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Kommentar Unternehmerfamilien sollten ihre Rolle unterm Hakenkreuz erforschen

Unternehmerfamilien sollten sich an den Reimanns orientieren und sich mit ihrer Position in der NS-Zeit befassen – gerade weil es oft erst jetzt möglich geworden ist.
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2013 hatte August Oetker im Interview mit der „Zeit“ bekannt: „Mein Vater war ein Nationalsozialist“. Quelle: dpa
Oetker-Gruppe

2013 hatte August Oetker im Interview mit der „Zeit“ bekannt: „Mein Vater war ein Nationalsozialist“.

(Foto: dpa)

Das Ende des Naziregimes liegt nahezu 74 Jahre zurück. Die Täter von damals sind alle tot, und selbst die Generation der Kriegskinder ist hochbetagt. Das Gleiche gilt für die Opfer des Nationalsozialismus. Was geht es uns heute noch an, wenn eine Historikerkommission die Schuld einer weiteren deutschen Unternehmerfamilie enthüllt – so wie zuletzt im Fall der Konsumgüter- und Chemiedynastie Reimann („Benckiser“)?

Der Münchener Wirtschaftshistoriker Paul Erker hat im Auftrag der Familie Reimann deren Rolle im Nationalsozialismus erforscht. Ergebnis: In den Werken und der Privatvilla der beiden damaligen Firmenpatriarchen ist es während der NS-Zeit zu Gewalt und sexuellem Missbrauch an Zwangsarbeitern gekommen. Beide Unternehmenslenker waren zudem überzeugte Nationalsozialisten und Antisemiten und haben von der Kriegswirtschaft profitiert.

Die Fälle sind unterschiedlich, doch die Muster ähneln sich. 2013 hatte August Oetker im Interview mit der „Zeit“ bekannt: „Mein Vater war ein Nationalsozialist.“ Erst nach dessen Tod 2007 sei der Weg frei gewesen für eine Historikerkommission, die die Verstrickungen der Oetkers mit den damaligen Machthabern offenlegte – gegen den Willen vieler Familienmitglieder.

Der Fall Oetker beantwortet auch die Eingangsfrage: Warum sollten wir uns jetzt noch mit der Rolle von deutschen Familienunternehmen im Nationalsozialismus befassen? Antwort: Weil es vielfach erst jetzt möglich ist. Jetzt, nachdem nicht nur die Tätergeneration verstorben ist, sondern allmählich auch die Generation derer abtritt, die im Schatten der Täter aufgewachsen sind.

Hier liegt ein grundlegender Unterschied zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus bei börsennotierten Unternehmen, die nicht im Besitz einer Familie sind. Auch in solchen Konzernen gab und gibt es Patriarchen, doch ihr Schatten reicht nicht ganz so weit. Nach ihrem Abschied aus dem Vorstand können sie womöglich noch einige Jahre über den Aufsichtsrat Einfluss nehmen.

Aber spätestens mit ihrem Tod ist damit Schluss. Es fehlen die Blutsbande, die nachfolgende Generationen in Loyalitätskonflikte bringen. Es fehlt der gemeinsame Firmen- und Familienname, der durch eine Aufarbeitung der braunen Vergangenheit womöglich in Misskredit gerät.

Beispiel Deutsche Bank: Bereits wenige Jahre nach dem Tod des legendären Vorstandssprechers und späteren Aufsichtsratsvorsitzenden Hermann Josef Abs im Jahr 1994 befassten sich Historiker im Auftrag der Bank mit der unrühmlichen Rolle Abs’ bei Arisierungen und bei der Finanzierung des Holocaust. Immer noch viel zu spät, mag man meinen, aber eben auch eine Generation früher als im Fall der Reimanns.

Spätestens jetzt, da in den meisten Familienunternehmen nicht mehr die Söhne und (seltener) Töchter der Täter von einst das Sagen haben, sondern die Enkelinnen und Enkel, gibt es endgültig keinen Grund mehr, die Akten der Jahre 1933 bis 1945 unter Verschluss zu halten. Jede Unternehmerfamilie, die bis heute noch keinen Historiker beauftragt hat, die Firmengeschichte im Nationalsozialismus zu erforschen, muss sich nach den Gründen fragen lassen.

Gerade deutsche Familienunternehmen, die oft so stolz sind auf ihre Tradition und ihre Verwurzelung in der Heimatregion, dürfen die eigene Unternehmensgeschichte unterm Hakenkreuz bei ihrem Selbstbild nicht aussparen. Es bedeutet für die heutige Generation keine Schande mehr, wenn die Familie im Nationalsozialismus Schuld auf sich geladen hat. Aber es ist eine Schande, über die Vergangenheit der eigenen Dynastie nichts wissen zu wollen.

Was diese Schürfarbeiten im braunen Boden zutage fördern, ähnelt sich meist. Heldengeschichten waren selten bei den deutschen Familienunternehmen. Viele profitierten von Arisierungen, Rüstungsaufträgen und Zwangsarbeitern. Und nicht wenige suchten bewusst die Nähe zu den Machthabern, sei es aus Opportunismus oder ideologischer Überzeugung. Die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten und ihr Loblied auf patriarchalische Arbeitsbeziehungen bei gleichzeitiger Kritik an internationalen Großkonzernen waren für viele mittelständische Unternehmer durchaus attraktiv.

Die Täter von damals sind tot, aber in den Namen ihrer Dynastien und in den von ihnen geschaffenen Vermögen leben sie fort. Für die heutige Generation der Familienunternehmer bedeutet die Erinnerung an die Vergangenheit deshalb immer auch ein Stück Selbstbefragung. VW-Grande Ferdinand Piëch hat es auf den Punkt gebracht, als er über die Kumpanei seiner Vorfahren mit dem Naziregime sagte: „Ich weiß nicht, wie ich damals gehandelt hätte.“

Das kann in der Tat niemand wissen. Wenn Unmenschliches plötzlich als normal und alternativlos gilt, ja als unternehmerisch geboten, geraten vermeintlich unverrückbare moralische Maßstäbe schnell ins Rutschen. Das kann nichts rechtfertigen. Vor allem aber kann und darf es keine Rechtfertigung sein, sich nicht der Vergangenheit zu stellen.

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