Kommentar Verleger aller Länder vereinigt Euch

Das Leistungsschutzrecht kann nur ein erster Schritt sein, damit wir Journalisten nicht zu Angestellten von Google werden. Nötig ist ein einheitliches Bezahlsystem aller Verlage – nach dem Vorbild der Musikindustrie.
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Der Schlüssel zum Überleben der Zeitungen liegt in einem einheitlichen Bezahlsystem im Internet. Quelle: dpa

Der Schlüssel zum Überleben der Zeitungen liegt in einem einheitlichen Bezahlsystem im Internet.

(Foto: dpa)

Achtung, ich bin befangen, denn hier geht es vordergründig um das Leistungsschutzrecht. Heute hat es der Gesetzgeber in einer verweichlichten Fassung beschlossen. Künftig sollen Google und Co. im Prinzip zahlen, wenn sie Inhalte nutzen, die Journalisten erstellt haben und für die sie von den Verlagen, bei denen diese Journalisten angestellt sind, bezahlt werden. Ihre Leistung soll geschützt werden, das heißt die Verlage wollen verhindern, dass das, was sie teuer bezahlen, irgendwo im Netz zur Verfügung steht, ohne dass jemand dafür zahlt. Das Ansinnen ist nur zu verständlich und - keine Frage - als Betroffener stehe ich dahinter und rufe allen anderen Betroffenen zu, die sich vielleicht nicht betroffen fühlen, es mir gleich zu tun: Liebe Kollegen, ihr sägt sonst an dem Ast, auf dem wir sitzen.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt.com. Quelle: Pablo Castagnola

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt.com.

(Foto: Pablo Castagnola)

Und wer es nicht begreift, für den hier noch mal ganz einfach: Wenn wir für unsere journalistische Leistung Geld von Suchmaschinen verlangen, machen wir damit nicht das Internet dümmer, weil künftig vielleicht weniger an Wissen gratis zur Verfügung steht, sondern wir sorgen dafür, dass das Internet erwachsen wird. Ich habe im Laufe meines Erwachsenwerdens jedenfalls erfahren, dass Wissen nicht nur kostbar ist, sondern auch etwas kostet.

So weit, so klar. Leider gehört zur Wahrheit auch, dass sie selten eindeutig ist. Zweideutig ist zum Beispiel das Verhalten der Verlage selbst. Sie sind es, und ich zähle dazu, die Inhalte kostenlos ins Netz stellen und ein Interesse daran haben, dass sie beispielsweise mit Hilfe von Google möglichst viele Leser, Zuschauer und Zuhörer finden. Jetzt Google für diesen Job Geld abzuknüpfen, ist in etwa so, als würde der Wirt ein paar Prozente vom Taxifahrer einfordern dafür, dass der ihm Gäste ins Lokal kutschiert.

Deswegen - und jetzt wird es hintergründig - ist das Geldeintreiben von Suchmaschinen mit einem Leistungsschutzrecht noch nicht der Weisheit letzter Schluss. Was wir Journalisten wirklich brauchen, ist ein einheitliches Bezahlsystem für unsere Produkte. Weltweit. Ganz einfach und in jeder Währung.

Das ist kein Traum, sondern dass ist in der Musikindustrie bereits Realität. Die Musikverlage hatten es Jahre lang nicht geschafft, sich auf ein einheitliches Bezahlsystem zu einigen. Jeder kochte sein Süppchen, bei manchen war es so dünn, dass er davon nicht länger leben konnte. Dann kam Apple, dann kam iTunes und nach Jahren des Jammerns meldet die Musikindustrie jetzt zum ersten Mal wieder steigende Gewinne dank Downloads.

Diese Entwicklung erfüllt mich mit Hoffnung. Sie zeigt: Es gibt einen Weg, die Verbreitung von Inhalten via Internet zum Geschäftsmodell zu machen. Die Musikverleger haben ihn unter der nicht immer schmerzfreien Führung von Steve Jobs beschritten und können wieder durchatmen. Die, ich nenne sie mal Textverleger, sind noch nicht so weit. Deswegen fordern wir Journalisten sie auf: Verleger aller Länder vereinigt Euch. Schafft ein exzellentes Abrechnungssystem für unsere Produkte. Wir Journalisten wollen keine Angestellten von Google werden. Wir sind das Pfund, mit dem ihr wuchern könnt! Aber dazu müsst ihr uns auch gut vermarkten.

