Kommentar Warum der Economist daneben liegt

Die britische Zeitschrift analysiert Deutschland und bemängelt unsere mangelnde Führungsstärke. Sie liegt falsch, meint Oliver Stock.
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Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist. Quelle: Pressefoto

Deutschland als zaudernde Macht, auf der Titelseite des Economist.

(Foto: Pressefoto)

DüsseldorfDiese Analyse vom Economist ist fantastisch. Sie hat nur einen Schönheitsfehler: Zanny Minton Beddoes hat die Deutschen vergessen. Sie hat auf uns geschaut, aber uns nicht gefragt. Wir Deutsche sind anders, als es viele um uns herum gerne hätten. Wir Deutsche haben die Regierung, die wir verdienen – im Guten wie im Schlechten. Wir haben sie gewählt und sind also mehrheitlich mit ihr einverstanden. Politisch gedacht heißt das: Es mag zwar bei Euch lieben Nachbarn den Wunsch nach einem anderen Deutschland geben, aber da machen wir nicht mit.

Wir - wir sind zähe Typen. Wir haben Ausdauer gelernt. Wir wissen, dass wir mit vielen kleinen Schritten eher ins Ziel einlaufen als mit Siebenmeilenstiefeln. Mit Visionen, wie sie die Siebenmeilen-Stiefelträger produzieren,  haben wir nämlich so unserer Erfahrungen gemacht. Und die waren immer schlecht. Sie haben zwar eine große Wirkung entfaltet, aber im Nachhinein betrachtet meistens nicht die, die beabsichtigt war.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.
Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Nein wir mögen Trippelschritte. Veränderung ist gut, Reformen sind wichtig und Fortschritt ist richtig, aber bitte so, dass wir ihn nicht zu sehr merken, während er passiert. Das stört nur. Wir betrachten den Fortschritt wie das Wachstum der deutschen Eiche, die vor unserem Fenster steht: Jeden Morgen schauen wir darauf und finden, sie sieht aus wie gestern. Das beruhigt uns ungemein. Nur wenn wir zehn Jahre nach sonst wohin auswandern und zurückkommen, staunen wir, wie groß sie geworden ist. Und dann sind wir stolz auf sie. So sind wir Deutschen. Behutsam im Umgang mit uns selbst.

So haben wir auch gelernt, dass Sparen eine gute Sache ist. Die Politik des billigen Geldes - Staatsanleiheaufkäufe, Liquiditätsspritzen, Dauerniedrigzinsen – führt andere pfeilgeschwind in die Pleite. Sie zieht auch unser Geld auf dem Sparbuch in Mitleidenschaft. Sie lässt unser in Lebensversicherungen investiertes Kapital dahinschmelzen wie den Schnee in der Sonne. Wir erleben auch bei uns den Vermögenstransfer vom Sparer zum Schuldner. Wir sparen uns arm - und das mögen wir gar nicht. Deswegen sind wir auch bei unseren Nachbarn gegen das Geldausgeben, wenn keines da ist.

Wir setzen stattdessen auf Dinge, von denen wir etwas verstehen. Der Maschinenbau, die Chemie, ja das gehört dazu. Und das verkaufen wir lieber, als dass wir Geld verkaufen, wie es uns unsere Nachbarn nahelegen wollen. Wir schicken lieber ein ordentliches Auto in die Welt als ein Derivat, einen Kredit oder einen Hebel auf Optionsscheine. Dass die Chinesen uns dafür lieben, spricht übrigens für ihren guten Geschmack und weniger für unser unverschämtes Glück.

Und noch etwas: Wir Deutschen glauben, dass wir Fragen dort beantworten, wo sie gestellt werden. Dass wir Probleme dort lösen, wo sie auftauchen. Uns sind zentrale Aufmarschplätze der Macht zuwider. In der Vielfalt liegt die Kraft – wir hatten das zwischendurch einmal vergessen und unsere Nachbarn haben uns unter Schmerzen daran erinnern müssen.

Es ist komisch, wenn die, die uns daran erinnert haben, uns jetzt Führungsunlust vorwerfen. Unser Mut besteht darin, das Prinzip der Vielfalt und des Föderalismus zu verteidigen. Es ist langsam, langweilig und harmoniebedürftig, aber unglaublich erfolgreich. Wenn das alles selbstgefällig klingt – dann soll es das von mir aus.

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19 Kommentare zu "Kommentar : Warum der Economist daneben liegt"

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  • Wissen Sie, sie sind ja ein glühender Verfechter ihres gelebten Deutschtums.
    Aber es gibt wie immer zwei Seiten der Medaille.
    Wie man sich selbst empfindet und wie man von anderen empfunden wird!!!!!!!
    Und genau dazwischen liegt meistens die objektivere Wahrheit.
    Die Tugenden dieser Beharrlichkeit der Deutschen, kann
    sich leider auch negieren.
    Wir sind ein angepasstes Volk. Uns fehlt das Gen des Aufbegehrens.
    Wir sind träge und zu keinem Risiko bereit.
    Darum hängen wir auch am Euro bis zum bitteren Ende.
    Erst wenn dem Deutschen alles genommen wurde,
    schlägt er unkontrolliert um sich, indem er sich voller Verzweiflung in politische Abenteuer stürzt!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Da sind andere Völker vielleicht ausgeglichener und lassen
    sich nicht alles gefallen, bei Zeiten!!!
    Was lernt uns die Geschicht?
    Auch die deutsche Mentalität hat zwei Seiten, eine gute,
    wenn alles rund läuft und eine schlechte, wenn alles schief läuft!!!!!!Und beides generiert sich aus eben einer Mentalität!!!!!!!!!!!!!!!!!

