Kommentar VW, Daimler, BMW – die taumelnden Riesen am Aktienmarkt

Die Börse bestraft Deutschlands Autobauer mit hohen Kursabschlägen. Zu Recht, doch es gibt eine große Chance.
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Der drohende Handelskonflikt macht auch den Aktienkursen der deutschen Autobauer zu schaffen. Quelle: dpa
BMWs für den Export in Bremerhaven

Der drohende Handelskonflikt macht auch den Aktienkursen der deutschen Autobauer zu schaffen.

(Foto: dpa)

Welch eine Kraft, aber auch welch ein Desaster: Mit 30,5 Milliarden Euro haben BMW, Daimler und Volkswagen im abgelaufenen Geschäftsjahr so viel wie noch nie verdient und damit fast ein Drittel zum gesamten Nettogewinn aller 30 Dax-Konzerne beigetragen. Das ist meisterlich.

Doch die Börse will davon nichts wissen, denn die Aktien gibt es zu Schnäppchenpreisen. BMW und Daimler sind an der Börse nur noch knapp siebenmal so viel wert, wie sie in nur einem Jahr verdienen, VW ist für weniger als den sechsfachen Jahresgewinn zu haben.

Deutschlands drei Autobauer zählen damit unter den 100 größten Unternehmen der Welt – abgesehen von den intransparenten chinesischen Großbanken – zu den preiswertesten Aktien. So billig zu sein, gleicht im Film einer goldenen Himbeere. Denn preiswert drückt an der Börse aus: Niemand will Dich!

Auf den ersten Blick überrascht das Desinteresse gegenüber den üppig verdienenden Autobauern. Denn für andere erfolgreiche deutsche Konzerne, wie etwa Europas größten Softwareentwickler SAP, den Markenartikler Henkel oder den Turnschuhersteller Adidas sind Anleger gerne bereit, gemessen am Gewinn sehr viel mehr für die Aktien zu bezahlen. Sie genießen an den Finanzmärkten Aufpreise – und keine Bewertungsabschläge, wie die drei Autobauer.

Nun sind Aktien von großen Unternehmen immer dann besonders preiswert, wenn ihre Gewinne jahrelang stagnieren oder gar stetig sinken. Doch das ist bei den Autobauern keineswegs der Fall, wie ja gerade ihre Rekordgewinne bewiesen haben.

Dennoch meiden Anleger und internationale milliardenschwere Fonds beharrlich Deutschlands Vorzeigebranche – und das seit mehreren Jahren. Wer nach den Gründen fahndet, stößt auf eine ganze Palette von Risiken, die den Abschlag rechtfertigen – aber auch auf eine große Chance

Schwer wiegen die finanziellen Risiken im Dieselskandal und die möglichen Reputationsschäden. Die Milliardenstrafe in den USA und die vor knapp zwei Wochen verhängte Eine-Milliarden-Strafe in Deutschland, aber auch die Verhaftung von Audi-Chef Rupert Stadler belegen, dass der Skandal wohl noch lange nicht ausgestanden ist.

Deutsche Autobranche als Symbol der Vergangenheit

Die mangelnde Einsicht der Autobauer, dass Benzin- und Dieselmotoren angesichts großer Umwelt- und Atemwegsschäden keine Zukunft mehr haben, belastet die Aktienkurse. Für immer mehr Anleger symbolisiert die deutsche Autobranche deshalb nicht mehr die Zukunft, sondern Vergangenheit. Ein verheerendes Zeugnis für das Autoland Deutschland.

Niemand weiß, was auf die Autobauer noch zukommt. Ungewissheit aber belastet Aktienkurse oft noch mehr als schlechte Nachrichten. Auch davon gibt es genug. Die Gewinnwarnung Daimlers dürfte wohl erst der Anfang sein.

Der Stuttgarter Autobauer stimmte seine Aktionäre auf niedrigere Gewinne ein und begründete dies nicht nur mit härteren Standards für Abgastests und dem kostspieligen Rückruf von Dieselautos, sondern auch mit dem amerikanisch-chinesischen Handelsstreit.

Höhere Zölle belasten alle Hersteller, die wie Daimler in Amerika produzierte Autos nach China exportieren und dort verkaufen. Skeptische Anleger argwöhnen bereits, dass neben Daimler auch BMW und VW vor ähnlichen Problemen stehen und womöglich eine ähnliche Gewinnwarnung vorbereiten.

Für den wohl größten Börsenaltmeister des frühen 20. Jahrhunderts, Benjamin Graham, glichen ungewöhnlich preiswerte Aktien Zigarrenstummel, die Menschen achtlos in den Rinnstein werfen und dort liegenlassen. Der Wissenschaftler und Verfasser bis heute gültiger Lehrbücher favorisierte solche Aktien als unentdeckte Schnäppchen. Wer nur lang genug wartet, wird für seinen Mut finanziell reichlich entlohnt.

Doch schon vor Jahrzehnten entlarvten und modifizierten Warren Buffett und sein genialer Kompagnion Charlie Munger diese Zigarrenstummel-Theorie. Die wohl erfolgreichsten Investoren der Neuzeit meinen, dass solche Aktien nur dann einen Kauf wert sind, wenn auch die Qualität des Unternehmens und Managements, vor allem aber die Perspektiven stimmen.

In den allermeisten Fällen liegen solche Stummel nämlich völlig zu Recht achtlos auf der Straße. Sie aufzuheben und dafür auch noch Geld auszugeben, lohne sich in den allermeisten Fällen nicht. Dahinter steckt die richtige Erkenntnis, dass es im Zeitalter des Internets mit Information für jedermann solch unentdeckte Perlen kaum noch gibt.  

Obwohl Buffetts Holding auf über 100 Milliarden Dollar Bargeld sitzt, dass er lieber heute als morgen in Aktien investieren würde, vermochte er sich bislang nicht zu einem Kauf von BMW, Daimler oder VW entschließen. Niedrige Kurse und Bewertungen locken nicht. Auch die Qualität muss stimmen.

Richtig ist zwar, dass die drei Autobauer immer mehr Geld in Forschung und Entwicklung investieren – allein im ersten Quartal sechs Milliarden Euro. Das ist so viel wie noch nie. Doch tüfteln und Patente einheimsen reicht nicht. Was zählt, sind schadstofffreie Visionen, ohne diese vorschnell als umsatz-, gewinn- und arbeitsplatzvernichtend abzutun.

Wenn BMW, Daimler und VW bereit sind, ihre erfolgreiche Benzin- und Dieselvergangenheit hinter sich zu lassen und ihre geballte Finanzkraft in die Entwicklung schadstofffreier Antriebssysteme zu lenken, dann haben Deutschlands Autobauer und ihre Aktien viel Potenzial – und sind vermutlich auch für Buffett einen Blick wert. Doch vorerst bleiben es noch taumelnde Riesen.

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