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11 Kommentare zu "Kommentar: Verleger aller Länder vereinigt Euch"

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  • @abc

    Hervorragender Kommentar! Wie Sie die Scheinheiligkeit der Verlagsargumentation herausarbeiten (Herrn Stock laß ich hier mal außen vor, der weiß das wahrscheinlich gar nicht). Einfach Brilliant!

    Ich hoffe, ein paar dieser notorischen Pfötchenheber (die sich "MdB" nennen dürfen) lesen hier mit. Vielleicht geht denen ein Licht auf, wie sie (nicht nur hier) verarscht werden bzw. wie korrupt sie tatsächlich sind (keine Pauschalverurteilung beabsichtigt, jeweils nach dem Motto: to whom it may concern).

  • @Michael_Grab: "Aber warum werden Gesetze erlassen die eindeutig nur einer Unternehmensbranche helfen soll"

    Wir haben halt Sozialismus.

    Im Kapitalismus würde man die Unternehmen entscheiden lassen was sie wollen. Die Verlage haben auf ihren Webseiten eine (für Suchmaschinen sichtbare) Datei robots.txt. In dieser Datei wird konfiguriert, was Google darf und was nicht. Die Verlage _wollen_ das Google die Sniplets in Google News aufführt. Die Verlage wollen dafür aber Geld von Google und das will Google nicht. Fazit: Google bietet eine Leistung an (Suchmaschineneinträge von Nachrichten), die Verlage können die Leistung nutzen oder auch nicht.

    Im Sozialismus werden dagegen Gefälligkeiten gehandelt. Die Politik ist auf Gefälligkeiten der Journalie angewiesen und als Gegenleistung versucht die Politik Zeitschriftenverlagen eine neue Einkommensquelle zu generieren.

  • Ich habe mittlerweile nachgedacht und meine Meinung inzwischen völlig geändert. Vielleicht ist der Vorschlag von Herrn Stock doch eine gute Idee (Vorsicht Satire!!), wenn man ihn BETRÄCHTLICH ausdehnt.

    Da all diese Geschäftsmodelle für die Herr Stock aufgrund der journalistischen "Leistung" Gebühren kassieren will auf der Nutzung des Internets basieren, bin ich der Meinung, wir sollten eine generelle Internet-Gemma-Gebühr für alle Contentprovider und alle, deren Geschäftmodell auf dem Internet beruht, einführen, insbesondere für die MEDIEN-VERLAGE. Diese Gebühr könnte man dann an ALLE Physiker, Techniker, Softwareleute etc ausschütten, die sich ja als Berufsgruppe um die Entwicklung des Internets verdient gemacht haben.

    Leistung-Schutz, nicht wahr? Aber nicht nur für Journalisten und Verleger.

  • Puh, ein Glück hab ich AdBlock installiert - sonst hätten Sie für diesen Schmarn wahrscheinlich noch Kohle kassiert, weil mich einer Ihrer Werbebanner tatsächlich interessiert hätte ;) - ich kaufe eigentlich gerne mal das Handelsblatt am Kiosk - komme eigentlich ausschliesslich über Google News auf Ihre Artikel und eben diese triggern dann auch das vertrauen in die Qualität des Offline Mediums . Nun eben nicht mehr - wirds halt nen anderes Wirtschaftsblatt - vielleicht sogar im digitalen ABO auf dem Tablet - gibt ja zum Glück Alternativen.

    Viel Glück beim verzweifelten Versuch zu Überleben im digitalen Zeitalter.

