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Kommentar Unsere Privatsphäre ist am Ende – nun ist es höchste Zeit, über neue Regeln zu sprechen

Die Privatsphäre, wie wir sie kennen, ist im Zeitalter der vernetzten Geräte am Ende. Deshalb braucht es Regeln für das Zeitalter des Überwachungskapitalismus.
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Smarte Geräte werden in Zukunft ihre Besitzer immer mehr belauschen. Quelle: dpa
Amazons Sprachassistent Alexa

Smarte Geräte werden in Zukunft ihre Besitzer immer mehr belauschen.

(Foto: dpa)

Sagen wir, wie es ist: Niemand wird in Zukunft noch unbeobachtet leben können. Gerade erst haben sich viele Menschen an den Gedanken gewöhnt, dass Google und Facebook nahezu jede ihrer Bewegungen im Internet verfolgen, da kommt die nächste Generation von Geräten mit vernetzten Sensoren heraus: Smarte Uhren, Laufschuhe, Gürtel, sogar Yogamatten wollen ihre Besitzer coachen – und überwachen.

Viele Geräte werden in Zukunft auch die Stimme ihrer Besitzer belauschen: Ende 2018 waren weltweit bereits 2,5 Milliarden Geräte mit Sprachassistenten im Einsatz – 2023 sollen es laut Jupiter Research acht Milliarden sein.

Auf diesem Weg entsteht eine unvorstellbare Menge an Daten. Und die meisten dieser Daten fließen bei Unternehmen wie Google, Amazon und Facebook zusammen, werden von ihnen analysiert, gespeichert und weiterverwertet – oft, ohne dass Nutzer im Detail verstehen, was da vor sich geht.

Das ist das Ende der Privatsphäre, wie wir sie kannten, weil sich dieser Entwicklung niemand entziehen kann. Selbst wenn es ein Einzelner versuchen würde, kommuniziert er doch mit Menschen, bei denen die Technik im Einsatz ist.

Die ehemalige Harvard-Professorin Shoshana Zuboff sieht die Welt daher an der Schwelle zum Zeitalter des „Überwachungskapitalismus“. Die neuen Datenkapitalisten seien in der Lage, immer bessere Vorhersagen über das Verhalten einzelner Menschen zu treffen: was sie kaufen werden, wie es um ihre Beziehung steht und welche Parteien sie wahrscheinlich wählen.

Doch gegen die Logik dieses neuen Zeitalters regt sich Widerstand, und der war selten zuvor so spürbar wie auf dem diesjährigen Digitalfestival South by Southwest (SXSW) im texanischen Austin. Viele Jahre herrschte auf Veranstaltungen wie diesen vor allem Begeisterung für das Neue.

Die Helden waren Gründer, die wie aus dem Nichts die ganze Welt eroberten. „Move fast and break things“ war das Motto von Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Nun fragen sich immer mehr Vertreter der Szene, ob dabei nicht zu viel kaputtgegangen ist, Vertrauen zum Beispiel.

Roger McNamee etwa, der ehemalige Mentor von Zuckerberg, fordert eine Debatte darüber, ob es legal sein sollte, Geld mit dem Kauf, Handel oder Verkauf von privaten Daten zu verdienen. Die US-Senatorin und potenzielle Präsidentschaftskandidatin Elizabeth Warren plädiert gar für eine Zerschlagung der größten Technologieunternehmen.

Tatsächlich ist in diesem neuen Überwachungskapitalismus einiges außer Kontrolle geraten. Ungehindert konnte der Attentäter von Christchurch seinen Anschlag live über Facebook streamen – millionenfach verbreitete sich das Video anschließend über das soziale Netzwerk.

Die Chemiebranche kennt die Situation

In Googles Heim-Sicherheitstechnik Nest wurden Mikrofone eingebaut, ohne dass Nutzer davon wussten. Und Amazon verschickte eine über Alexa aufgezeichnete intime Unterhaltung versehentlich an einen wildfremden Nutzer.

Sosehr die Konzerne die Analyse der Nutzerdaten perfektioniert haben, so lax ist allzu oft ihr Umgang mit diesen Daten und mit den auf ihren Plattformen veröffentlichten Inhalten. In einer vergleichbaren Situation war die Chemieindustrie vor einigen Jahrzehnten.

Die Konzerne wuchsen, machten Gewinne, scherten sich aber wenig um kranke Anwohner und verseuchte Flüsse. Das ging so lange, bis die Unternehmen gezwungen wurden, bessere Filter zu entwickeln und höhere Sicherheitsstandards einzuführen. Heute stimmt zumindest bei der deutschen Chemieindustrie nicht nur die Reputation, sondern auch die Bilanz.

Die großen Digitalkonzerne brauchen ebenfalls bessere Sicherheitsmechanismen, zu ihrem eigenen Besten ebenso wie zum Wohl der Gesellschaft. Das strengere EU-Datenschutzrecht ist – bei allen Schwächen – ein richtiger erster Schritt, der bereits weltweit Nachahmer findet. Zusätzlich sollten sich Plattformen wie Google und Facebook selbst ethische Standards geben – und deren Einhaltung von einer unabhängigen Institution überwachen lassen.

Zudem müssen Nutzer ihre Daten leichter als bisher auf andere Plattformen übertragen können. Zu oft verhalten sich die großen Internetkonzerne so, als würden all diese Daten ihnen gehören. Deshalb erklären die Unternehmen auch nie im Detail, was sie über ihre Nutzer wissen und was mit diesem Wissen geschieht.

Auch das muss sich ändern. Es müssen ja nicht gleich so prominente Warnhinweise wie auf Zigarettenpackungen sein. Sichtbarer als heute ginge es allemal. Viele Nutzer würden die Einwilligung zur Nutzung ihrer Daten überdenken, wenn sie wüssten, dass daraus sexuelle Vorlieben oder beginnende Depressionen herausgelesen und als Information an Dritte weitergereicht werden können.

Die neuen Regeln sind umso wichtiger, als China im weltweiten Datenkapitalismus längst ganz andere Standards setzt. Wir erleben nicht nur einen Wettstreit um die die globale Technologieführerschaft, sondern auch ein weltweites Ringen um die ethischen Standards des digitalen Zeitalters.

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