Energieagentur darf 2050 der dann um die Hälfte gesunkene Primärenergiebedarf ausschließlich aus erneuerbaren Quellen und synthetischen, also nicht aus fossilen Energieträgen gedeckt werden. Dies binnen drei Jahrzehnten zu realisieren scheint kaum vorstellbar.

Widerstand gegen Windkraft

Denn schon das selbst gesteckte Zwischenziel, bis 2030 etwa 65 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren zu generieren, ist schwer zu erreichen. Dazu müssten jährlich 4,5 Gigawatt Windenergie an Land zusätzlich installiert werden. Doch in den ersten neun Monaten 2019 wurden gerade einmal 500 Megawatt gebaut, weil es an Flächen mangelt, Genehmigungen fehlen und zahlreiche Klagen anhängig sind.

Eine Energiewende ist nur im Konsens mit der Bevölkerung möglich. Doch die Lage ist paradox. Es formiert sich Widerstand gegen den Infrastrukturausbau, obwohl derselbe Personenkreis das damit verbundene Ziel unterstützt. Nach einer Forsa-Umfrage befürwortet eine Mehrheit die Energiewende, also den Ausstieg aus Atom- und Kohlestrom bei gleichzeitigem Ausbau grüner Energie.

Fragt man aber nach der Akzeptanz unvermeidbarer Schritte wie des Baus neuer Windräder und Stromtrassen, sinkt die Zustimmung in der Bevölkerung spürbar. Mehr als 1.000 Bürgerinitiativen protestieren inzwischen gegen die Errichtung neuer Windräder. Zwei Jahre dauert es, um einen Bau genehmigen zu lassen – und selbst dann muss der Betreiber noch mit Klagen rechnen.

Dieses Verhalten ist durchaus rational. Der Wert von Immobilien in der Nähe von Windkraftanlagen sinkt einer RWI-Studie zufolge spürbar. Der Lärm der Rotorblätter sowie deren Schattenwurf und Infraschall verringern den Wert der Häuser, die in einem Kilometer Entfernung stehen, im Schnitt um sieben Prozent.

Bezeichnend ist, dass es in der Debatte über die Klimabeschlüsse vorrangig um die CO2-Steuer geht. Der Ausbau der Energieinfrastruktur spielt nur eine nachrangige Rolle. Dies muss die Regierung dringend korrigieren, wenn sie ihre energie- und klimapolitischen Ziele ernst meint. Ohne eine nationale Kraftanstrengung beim Ausbau der Energieinfrastruktur werden die Ansprüche krachend verfehlt.

Tempolimit würde drei Millionen Tonnen CO2 einsparen

Dazu muss die Politik den Mut aufbringen, den Bürgern die Wahrheit über Kosten, Zumutungen und notwendige Verhaltensänderungen nicht vorzuenthalten. Ein Tempolimit von 130 Kilometer je Stunde auf Autobahnen wäre ein einfaches Mittel, um jedes Jahr drei Millionen Tonnen CO2 einzusparen.

Würden die noch am Netz hängenden Kernkraftwerke weiterlaufen und stattdessen sukzessive die klimaschädlichen Braunkohlemeiler abgeschaltet, könnte Deutschland die Klimagase um 80 Millionen Tonnen senken. Im Vergleich dazu sind die Einsparungen infolge von 3,6 Cent teurerem Benzin, elf Prozent günstigeren Bahntickets oder dem Verbot neuer Ölheizungen ab 2026 Kleinigkeiten.

Die Angst der Politik vor Gelbwesten-Protesten von Flensburg bis Starnberg wegen der Belastungen durch eine ambitioniertere Klimapolitik scheint riesig. Doch nachdem die AfD angekündigt hat, die Klimapolitik zu einem ihrer Hauptwahlkampfthemen machen zu wollen, wird der Regierung wenig übrig bleiben, als die Tatsachen offen anzusprechen. Alternative Fakten sind jedenfalls keine Alternative.

Mehr: HRI-Chefökonom Bert Rürup schlägt einen Fünf-Punkte-Plan für Wachstum und nachhaltige Beschäftigung vor.

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2 Kommentare zu "Kommentar: Um die Klimaziele zu erreichen, müssen auch Tabuthemen auf die Agenda"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Der Bau neuer Atomkraftwerke dauert zu lange und ist mit sehr viel wirtschaftlichen Risiken verbunden und vermutlich ist der Strom auch sehr teuer. Denn erneuerbare Energie wird immer billiger und macht auch in Sachen Speicherung Fortschritte. Atomstrom aus neuen Atomkraftwerken ist heute ab 15 Cent pro KW/h zu bekommen, aus erneuerbaren Wind oder Sonne mit Speicherung für ca 5-7 Cent pro KW/h und diese werden in Zukunft noch günstiger.
    Besser wäre es die alten Atomkraftwerke noch ein paar Jahr länger laufen zu lassen. Aus abgeschriebenen Atomkraftwerke lässt billig Strom produzieren, bis diese durch erneuerbaren Strom ersetzt werden kann. Und ob noch ein paar Tonnen mehr Atommüll eingelagert werden muss, dürfte das Atommüllproblem auch nicht insgesamt größer machen.

  • Der Autor lest scheinbar nicht das Handelsblatt. Anderenfalls müsste er wissen, dass die Stromversorgung Deutschlands durch die Windkraft derartig destabilisiert ist, dass jederzeit ein Blackout möglich ist, mit unabsehbaren Konsequenzen (siehe https://www.handelsblatt.com/meinung/gastbeitraege/gastkommentar-unsere-energiewende-braucht-hilfe-aus-europa/6558840.html?ticket=ST-4387664-dEKQG0g3KItxHMNiL4TS-ap2).
    Will man zusätzliche Windräder in Betrieb nehmen, braucht man zusätzlich Gaskraftwerke (siehe https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-deutschlands-rechnung-zur-energiewende-geht-nicht-auf/25092194.html).
    In Wahrheit steht die Energiewende vor dem Ende nur niemand traut sich der hysterisierten Öffentlichkeit diese schlichte Wahrheit zu sagen.