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Die neuen Zwanziger

Kommentar Unsere Privatsphäre ist fast verloren – Zeit, sie zurückzuerobern!

Mit dem Beginn der neuen Dekade stirbt die Privatsphäre. Doch diese Entwicklung kann auch eine Chance sein, die Bedeutung von Datenschutz neu zu lernen.
30.03.2020 - 12:00 Uhr Kommentieren

Für Hoan Ton-That beginnt das neue Jahrzehnt ganz traumhaft: Früher noch ein erfolgloser Erfinder, kennt ihn heute die ganze Welt. Denn im Januar berichtete eine New York Times-Journalistin über sein neues Digital-Unternehmen Clearview AI. Wären die 2020er Dürrenmatts Physiker, Ton-That wäre Herr Möbius: der Entdecker der Weltformel, die in die Menschheit vernichtet, sobald sie in die falschen Hände gerät.

Während zu Dürrenmatts Zeiten aber noch kollektive Angst vor einem Atomkrieg herrschte, verkörpert heute das Ende der Privatsphäre die Apokalypse. Nur das Timing ist buchstäblich verrückt: Denn Privatsphäre, wie sie analoge Generationen kannten, ist bereits digitale Lichtjahre entfernt; die Angst, sie zu verlieren, nur noch ein Phantomschmerz.

Ton-That setzt zur Heilung auf einen Realitätsschock: Seine neueste digitale Erfindung ist eine Software, die jeden einzelnen Menschen auf diesem Planeten anhand weniger Fotos im Internet identifiziert. Wer die Datenbanken nutzt, erhält innerhalb von Sekunden ein umfangreiches Profil, aus der Gesamtheit der digitalen Datenmasse der Person: Alter, Wohnort, Nationalität und Familienstammbaum sind nur der Anfang. Den Erfinder selbst beunruhigt das wenig. Er hält sich einfach nur für einen Realisten.

Ohne Zweifel werden Anwendungen wie seine im Laufe des Jahrzehnts noch um unzählige Variablen erweitert, mit wortwörtlich fatalen Folgen für all unsere großen und kleinen Geheimnisse. Brainhacker und vernetzte Geräte werden vor Geheimkonten in der Schweiz genauso wenig haltmachen wie vor sexuellen Vorlieben.

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    Denn erstens nimmt die Anzahl der Tätigkeiten, bei denen wir permanent Daten produzieren, rapide zu. Und zweitens werden Maschinen immer besser darin, diese Daten auszuwerten und zu präsentieren. Die Anzahl jener Menschen, von denen kein digitales Material existiert, wird gegen Null gehen. Das wirkt wie ein Horrorszenario. Es kann aber auch eine Chance sein.

    Unser Gesellschaftsvertrag steht auf dem Spiel

    Außer Frage steht, dass der Staat und seine Behörden, Institutionen und Unternehmen Wege finden müssen, uns auch im digitalen Zeitalter zu schützen. Denn das Recht auf Privatsphäre gilt als Menschenrecht, in Deutschland gilt: „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.“

    Die Unverletzlichkeit der Wohnung, die Sicherheit von Kommunikationsmitteln wie Post, Telefon, E-Mail, der Schutz personenbezogener Daten, all das ist im Grundgesetz festgeschrieben – als Lehre aus den Jahrzehnten vor 1949. Diese Werte zu wahren muss oberste Priorität bleiben, auch unter veränderten Bedingungen.

    In Zeiten, in denen technisch alles möglich scheint, ist genau das aber eine beispiellose Herausforderung, auf dem Spiel steht nichts Geringeres als unser Gesellschaftsvertrag – die Grundlage dafür, als Gemeinschaft friedlich existieren zu können.

    Auch Dürrenmatt wusste: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Was Ton-Thats unheimliche Gesichtserkennung technisch möglich gemacht hat, genauso wenig. Die einzige Möglichkeit dafür: die Flucht nach vorne. Nutzen wir also dieselben Mechanismen, die die Kraft haben, unsere Grundwerte auszuhebeln – um sie zu schützen.

    Dazu braucht es Energie und Anstrengungen: Wir alle müssen digitale Kompetenzen entwickeln, müssen technisch, rechtlich und politisch verstehen und einordnen können, was mit unseren Daten geschieht. Verantwortlich dafür, das möglich zu machen, sind der Staat, die Politik, Schulen und öffentliche Institutionen, aber auch Unternehmen, Arbeitgeber und zivilgesellschaftliche Institutionen. Und jeder und jede Einzelne für sich. Denn nur, wenn wir ein Gefühl dafür entwickeln, wie wir mit unseren digitalen Daten umgehen, können wir die Parameter unserer digitalen Selbstbestimmung definieren.

    Erst dann wird es nicht mehr um das Ende alles Privaten gehen, sondern darum, Datenschutz unter veränderten Umständen neu zu lernen, gemeinsam als Gesellschaft neu. Freunden wir uns also mit dem Unausweichlichen an. Auch bei den Physikern gilt: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“  

    Mehr: Die Netzpolitik muss sich ändern, um sexualisierten Beschimpfungen und Gewaltfantasien Einhalt zu gebieten. Wehe, wenn der Kampf verloren geht.

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