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Kommentar Warum die gegenseitige Abhängigkeit von Geld- und Finanzpolitik beunruhigt

Die Notenbanken und die Politik können seit der großen Finanzkrise kaum mehr voneinander lösen. Das ist kein Zufall.
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In Europa haben gerade schwache Länder von dem Versprechen profitiert, die Euro-Zone in jedem Fall zusammenzuhalten. Quelle: Huebner/Herkert
EZB in Frankfurt

In Europa haben gerade schwache Länder von dem Versprechen profitiert, die Euro-Zone in jedem Fall zusammenzuhalten.

(Foto: Huebner/Herkert)

Die Notenbanker sind aus ihrem Schattenreich der Zahlen, ökonomischen Modelle und formelhaften Verlautbarungen seit der großen Finanzkrise 2008 herausgetreten ins grelle Licht der Öffentlichkeit. Sie gelten als Helden, die die Welt gerettet haben. Oder als Schurken, die sie in Unordnung gebracht haben.

Seit Jahren gibt es eine große Sehnsucht nach Normalität. Bei vielen Notenbankern, bei Politikern, deutschen Sparern und ordnungspolitisch orientierten Ökonomen. Wenn einmal die Folgen der Krise überwunden sind, so die Hoffnung, dann sollten Geldpolitiker wieder zu grauen Gestalten werden, für deren Treiben sich nur Experten interessieren.

Dann könnten sich Notenbanken vom Kapitalmarkt zurückziehen, wo sie zurzeit die mächtigsten Akteure sind. Die Zinsen sollten so weit steigen, dass man mit Geld wieder Geld verdient. Und Geld- und Finanzpolitiker werden sich, so die Vorstellung, wieder klar auf ihre Aufgaben konzentrieren, ohne sich gegenseitig ins Handwerk pfuschen.

Doch die Hoffnung trügt. Und das heißt auch: Wir werden weiter in einer sehr viel komplizierteren Welt als früher leben. Geld- und Finanzpolitik können sich nicht von einander lösen, wie es ordnungspolitisch und auch praktisch wünschenswert wäre.

Jerome Powell, Chef der US-Notenbank (Fed), hat gerade angekündigt, dass er und seine Kollegen sich bald darüber verständigen werden, bis zu welchem Grad die Fed-Bilanz noch schrumpfen soll. Sie stehen dabei, ohne es zuzugeben, auch unter dem Druck der Finanzmärkte, wo dieses Thema zeitweise eine große Rolle gespielt hat. Denn das Schrumpfen der Fed-Bilanz saugt Geld aus dem Markt.

Wenn dieser Prozess gestoppt wird, also auslaufende Zinspapiere im Bestand der Notenbank durch Neukäufe ersetzt werden, dann ist die Normalität wiederhergestellt. Weiter schrumpft die Bilanz nicht mehr. Außerdem hat die Fed die Zinsen bereits auf ein Niveau zwischen 2,25 bis 2,5 Prozent angehoben. Mehr Normalität gibt es erst einmal nicht.

Aber es ist eine andere Normalität als vor der Krise. Die Leitzinsen sind damals zeitweise auf mehr als fünf Prozent gestiegen. Die Bilanzsumme lag früher deutlich unter einer Billion US-Dollar und ist jetzt erst von 4,5 auf rund 4,0 Billionen geschrumpft.

Außerdem: Früher waren Zinsen und Wachstum meist höher. Die Notenbanken hatten Mühe, Inflation zu verhindern. Jetzt hat die Fed lange gebraucht, um sie auf ihr Wunschziel von zwei Prozent hochzutreiben.

Und während sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Erkenntnis durchgesetzt hat, dass Notenbanken möglichst unabhängig von der Politik sein sollten, sind beide Seiten seit der Krise immer enger zusammengerückt. In den USA kann sich die Regierung leicht verschulden, solange die Fed ihre Anleihen kauft. In Europa haben schwache Länder von dem Versprechen der EZB profitiert, die Euro-Zone auf jeden Fall zusammenzuhalten.

Und in Deutschland fluchen zwar die Sparer, aber die Regierung kann mit real – nach Abzug der Inflation – negativen Zinsen leicht schwarze Nullen im Haushalt produzieren und das anderen Ländern mit höheren Zinsen als mahnendes Beispiel vor die Nase halten.

Das Beispiel der Fed zeigt: Die neue Normalität ist nicht die alte Normalität. Das gilt umso mehr für die Europäische Zentralbank (EZB).

Sie hat gerade erst den Aufbau der Bilanzsumme gestoppt und wird wahrscheinlich noch mindestens ein Jahr ihre entscheidenden Zinsen knapp unter Null halten. Ob sie es überhaupt zu etwas Normalisierung schafft, bis die nächste Krise zuschlägt ist, ist offen.

Die Vermengung von Geld- und Finanzpolitik hält an, auch wenn sich die EZB Mühe gibt, alles, was sie tut, unabhängig von politischen Wünschen zu formulieren. Ein Patentrezept, um dieser Situation zu entfliehen, gibt es nicht.

Einzige Lösung: Alle müssen einen guten Job machen

Es hilft nur, dass sich alle Entscheidungsträger gründlich mit ihr auseinandersetzen – und dann einen guten Job machen. Und sich Fragen zu stellen: Haben die Notenbanken selbst einen guten Job gemacht? Hätten sie früher normalisieren sollen, um weiter voranzukommen, bevor die nächste Krise kommt?

Außerdem: Sind eigentlich Fed und EZB für die niedrigen Zinsen verantwortlich? Oder folgen sie letztlich nur einem Trend zu sinkenden Renditen in der realen Wirtschaft, der unter anderem mit der Überalterung der Bevölkerung zusammenhängt?

Die beunruhigende Antwort auf all diese Fragen ist: Genau wissen es selbst die Experten nicht. Allein schon deswegen nicht, weil es im wirtschaftlichen Geschehen mehr Wechselwirkungen als einseitige Ursache-Wirkung-Beziehungen gibt.

Außerdem weiß keiner, was passiert wäre, wenn die Geldpolitiker in und nach der Krise die Schleusen weniger weit geöffnet hätten. Manchmal hilft nur, das große Bild in den Blick zu nehmen und zu prüfen, was plausibel ist.

So fällt zum Beispiel auf: Die Bevölkerung in Japan ist stärker überaltert als in Europa, und in Europa mehr als in den USA. Die Geldpolitik spiegelt das wider: In Japan sind Wachstum und Zinsen über lange Sicht sehr niedrig, und in Europa niedriger als in den USA. Das ist wohl kein Zufall.

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