Kommentar Wahlmanipulationen und Datenschutzskandal – der Facebook-Absturz ist keine Überraschung

Auf das schwindende Nutzerwachstum hat sich Facebook längst vorbereitet. Der Konzern setzt auf Alternativen aus dem eigenen Haus.
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Facebook-Absturz kommt nicht unerwartet Quelle: AP
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Das Schrumpfen der blauen App sah der Zuckerberg lange voraus.

(Foto: AP)

Mark Zuckerberg besitzt ein Gespür für Zahlen. In Harvard studierte er einst Informatik. Die ersten Zeilen für Facebook schrieb er selbst. Wie so viele Programmierer teilt er die Welt in Nullen und Einsen. Daraus besteht schließlich auch der binäre Code, den jeder Computer lesen kann. Wahr ist, was in den Zahlen und Datenbanken steht. Der Rest ist weißes Rauschen.

Auch das aktuelle Schrumpfen der „blauen App“, wie Facebook die bis dato größte Plattform innerhalb seines Imperiums nennt, sah der 34-Jährige lange kommen. In seinen Zahlen. Er weiß: Die Debatten um Datenschutz, Cambridge Analytica und Wahlmanipulation sowie die neue europäische Datenschutz-Grundverordnung dürften nur einen Trend beschleunigt haben, der sich seit Längerem abzeichnet: eine gewisse Facebook-Müdigkeit.

Seit März warnte Zuckerberg immer wieder vor sinkenden Wachstumsraten. Die Aktionäre, die Medien, sie alle nahmen die Warnungen jedoch nicht ernst. Zwölf Quartale lang übertraf der Gigant aus Kalifornien schließlich immer wieder die Erwartungen.

Kurz vor der Veröffentlichung der jüngsten Quartalszahlen erreichte Facebooks Aktienkurs einen neuen Höchststand – und stürzte nachbörslich um bis zu 24 Prozent in die Tiefe. Die Wall Street reagierte überrascht darauf, dass die blaue App in den USA und Kanada, ihren bei Weitem lukrativsten Märkten, nicht länger zulegt und in Europa sogar Nutzer verliert. Dabei ist das keine Überraschung.

Facebook verliert die jungen Nutzer

Vergangenes Jahr sank die Summe der zwölf- bis 17-Jährigen auf der Plattform um fast zehn Prozent. 2018 wird Facebook etwa 2,1 Millionen weitere Fans unter 25 Jahren verlieren, schätzt die Datenfirma E-Marketer. Facebook ereilt das Schicksal aller Technologiefirmen: Es altert.

Die verwöhnten, wankelmütigen jungen Nutzer wechseln ihre Plattform so oft wie die Fotofilter, immer auf der Suche nach dem nächsten coolen Produkt – in der digitalen Welt scheint alles greifbar, das nächste Ereignis nur einen Klick entfernt. Sie treibt die Angst um, etwas zu verpassen, die berühmte „fear of missing out“ (Fomo). Und während Mama und Papa damit beschäftigt sind, die Regeln von Facebook zu verstehen, sucht die Generation Fomo nach elternfreien Zonen, bei Diensten wie Snapchat, WhatsApp oder Instagram.

Bei Facebook bleiben diejenigen, die sich noch dran erinnern, wie die Modems quietschten, wenn sie das Internet anwählten. Diejenigen eben, die nicht mit dem Smartphone in der Hand aufwuchsen und sich ein wenig davor grausen, digitale Abdrücke im Netz zu hinterlassen, wo immer sie auch gehen. Und die aufgrund von Privatsphäre-Bedenken weniger auf Facebook mitteilen, was der Konzern mit seinem datengetriebenen Werbegeschäft ausschlachten kann.

Datenskandal ruiniert Facebook-Bilanz – Das sind die langfristigen Folgen

Die Notwendigkeit, ständig mit der Welt im Austausch zu stehen, ist für diese älteren Nutzer noch nicht zur seelischen Notwendigkeit geworden wie für die Generation Fomo. Sie beäugten das Internet ohnehin schon immer skeptisch, erst recht, was die Jüngeren in den sozialen Netzwerken tun. Die Eltern ziehen eher den Stecker, wenn Facebook der nächste Skandal ereilt.

Zuckerberg weiß das längst, er hat vorgesorgt. Die junge, werberelevante Zielgruppe bleibt in der Familie, wenn sie zu WhatsApp oder zum Bilderdienst Instagram wechselt. Beide gehören zum Facebook-Imperium. Vorausschauend übernahm der Unternehmer 2012 Instagram, als dort kaum mehr als zwei Hände voll Entwickler tätig waren.

Eine Milliarde zahlte Facebook damals für den Dienst – ein Spottpreis aus heutiger Sicht. Laut Bloomberg Intelligence würde die App inzwischen einen Wert von 100 Milliarden Dollar erreichen, wenn sie alleinstünde. Eine Milliarde Fans tauschen sich über die Plattform aus, in nur fünf Jahren könnte sie fast genauso viele Menschen erreichen wie Facebook heute, glaubt Bloomberg.

Nutzer steigen auf Instagram um

Die Wachstumsraten sind rasant, die Werbebudgets traumhaft. Laut eMarketer trägt Instagram schon 18 Prozent zu Facebooks Umsätzen bei.

Während sich die alternden Mütter und Väter auf Facebook mit Falschnachrichten und Propaganda herumschlagen, ist die Welt bei Instagram noch in Ordnung. Statt sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob der verlinkte Artikel ernst zu nehmen ist oder nur ein Hoax, statt sich in energiezehrenden Diskussionen über die Lage der Nation zu ergehen, posten die Nutzer bei Instagram ein paar Bilder, Videos oder „Storys“ – und damit ist alles gesagt.

Nervige Werbeanzeigen, die bei Facebook den Newsfeed verstopfen, verschmelzen bei Instagram mit den Bildern vom Surfurlaub – oder sind durch Influencer-Marketing nicht mehr als solche zu erkennen.

Noch kann Instagram den Absturz von Facebook nicht abfangen, aber es könnte bald so weit sein. Zuckerberg hat mehrfach bewiesen, wie gut er sich auf die Monetarisierung des Publikums versteht – und investiert kräftig in die Zukunft. Facebook kannibalisiert sich selbst. Der Absturz an der Börse ist kontrolliert. Facebook ist tot. Lang lebe Facebook.

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