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Kommentar „Viel hilft viel“ gilt nicht bei Krankenhäusern

Die medizinische Versorgung in Deutschland ist nicht so gut, wie viele glauben. Der erste Blick auf das deutsche Gesundheitssystem täuscht.
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Das Krankenhausnetz in Deutschland ist engmaschig und verfügt mit 800 Betten je 100.000 Einwohner über einmalig viele Plätze. Quelle: dpa
Krankenpfleger mit Bett

Das Krankenhausnetz in Deutschland ist engmaschig und verfügt mit 800 Betten je 100.000 Einwohner über einmalig viele Plätze.

(Foto: dpa)

Den Deutschen ist ihre medizinische Versorgung lieb – und sehr teuer. Nur spüren Letzteres die meisten Patienten nicht, denn für gesetzlich Versicherte haben die Gesundheitsleistungen kein Preisschild. Zudem fehlen transparente Qualitätsstandards. Kein Patient kann beurteilen, ob Arzt A oder B oder vielleicht doch Klinik C ihn am besten behandeln kann. Der schnelle Zugang zu medizinischen Leistungen ist für Patienten oft das einzig relevante Kriterium.

Die Folge: Jede Schließung einer Arztpraxis und erst recht eines Krankenhauses erweckt bei den Patienten im Einzugsgebiet das Gefühl, ihnen würde etwas weggenommen und ihre medizinische Versorgung verschlechtere sich. Die Angst vor Reformen ist daher groß. Dennoch braucht es Veränderungen in Deutschland!

Auf den ersten Blick ist das deutsche Gesundheitssystem international gut aufgestellt: Die ganze Bevölkerung ist krankenversichert, das Krankenhausnetz ist engmaschig und verfügt mit 800 Betten je 100.000 Einwohner über einmalig viele Plätze; zudem sind Kliniken im gesamten Bundesgebiet rasch erreichbar, die Wartezeiten auf Operationen sind die niedrigsten der Welt, und es gibt keine alters- und einkommensabhängigen Zugangsbarrieren selbst zu den teuersten Leistungen.

Beim zweiten Blick erweisen sich aber einige der vermeintlichen Gütekriterien als Belege für Überkapazitäten, Unwirtschaftlichkeit und eine schlechte Abstimmung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. So sind schnelle Erreichbarkeit einer Klinik oder die hohe Bettenzahl allein keine Qualitätsmerkmale.

Die Überlebenschance eines Notfallpatienten dürfte deutlich höher sein, wenn er nach 30 Minuten im Notarztwagen eine gut ausgestattete Klinik erreicht, als wenn er bereits nach 15 Minuten in einem kleinen, schlecht ausgestatteten Krankenhaus versorgt wird – und davon gibt es in Deutschland viele. So verfügen fast 40 Prozent aller Notfallhäuser, die Herzinfarktpatienten behandeln, nicht über ein Herzkatheterlabor.

Auch die kurzen Wartezeiten auf Operationen sowie die hohe Anzahl von Eingriffen sind nur auf den ersten Blick positive Befunde. Tatsächlich resultiert beides aus der Unter- und Fehlfinanzierung vieler Kliniken und den daraus folgenden Versuchen, Finanzlöcher zu stopfen. Dazu muss man wissen, dass die Bundesländer für die Investitionen aufkommen sollen und die Krankenkassen die laufenden Kosten über Fallpauschalen finanzieren.

Viele Fälle steigern die Rentabilität

Da bei vielen Behandlungen die Durchschnittskosten mit der Anzahl der Fälle sinken, die Pauschalen aber weitgehend unabhängig von den Fallzahlen sind, steigern viele Fälle die Rentabilität. Das Problem ließe sich über eine Strukturbereinigung im Krankenhaussektor lösen. Flankiert werden müsste dies durch eine Finanzierungsreform und eine bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung, und zwar aus medizinischen und wirtschaftlichen Gründen.

Derzeit wird das regionale medizinische Angebot für den stationären und ambulanten Sektor separat geplant und vergütet. Die Bundesländer stellen Krankenhauspläne auf, die angeben, wie viele Kliniken und Betten als erforderlich gelten. Allerdings sorgen kommunalpolitische Interessen dafür, dass auch unwirtschaftliche Häuser weiterbetrieben werden, um Bürgerproteste zu vermeiden.

Andererseits werden für Facharztsitze in den Städten oft hohe Ablösesummen an die Vorbesitzer einer Kassenzulassung bezahlt, während für Landarztpraxen oft keine Nachfolger gefunden werden. Mit einem bundesweiten Versorgungsplan, der Kliniken, medizinische Versorgungszentren und Praxen umfasst, könnte eine wohnortnahe Versorgung gewährleistet und gleichzeitig die Schließung von weniger wichtigen Einrichtungen vorangetrieben werden.

Wer solch eine qualitäts- und effizienzverbessernde Reform anstrebt, der muss bereit sein, die Probleme beim Namen zu nennen. Denn Klinikfusionen und -schließungen werden nur dann in der Bevölkerung akzeptiert, wenn die Menschen das Gefühl bekommen, ihre Versorgung verbessere sich dadurch. Dazu ist viel Überzeugungsarbeit notwendig.

Dass Strukturreformen auch gegen große Bedenken möglich sind, zeigt das Beispiel Dänemark. Durch Schließungen und Fusionen wurde die Anzahl der Kliniken binnen zwei Dekaden um zwei Drittel reduziert. Heute gibt es 32 Kliniken; alle sind modern ausgerüstet, hochspezialisiert und 24 Stunden einsatzbereit. Die durchschnittliche Verweildauer in dänischen Kliniken ist nur halb so hoch wie in deutschen, auch weil meist ambulant behandelt wird – und laut OECD-Better-Life-Index gehören die Dänen zu den glücklichsten Menschen in Europa. Mehr als 71 Prozent der Dänen bezeichnen ihren Gesundheitszustand als gut, zwei Prozentpunkte mehr als im OECD-Schnitt und sechs Punkte mehr als in Deutschland.

Die Reform im kleinen Dänemark ist sicher nicht die Blaupause für Deutschland. Aber sie zeigt, viele Krankenhausbetten machen weder besonders gesund noch zufrieden.

Mehr: Der GKV-Spitzenverband warnt vor ausufernden Gesundheitsausgaben. Lesen Sie hier, warum der Spitzenverband die Kosten der Reformen von Gesundheitsminister Spahn für unkalkulierbar hält..

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