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Kommentar Warum der Boom der Aktienrückkäufe eine Gefahr für die Börse ist

In diesem Jahr sind die weltweiten Börsen kräftig gestiegen – auch dank der vielen Unternehmen, die ihre eigenen Titel kaufen. Doch wehe, wenn sie ausfallen.
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In nur vier Jahren hat der iPhone-Riese 20 Prozent seiner eigenen Aktien eingezogen. Quelle: dpa
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In nur vier Jahren hat der iPhone-Riese 20 Prozent seiner eigenen Aktien eingezogen.

(Foto: dpa)

Erst steigen die Kurse, weil Anleger auf eine bessere Konjunktur setzen – danach folgt die Realwirtschaft mit höherem Wachstum. Hinter dieser Börsenweisheit steckt die Vorstellung, dass Anleger nicht auf die Gegenwart, sondern auf die Zukunft spekulieren. Daran gemessen erwarten uns goldene Zeiten, denn die Kurse sind seit Jahresbeginn weltweit um fast 20 Prozent gestiegen.

Solch eine fulminante Rally gab es zuletzt vor einem Jahrzehnt, nach der Finanzkrise. Doch diesmal sind Zweifel an der Prognosekraft der Börse angebracht, denn die Finanzmärkte sind stark verzerrt. Seit Monaten gewinnen vor allem Aktien von Unternehmen, die wenig vom Konjunkturverlauf abhängig sind – und deshalb üblicherweise in schlechten Zeiten besser laufen als in guten.

Dazu zählen Versorger wie Entel in Italien und Iberdrola in Spanien, Versicherer wie Allianz und Munich Re in Deutschland sowie Konsumtitel wie Procter & Gamble und McDonald’s in den USA. Hingegen verlieren derzeit Aktien, die in einem Aufschwungsszenario eigentlich gefragt sein müssten: BASF verlor binnen eines Jahres 25, Covestro 50 Prozent.

Anzeichen für Abschwung

Noch mehr Zweifel am Aufschwungsszenario weckt der Gleichlauf zwischen Aktien und Anleihen. Investoren setzen unbeirrt auf Unternehmens- und Staatsanleihen, trotz sehr niedriger Renditen. Seit Januar hat sich das weltweite Volumen von Anleihen mit negativer Rendite – Anleger bezahlen also dafür, dass sie ihrem Schuldner Geld leihen – von neun auf 13 Billionen Dollar erhöht. Solch eine große Flucht in vermeintlich sichere Anlagen signalisiert viel Risikoscheu, so, wie sie typischerweise in einem Abschwung üblich ist.

Dasselbe zeigt die hohe Nachfrage nach Gold. Erstmals seit 2013 ist der Preis für eine Feinunze des Edelmetalls wieder auf über 1400 Dollar gestiegen. Zu den Käufern zählen Einzelanleger, vor allem aber Zentralbanken – ganz besonders die russische –, die ihre Abhängigkeit vom Papiergeld im Allgemeinen und dem US-Dollar im Besonderen verringern wollen, um stattdessen Gold als Sicherheit für mögliche (Devisen-)Turbulenzen vorzuhalten.

Auslöser des neuerlichen Börsenbooms ist also keineswegs die Spekulation auf bessere Zeiten. Anleger kaufen vor allem deshalb vermehrt Aktien, weil die großen Notenbanken eine Kehrtwende in ihrer Zinspolitik vollzogen haben. Anstatt die Leitzinsen zu erhöhen, wie von den meisten Anlegern bis in den Spätherbst gedacht, haben die Zentralbanker in den vergangenen Monaten alle Signale in Richtung noch niedrigerer Zinsen gestellt.

Damit wollen sie die Inflationsraten nach oben treiben und einem konjunkturellen Abschwung entgegenwirken. Solange aber die Notenbanken an ihrer Nullzinspolitik festhalten, können Anleger nur mit Aktien auf auskömmliche Renditen spekulieren. Deshalb sind die Börsen 2019 bislang so stark gestiegen.

Apple kauft am liebsten Apple

Doch risikofrei ist die Aktienanlage auch in Zeiten der Nullzinspolitik nicht. Die größten Aktienkäufer sind nämlich schon lange nicht mehr private Anleger, Vermögensverwalter und milliardenschwere Pensions- und Investmentfonds. Vielmehr sind die Unternehmen selbst ihre größten Käufer. Im ersten Quartal summierten sich die Rückkäufe allein bei den 500 amerikanischen Unternehmen im S&P auf über 200 Milliarden Dollar. Das ist Rekord.

Größter Käufer ist Apple mit einem noch laufenden Programm von 100 Milliarden Dollar. In nur vier Jahren hat der iPhone-Riese 20 Prozent seiner Aktien eingezogen. Vor allem Technologiekonzerne, darunter Intel und Cisco, Bankriesen wie Wells Fargo und Bank of America sowie Pharmaproduzenten wie etwa Celgene und Abbvie kaufen eigene Aktien zurück.

Das Angebot an Aktien verknappt sich zusätzlich, weil immer mehr Unternehmen vom Markt verschwinden: Seit 1996, als an der New Yorker Aktienbörse und an der Technologiebörse Nasdaq insgesamt 8 090 Unternehmen notierten, hat sich die Zahl der gelisteten Gesellschaften um fast die Hälfte auf 4 397 verringert. Hinter dieser Entwicklung steht einerseits der Drang nach Größe, den die Unternehmen durch Fusionen und Übernahmen verwirklichen. Andererseits ist es der bloße Wunsch, die Börse zu verlassen, um so den aufwendigen Quartalsberichten, den Forderungen aggressiver Investoren und den üppigen Dividendenzahlungen zu entfliehen.

Setzen sich beide Trends ungebremst fort – Rückkäufe und Rückzug –, dann können die Aktienkurse weiter steigen. Börseneinbrüche drohen aber dann, wenn die schwächere Konjunktur die Konzerngewinne nachhaltig schmälert, sodass weniger Geld für den Erwerb eigener Aktien bleibt.

Ein Beispiel für solch einen abrupten Trendwechsel liefert die jüngere Börsenhistorie: 2008 halbierte sich in den USA innerhalb eines Jahres das Volumen an Aktienrückkäufen. In der Folge halbierten sich auch die Kurse an der Wall Street – und im Sog davon die Kurse in Europa, einschließlich Deutschlands. So weit muss es diesmal nicht kommen. Anleger sollten sich dieser Gefahr aber bewusst sein.

Mehr: Die Europäische Zentralbank wird ihre Geldpolitik weiter lockern. Noch niedrigere Zinsen bringen aber auch noch schädlichere Nebenwirkungen mit sich.

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