  • Wollt Ihr die totale Energiewende?

    Diese Frage stelle ich mir manchmal, wenn nicht sachgerecht, unüberlegt, aus politisch taktischen Gründen Entscheidungen zur Energieversorgung getroffen werden.

    "Mit Visionen, wie sie die Siebenmeilen-Stiefelträger produzieren, haben wir nämlich so unsere Erfahrungen gemacht.", so schreibt Herr Stock ganz richtig.

    Also bitte wieder ein bisschen abkühlen! Nur weil Japan einen Tsunami erleidet, werden unseren Kernreaktoren nicht unsicherer. Meinetwegen kann man die "Energiewende" ja gerne _probieren_, z.B. in einem weniger wichtigen Bundesland. Aber doch nicht mit Siebenmeilen-Stiefel Visionen eines der führenden Industrieländer aus Spiel setzen. Ist das so schwer zu verstehen?

  • Jetzt wo der Euro auseinander bricht soll Deutschland Stärke zeigen. Ich nehme an die Briten meinen Deutschland soll jetzt den Buhmann spielen und das Portemonnaie schön weit aufreißen.

  • Dieser Kommentar ist alles andere als lustig. Die ganzen Vokabeln (Hegememon, etc. ..) sind mir von jemanden bekannt.

    Herr Soros hat doch ganz klar hier in die Redaktion des Economist reingeschrieben.

    Nur schade, dass nirgendwo auf der Welt Rettungsplände entworfen werden, die auch das Wohl der deutschen Bevölkerung berücksichtigt.

    Deshalb: So oder so AFD wählen. Nur diese Partei wird es verstehen den Euro neu zu verhandeln, und wenn dies nicht gelingt, ganz aus dem Projekt auszusteigen-
    Tatsache ist: Den Euro braucht kein Mensch.

  • Völlig unaufgeregt möchte ich hier mal anmerken, dass dies ein gelungener Kommentar ist. Humoristisch und treffend auf "uns Deutsche" formuliert.

    Im übrigen gilt auch für unsere Nachbarn, dass diese die Regierung haben die sie verdienen. Der Weg der europäischen Einigung war, ist und wird ein steiniger bleiben...

  • elende adblocker. irgndwie muß sich doch in clikcs page impressions und views die response-quote eines internet-mediums dokumentieren lassen.

    a propos robots:

    http://www.sitemapwriter.com/help/images/user-agent.jpg

    we should install a "captcha" in front of every web-page to ensure it not gets indexed by search engines like google and is visited by real humans

    ---

    "Bitte den Code eingeben - und dann am besten mit "

    wtf is a "klarname"? isn't it "Stasi 2.0"

    http://www.dict.cc/?s=wording ? http://www.duolingo.com/#/info

    " weitermachen."



  • Wir könnten noch ein paar Aktien für das Prjoekt "Bleistifte mit Schinkegeschmack" drucken und gegen echtes Geld eintauschen. Den Bürgern ihre eigenen Telefonkabel auf der "letzten Meile" verkaufen und via Resellern wie "mannesmann/Arcor"/"vodafone" zurück-vermieten wie die DTAG/RegTP zu Zeiten der New Economy.

    http://central.banktunnel.eu/20130615-1022-boe-se-bullen.jpg

    Die Stadtwerke Wien mit ihrem Glasfaser-durch-Abwasser können GBit/S überall hin liefern wo ein Sche**haus steht.

    http://www.fastopticom.de/node/94

  • "Nein wir mögen Trippelschritte."

    Meinen Sie die Trippelschritte, wonach wir Stück für Stück den Euro-Ländern Zugriff auf unser Vermögen gewähren ?

    Das mögen vielleicht unsere Politiker, aber nichr "wir".

    Den Willen unserer Politiker mit dem Willen der Bürger gleichzusetzen nur weil wir sie gewählt haben ("Wir haben sie gewählt und sind also mehrheitlich mit ihr einverstanden.") und damals keine Alternative hatten ist schon gewagt.
    Und wenn diese Vermögensverteiler nächstes mal wieder gewählt werden, dann hat Deutschland dies verdient.

    Allerdings glaube ich, dass ein Teil der Deutschen (die etwas gespart haben) seine Konsequenzen daraus ziehen wird, weil die alle wissen, wohin der Zug fährt.

    Zurück bleiben die Träumer.

    Wenn ich die heutigen politischen Zustände in D mit meinem Gemeinschaftskundeunterricht vor knapp 40 Jahren vergleiche, frage ich mich schon was aus D zwischenzeitlich geworden ist (Funktionärsdemokratie ?)oder schon versteckte Diktatur ?

  • a propos licht und internet-traffic

    http://central.banktunnel.eu/20130615-1022-boe-se-bullen.jpg

  • live/aktuell: die BÖ®SEN BULLEN ™ (nicht von der SEC) ...

    http://www.earthcam.com/usa/newyork/wallstreet/chargingbull/

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