  • Nachtrag: in Deutschland beherrschen 4 Konzerne den nationalen Printmedienbereich plus im Lokalzeitungsbereich dominiert die SPD (mit ihren "Stiftungen") und die SPD-nahe WAZ-Gruppe.
    Das ist Medienvielfalt - die man natürlich auch gerne gesetzlich dem Internet überstülpen würde.
    In anderen Ländern sieht es übriges ähnlich aus.

    Ich kann mir mal wieder folgendes Zitat nicht verkneifen. John Swinton, berühmter New Yorker Journalist (schon um 1880):

    Es gibt hier und heute in Amerika nichts, was man als unabhängige Presse bezeichnen könnte. Sie wissen das und ich weiß das. Es gibt keinen unter Ihnen, der es wagt seine ehrliche Meinung zu schreiben, und wenn Sie sie schrieben, wüssten Sie im voraus, dass sie niemals gedruckt würde. Ich werde wöchentlich dafür bezahlt, meine ehrliche Überzeugung aus der Zeitung, der ich verbunden bin, herauszuhalten. Anderen von Ihnen werden ähnliche Gehälter für ähnliches gezahlt, und jeder von Ihnen, der so dumm wäre, seine ehrliche Meinung zu schreiben, stünde auf der Straße und müsste sich nach einer anderen Arbeit umsehen. Würde ich mir erlauben, meine ehrliche Meinung in einer Ausgabe meiner Zeitung erscheinen zu lassen, würden keine vierundzwanzig Stunden vergehen und ich wäre meine Stelle los.

    Das Geschäft von uns Journalisten ist es, die Wahrheit zu zerstören, freiheraus zu lügen, zu verfälschen, zu Füßen des Mammons zu kriechen und unser Land und seine Menschen fürs tägliche Brot zu verkaufen. Sie wissen es, ich weiß es, wozu der törichte Trinkspruch auf die unabhängige Presse. Wir sind die Werkzeuge und Vasallen reicher Menschen hinter der Szene. Wir sind die Marionetten, sie ziehen die Schnüre und wir tanzen. Unsere Talente, unsere Fähigkeiten und unsere Leben sind alle das Eigentum anderer. Wir sind intellektuelle Prostituierte.

  • Es war mir klar, daß diese Initiative nur der Anfang zur Zerstörung des Internet war. Kaum ist das Gesetz unter Dach und Fach gebracht, wird sogleich an einer Ausweitung "gearbeitet".

    Lieber Herr Stock, das Internet braucht Sie und Konsorten nicht, und wenn Sie das Internet nicht brauchen oder es sie nicht ernährt, dann lassen Sie es doch einfach und suchen sich eine andere Beschäftigung. So einfach kann ein freier Markt sein.

    Aber zu jammern und irgendwelche gesetzlich zustehenden "Leistungen" anlog zur Gemma-Geführ (bestimmt kein Vorbild) zu fordern ist einfach das Allerletzte. Die Handwerker machen es ja auch nicht so, daß sie eine staatlich verordnete Geführ kassieren, egal wie ihre Leistungen vom Verbraucher eingeschätzt bzw in Anspruch genommen werden (so etwas Ähnliches gab es in der Vergangenheit, das war das Zunftunwesen, und das hat die freie Marktwirtschaft im Mittelalter lange genug gebremst).
    Typisches Kartelldenken eben!

    Ihr Titel verrät es, was Sie wollen, ist Leistungskommunismus entsprechend dem Kommunistischen Manifest. Und Kartellbildung der Medienkonzerne (die diesen Vorschlag nun wirklich nicht nötig brauchen, es ist schon ein Kartell!!!). Wahrlich eine interessante Ansicht für den Chefredakteur der Online-Ausgabe eines sogenannten Wirtschaftszeitung.

  • Wie wäre es denn mal mit folgendem Vorschlag:
    1. Mit einen Plagiatssoftware vergleichen wir die Artikel der deutschen Presseerzeuger mit den Meldungen die die großen Nachrichtenagenturen an ihre Kunden weltweit versenden und veröffentlichen das Ergebnis.
    2. Dann unterhalten wir uns über den Begriff "Qualitätsjournalismus" und was der Normalverbraucher darunter zu verstehen hat.
    3. ...

