Kommentar: Unternehmen schaden ihren Interessen, wenn sie Milliardenabschreibungen verzögern

Mit 43,5 Milliarden Euro hat Bayer so viel Goodwill in der Bilanz stehen wie kein anderer deutscher Konzern.
Foto: AFPMindestens viereinhalb Milliarden Euro Nettogewinn im Jahr 2022 hatten Analysten für BASF erwartet. Tatsächlich wird es ein Minus von 1,4 Milliarden Euro. Grund ist eine Milliardenabschreibung auf das Russland-Geschäft der Gastochter Wintershall. Zuvor war bereits der Spezialchemiekonzern Covestro aufgrund von Abschreibungen auf Anlagevermögen in die roten Zahlen gerutscht.
Doch wer erwartet hat, dass die Aktienkurse deshalb abstürzen, lag falsch. Beide Chemieaktien laufen seit Wochen an der Börse prächtig. Daran änderten auch die vermeintlichen Hiobsbotschaften nichts. Denn es handelte sich in beiden Fällen um ein unvermeidliches Eingeständnis. Endlich kommuniziert und bilanziell verbucht, ebnet es den Weg für einen Neuanfang.
Doch es geht nicht nur um Anlagevermögen und wertlos gewordene Russlandgeschäfte. Viele Unternehmen haben in den vergangenen Jahren immer höhere Geschäfts- und Firmenwerte (Goodwill) angehäuft, die sich nicht in allen Fällen noch so rechnen wie ursprünglich erhofft. Auch hier drohen Abschreibungen.
So hat Bayer mit 43,5 Milliarden Euro so viel Goodwill in der Bilanz stehen wie kein anderer deutscher Konzern. Rund 20 Milliarden Euro resultieren aus der gut 50 Milliarden Euro teuren Monsanto-Übernahme. Das entspricht fast dem heutigen Börsenwert des fusionierten Konzerns von 57 Milliarden Euro. Dieser war vor der Übernahme mehr als doppelt so viel wert. Das Urteil der Anleger ist eindeutig: ein schlechtes Geschäft.
Aktionäre spekulieren darauf, dass der Konzern schon auf der Hauptversammlung im April einen Nachfolger für Unternehmenschef Werner Baumann präsentieren wird, der den hohen Kaufpreis immer verteidigt hat.
Ein Nachfolger könnte sich von den Altlasten befreien. So wie es einst Heidelberg Materials praktizierte. Den Abgang von Unternehmenschef Bernd Scheifele 2020 nutzte der Baustoffkonzern für Abschreibungen von gut drei Milliarden Euro. Dadurch verringerten sich die Hoffnungswerte in der Bilanz mit einem Schlag um 27 Prozent. Die Aktie stieg seitdem um 30 Prozent.
Oder in größerem Stil Kraft Heinz: Der Aktienkurs des amerikanischen Ketchup-Herstellers fiel zwar nach einer 15,4-Milliarden-Dollar-Abschreibung 2019 auf ein Rekordtief – hat sich seitdem aber verdoppelt.
Die Börse lehrt: Milliardenverluste aufgrund von Bilanzbereinigungen bergen Kursrisiken, aber längerfristig auch -chancen.