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Kommentar Vorsicht bei Finanzmaklern – Urteil legt Schwäche des deutschen Systems offen

Ein Urteil gegen einen Makler im Picam-Skandal offenbart die Schwäche des Systems der freien Finanzberater. Ohne deren Hilfe wäre der Betrug so nicht möglich gewesen.
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Mehr als 340 Millionen Euro von bis zu 3000 Anlegern sammelte Picam ein. Quelle: dpa
Geldscheine

Mehr als 340 Millionen Euro von bis zu 3000 Anlegern sammelte Picam ein.

(Foto: dpa)

Es ist ein Urteil mit Signalwirkung: Das Landgericht in Kleve hat einen Makler zu 270. 000 Euro Schadensersatz verurteilt, nachdem er Verträge der Picam-Vermögensverwalter vermittelt hatte. Die Richter waren überzeugt, dass der Mann nicht ausreichend über die Widersprüche in den Werbe- und Zeichnungsunterlagen der Skandalfirma aufgeklärt hatte.

Das Urteil in Kleve zeigt die Schwäche des Systems der freien Finanzmakler in Deutschland. Zwar konnten weder der Makler noch die Anleger in den Unterlagen erkennen, dass es den von Picam mit angeblichen Traumrenditen beworbenen Systemhandel mit Dax-Futures wohl nie gegeben hat.

Die Staatsanwaltschaft Berlin geht inzwischen von einer kriminellen Bande aus, die sich an einem mutmaßlichen Schneeballsystem bereichert haben soll. Picam sammelte über Jahre mehr als 340 Millionen Euro von bis zu 3000 Anlegern ein.

Doch ohne die Hilfe zahlreicher freier Finanzmakler wäre dieser Erfolg nicht möglich gewesen. Im Fall Picam waren zahlreiche Männer und Frauen unterwegs, die von Finanzgeschäften nachweislich nicht den Hauch einer Ahnung hatten. In völliger Ignoranz wirtschaftlicher Grundregeln priesen sie den Anlegern Mondrenditen von bis zu 20 Prozent im Jahr an, als hätten die Picam-Leute den sprichwörtlichen Goldesel gezüchtet.

Wer die Makler zwei Jahre vor dem Kollaps fragte, bekam Antworten zu hören wie: „Das geht doch schon so lange gut.“ Ende 2017 ging es nicht mehr gut. Viele der Vermittler dokumentierten ihre Ahnungslosigkeit eindrücklich: Sie investierten privates Geld in Picam oder vertrieben fleißig im Familien- und Bekanntenkreis.

Die Aufsicht stand – wieder einmal – hilflos daneben. Nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs von 2017 war die Vermittlung von Vermögensverwaltungsportfolios nicht aufsichtspflichtig. Picam-Makler brauchten deshalb keine Bafin-Zulassung.

So bleibt Ernüchterung: Anleger sollten sich sehr genau ansehen, wer ihnen ein Finanzprodukt vermittelt. Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. Fragen nach der Deckungssumme der Haftpflichtversicherung eines Maklers oder wie hoch seine Provision ist, gehören zu jedem Vermittlungsgespräch. Wenn er die Auskunft verweigert, sollte der Anleger sich gleich nach einem anderen umsehen.

Die Vergangenheit hat immer wieder bewiesen: Ob Dax-Futures, Goldsparpläne, Seecontainer oder Tropenhölzer – Anbieter dubioser bis hochriskanter Finanzprodukte können sich in Deutschland auf ein Heer williger Vertriebsleute verlassen, die wirtschaftliche Hintergründe nicht prüfen können oder wollen. So bleibt nur die Hoffnung, dass das Gerichtsurteil in Kleve rücksichtslose Provisionsjäger etwas Demut lehrt.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Vorsicht bei Finanzmaklern – Urteil legt Schwäche des deutschen Systems offen"

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  • Das Problem ist nicht das System der freien Finanzberater. Wenn jemand ohne Ausbildung und Zulassung Heilung durch eine dubiose Krebstherapie verspricht, ist es auch nicht das Problem der Ärzteschaft.

    Man nennt sie "frei" oder "unabhängig", weil sie nicht für eine einzelne Bank oder einen Finanzproduktgeber arbeiten, sondern aus der ganzen Marktbreite im Interesse der Kunden das passende Finanzprodukt empfehlen und vermitteln. Im Verbraucherinteresse sind die zu vermittelnden Produktarten auch eingeschränkt. Unabhängige Finanzdienstleister sind seit Jahren streng reguliert. Die Erlaubnis nach § 34 f Gewerbeordnung erhält grundsätzlich nur, wer
    geordnete Vermögensverhältnisse sowie einen guten Leumund
    eine Berufshaftpflichtversicherung und
    einen Sachkundenachweis (IHK-Prüfung)
    nachweist.
    Vermögensverwalter sind noch strenger reguliert und unterliegen der BaFin-Aufsicht und können zudem auch aus einer deutlich größeren Bandbreite an Finanzinstrumenten vermitteln. Jeweils kann man davon ausgehen, dass das Kundeninteresse im Mittelpunkt steht, nicht irgendwelche Verkaufsvorgaben z. B. einer Bank.
    Das Problem bei Picam war aber u.a., dass die Vermittlung einer Vermögensverwaltung auch ohne diese Zulassungen möglich ist. Das kann - nach dem erwähnten Urteil des europäischen Gerichtshofes - jeder machen. Insofern ist es doch eher ein Problem des Gesetzgebers oder der zuständigen Finanzaufsicht von Picam und Piccor, die den Betrug nicht bemerkt hat.