  • Ich kann verstehen, dass Journalisten sich Sorgen machen, doch das Leistungsschutzrecht ist hahnebüchener Unsinn.
    Nicht alles was Abhilfe schafft ist auch richtig! Der Kollateralschaden wäre viel zu hoch.
    Ich halte es zu dem für äußerst zweifelhaft, das journalistische Inhalte generell ein Schützenswertes Gut darstellt, das gilt für 80-90% der Inhalte eben gerade nicht, weil er lediglich Klatsch vom niedrigen bis zum höchsten Niveau meistens auch nur reproduziert.
    Außerdem bliebe bei vielen Zeitungen nichts Schützenwertes übrig, weil sie ohnehin nur DPA plagiieren. Dürfen die das dann auch nicht mehr?

    Presseprodukte haben ein Problem. Wer seine Leistungen kostenfrei ins Internet stellt, der gibt diese Inhalte frei, vor allem tägliche Verfallsprodukte wie Zeitungsartikel. Eine Verlinkung stellt keine Schutzverletzung dar. Egal was rechtliche Verklausulierungen daraus machen.
    Damit hat Presse dann allerdings das gleiche Problem wie der öffentlich rechtliche Rundfunk. Denn wenn sie ihre Dienstleistung kostenpflichtig macht, dann wird der größte Teil der Leser schlicht darauf verzichten.
    Es ist aber nicht legitim für diesen Umstand den Staat einzuspannen und sich passende Privilegien zu sichern, die aber auch die Informationsfreiheit in gefährlicher Weise beschneiden. Das gilt auch fürs Fernsehen, die sich aber auf eine rechtliche Privilegierung berufen, die der Gesetzgeber extrem großzügig interpretiert.
    Dafür das der technische Fortschritt ein Geschäftsmodell überholt hat, kann der Wähler und auch Google nichts. Und nicht alles was schmerzt muss durch rechtliche Konservierung behoben werden, weil das letztlich immer schädlicher ist als der kurzfristige Vorteil.
    Vielleicht sollte ich vom Handelsblatt dann ebenfalls prozentual zu der Anzahl geschriebener Beiträge hier meinen Beitrag an der Abgabe fordern? meine Meinung ist jedenfalls kaum schlechter recherchiert als die meisten Artikel.
    Oder ist das Recht am Erwerbseinkommen in der Branche geknüpft?

    H.

  • ich glaube sie haben sich da in eine eigne Zwickmühle gebracht, zu fordern das Wissen nicht kostenlos/umsonst sein darf, gleichzeitig, aber nicht wissen wie sie ihr Wissen verkaufen sollen ....
    Da sie es aber gerne kaufen, empfehle ich Ihnen zum Beispiel ein Geschichtsbuch zu kaufen.
    Nach dem aufmerksamen lesen, sollte dann festgestellt werden das, wenn immer Wissen kostenlos/umsonst für alle Verfügbar war, es gute Jahre waren und wenn immer Wissen nicht frei verfügbar war es sehr düstere Zeiten waren.

    und wenn sie das dann alles wissen, dann sollten sie auch wissen, wie Sie schneller qualitative und freie Informationen zur Verfügung stellen und nicht mit diesen, sondern um diese Informationen herum ein Geschäftsmodell etablieren können.

    eine freie Geselschaft und ein faires miteinander kann und wird nur mit frei verfügbaren und für alle zugänglichen Wissen ermöglicht, andernfalls haben sie ja im Geschichtsbuch gelesen was passiert....


    mit Sie und Ihnen ist jeder gemeint der sich angesprochen fühlt.

  • Dem ist wenig hinzuzufügen!

    Warum Google dafür zahlen soll, dass es durch kleine Ausschnitte das Interesse potenzieller Kunden weckt und diese dann auf die Seite der Verlage weiterleitet ist mir auch nach diesem Artikel nicht logisch erklärbar.

    Dann müssten ja bald die Shops, welche in den Google Shopping-Ergebnissen angezeigt werden auch von Google bezahlt werden und nicht mehr umgekehrt.

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