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Kommentar Verdi sollte nicht nur nach dem Staat rufen

Nach dem Abgang von Frank Bsirske muss Frank Werneke als neuer Verdi-Chef vor allem die staatsentlastende Funktion seiner Gewerkschaft wieder herstellen.
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Der neue Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi muss mit einer individualisierten Gesellschaft umgehen. Quelle: dpa
Frank Werneke

Der neue Chef der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi muss mit einer individualisierten Gesellschaft umgehen.

(Foto: dpa)

Die Kassiererin, die zwischen zwei automatischen Scannerkassen sitzt und sich fragt, wann sie ihren Job verliert. Der Mann im Kleintransporter, der für den Subunternehmer eines Paketdienstleisters fährt und spätabends noch an der Tür klingelt.

Der Logistiker im Amazon-Warenlager, bei dem jeder Handgriff überwacht wird. Die Altenpflegerin, die wieder kein freies Wochenende hat, weil der Dienstplan eng gestrickt und eine Kollegin krank geworden ist. Sie alle fallen in den Organisationsbereich der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi.

Viele Konflikte, die hier aufscheinen, können Arbeitgeber und Gewerkschaften am besten gemeinsam lösen. Jenen Beschäftigten neue Perspektiven eröffnen, deren Job bald ein Algorithmus übernimmt. Für faire Arbeitsbedingungen und anständige Bezahlung in Branchen sorgen, die in der Internetökonomie am Ende der Lieferkette stehen. Arbeitnehmer in die Lage versetzen, Arbeitgebern auf Augenhöhe zu begegnen.

Soziale Berufe, die angesichts des demografischen Wandels an Bedeutung gewinnen, aufwerten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hatte recht, als er zum Auftakt des Verdi-Bundeskongresses die staatsentlastende Funktion der Gewerkschaften würdigte. Aus allem, was die Tarifparteien unter sich regeln, kann die Politik sich getrost heraushalten.

Das Problem ist nur: Überall dort, wo Verdi am dringendsten gebraucht würde, ist die Gewerkschaft besonders schwach. In der Pflege, in der Logistik, im Einzelhandel lässt der Organisationsgrad zu wünschen übrig.

Die 1000-Berufe-Gewerkschaft hat eine starke Machtbasis im öffentlichen Dienst und bei ehemaligen Staatsunternehmen – doch darüber hinaus wird es schnell dünn. In den mehr als 18 Jahren seiner Amtszeit ist es dem Gründungsvorsitzenden Frank Bsirske nicht gelungen, den Trend bei der Mitgliederentwicklung zu drehen. So schnell, wie die Demografie hier Lücken reißt, können die Bezirke gar keine neuen Mitglieder werben.

Der staatsentlastenden Funktion, von der der Bundespräsident schwärmte, kann die Dienstleistungsgewerkschaft deshalb immer weniger gerecht werden. Bsirske schreibt sich den gesetzlichen Mindestlohn als Erfolg auf die Fahnen.

Doch eigentlich ist es eine Kapitulationserklärung, wenn ein Gewerkschafter die Regelung der Arbeits- und Lohnbedingungen am unteren Rand dem Staat überlassen muss. Ja, Verdi hat es mit Branchen zu tun, in denen hohe Fluktuation herrscht, viele Teilzeitbeschäftigte oder Ausländer arbeiten und es keine Arbeitgeberverbände als Verhandlungspartner gibt.

Die Antwort kann aber nicht sein, wie beim Mindestlohn am Ende nur nach dem Staat zu rufen, der das Tarifgeschäft vollenden soll, das Verdi aus eigener Kraft nicht schafft. Wenn Bsirskes Nachfolger Frank Werneke den Mitgliedertrend drehen will, darf Verdi nicht vor allem darauf setzen, dass die Regierung mehr Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt.

Denn: Je mehr Arbeit die Gewerkschaft der Politik überlässt, desto geringer wird der Anreiz für Beschäftigte, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Wenn der erst zweite Vorsitzende von Verdi nicht zum Totengräber der Dienstleistungsgewerkschaft werden will, dann kann seine Losung nur lauten: organisieren, organisieren, organisieren.

Immer weniger Gewerkschaftsmitglieder

Das wird nicht leichter in einer Zeit, in der das Individuum mehr zählt als das Kollektiv, in der auf Instagram oder Facebook kleine Ich-Welten inszeniert werden, in der die Digitalisierung Begriffe wie Betrieb oder Arbeitsplatz zunehmend verschwimmen lässt.

Der Mitgliederschwund bei den Gewerkschaften verläuft nicht mehr so rasant wie vor Jahren, aber angesichts des enormen Beschäftigungswachstums der jüngeren Vergangenheit ist der Organisationsgrad der Arbeitnehmer weiter gesunken. Nicht einmal jeder fünfte Beschäftigte ist heute Mitglied in einer Arbeitnehmervertretung.

Für die individualisierte Arbeitswelt von heute kollektive Antworten zu formulieren wird das Kunststück sein, das Frank Werneke und seine Mitstreiter künftig vollbringen müssen. Dabei kann es nicht darum gehen, Maximalforderungen wie die Fridays-for-Future-Bewegung zu formulieren, die schon dem ersten Realitätstest nicht standhalten werden.

Gewerkschaften sind – wie die Politik – ein Instrument zum Ausgleich widerstreitender Interessen. Bei jedem Tarifabschluss wird es Gewinner und Verlierer geben, aber am Ende muss ein Kompromiss stehen, mit dem alle leben können. Dass er diesen Interessenausgleich nicht nur in der Druckindustrie, sondern auch im komplexen öffentlichen Dienst beherrscht, wird Werneke bald beweisen müssen.

Das Charisma seines Vorgängers, das viele Mitglieder mit zum Eintritt bewogen haben dürfte, muss der neue Verdi-Chef dabei erst noch entwickeln. Ein Erfolg wird Wernekes Amtszeit am Ende nur werden, wenn ein Bundespräsident irgendwann loben kann: Da war einer, der die staatsentlastende Funktion von Verdi wiederhergestellt – und nicht zuvorderst nach der Politik gerufen hat.

Mehr: Verdi-Chef Bsirske geht nach 18 Jahren – Deutschlands dienstältester Gewerkschaftsvorsitzender macht Platz an der Verdi-Spitze. Mit Frank Bsirske geht ein streitbarer Querkopf.

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