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Kommentar Warum eine „Impfpflicht light“ in Deutschland eine gute Idee wäre

Für Masern gilt seit diesem Jahr in Deutschland eine eingeschränkte Impfpflicht. Warum sollte dieser Ansatz nicht auch bei Corona übernommen werden?
21.12.2020 - 04:00 Uhr 6 Kommentare
Ein wildes Gezerre um den Weg zur Herdenimmunität. Quelle: Burkhard Mohr für Handelsblatt
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Ein wildes Gezerre um den Weg zur Herdenimmunität.

(Foto: Burkhard Mohr für Handelsblatt)

An diesem Montag wird die europäische Arzneimittelagentur Ema aller Voraussicht nach die Zulassung des Biontech-Vakzins empfehlen. Nach Weihnachten sollen in Deutschland die Impfungen gegen das Coronavirus starten. Impfdosen werden zunächst Mangelware sein – und auch die Impfbereitschaft in der Bevölkerung reicht derzeit nicht aus, um zu einer Herdenimmunität zu gelangen.

Vielleicht werden die Erfahrungen der kommenden Monate die Skepsis senken. Bund und Länder haben aber noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Außerdem sollte sich die Regierung trauen, eine „Impfpflicht light“ für bestimmte Berufsgruppen und Einrichtungen einzuführen. Vorbild wäre die seit diesem Jahr geltende Impfpflicht gegen Masern.

Aktuell scheinen den Umfragen zufolge nur zwischen 50 und 60 Prozent der Bevölkerung bereit, sich gegen Sars-CoV-2 impfen zu lassen. Selbst in Gesundheitsberufen ist eine Zurückhaltung zu spüren: In einer Befragung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin gaben immerhin 73 Prozent der Ärzte an, sich nach derzeitigem Stand einen Impfstoff verabreichen zu lassen – aber nur die Hälfte der teilnehmenden Pflegekräfte.

Impfgegner wären gern aufklärerische Avantgarde, bauschen aber nur ihre esoterischen Befindlichkeiten auf. Diesem Lager ist längst nicht jeder zuzurechnen, der Zweifel an Corona-Vakzinen hegt. Doch die vorgebrachten Einwände klingen oft nach einem Luxusproblem. Fest steht: Das Impfen ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit, hat unzählige Leben gerettet und viel Leid verhindert.

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    Auf diesem Weg wurden die Pocken ausgerottet, Polio wurde erfolgreich bekämpft. Natürlich sind Impfstoffe bisweilen mit Nebenwirkungen verbunden, wie so vieles in der modernen Medizin. Die Vorstellung, dass der Bevölkerung im Kampf gegen Corona ein gemeingefährliches Präparat untergejubelt werden soll, ist absurd.

    Über die Maßnahmen, die Bund und Länder in der Pandemie ergreifen, kann man streiten. Völlig klar ist aber, dass am Ende die Impfstoffe der entscheidende Schlüssel zum Erfolg sein werden. Eine breit angelegte Informationskampagne der Bundesregierung ist nötig, sie wird aber nicht ausreichen. Alle seriösen Kräfte in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen dabei mitwirken, das Vertrauen in die schützende Wirkung der Vakzine aufzubauen.

    Vertrauen entsteht auch dadurch, die unabhängigen Prüfbehörden ihre Arbeit machen zu lassen. Wenig hilfreich war der in den vergangenen Tagen erweckte Eindruck, die EMA gerate politisch unter Druck, weil einige Staaten außerhalb der EU den Biontech-Wirkstoff schon verabreichen. Die europäischen Prüfer wären bis Jahresende ohnehin fertig geworden – und zwar mit einem regulären Zulassungsverfahren und nicht mit einer Notfallgenehmigung wie in den USA und in Großbritannien. Der Nutzen, eine auf viele Monate angelegte Impfkampagne einige wenige Tage früher starten zu lassen, ist begrenzt. Der mögliche Schaden durch Zweifel am Verfahren ist dagegen groß.

    Bei einem anderen Punkt hat die Bundesregierung dagegen zu viel Rücksicht auf die Impfzweifler genommen: Es geht um das Versprechen, dass es in Deutschland keine Impfpflicht geben werde. Womöglich war das als vertrauensbildende Maßnahme gedacht. Seit dem Frühjahr wurde diese kategorische Aussage gebetsmühlenhaft wiederholt.

    Doch die unzureichende Impfbereitschaft in der Bevölkerung deutet nicht unbedingt darauf hin, dass die Kalkulation der Regierung aufgeht: Eine Absage an eine Impfpflicht erhöht die Akzeptanz von Corona-Impfungen. Und einer Hardcore-Fraktion unter den Impfgegnern kann man vermutlich erzählen, was man will – sie werden bei ihrer Ablehnung bleiben.

    Eine generelle Impfpflicht sollte es nicht geben, grundsätzlich muss jeder Bürger diese Entscheidung für sich treffen. Allerdings gibt es gesellschaftliche Bereiche, in denen der Schutzgedanke für das Umfeld überwiegt. Diesen Weg ist die Regierungskoalition erst kurz vor der Corona-Pandemie mit der Impfpflicht gegen Masern gegangen.

    Das im November 2019 vom Bundestag beschlossene und im März 2020 in Kraft getretene Masernschutzgesetz verpflichtet Beschäftigte in Arztpraxen, Pflegediensten und Kliniken zu einem Impfschutz. Vor der Aufnahme in eine Kindertagesstätte oder Schule müssen Eltern belegen, dass ihr Kind gegen Masern geimpft oder bereits immun ist. Die Nachweispflicht gilt zudem für Mitarbeiter in Kitas, Schulen und anderen Gemeinschaftseinrichtungen. Bewohner und Mitarbeiter in Flüchtlingsunterkünften müssen den Nachweis ebenfalls erbringen.

    Sars-CoV-2 ist gegenwärtig eine deutlich größere Gefahr, als die Masern es sind – nicht nur für die Gesundheit von Risikogruppen, sondern auch mit Blick auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schäden. Die Möglichkeit einer gezielten Impfpflicht, zuvorderst im Bereich der Pflegeheime, hat sich die Regierung mit ihrer Position wohl verbaut. Gerade erst bekräftigte Kanzlerin Angela Merkel: „Wir wollen keine Impfpflicht einführen.“ Eine qualifizierte Pflicht wie beim Masernschutzgesetz wäre dennoch sinnvoll.

    Mehr: Dürfen Arbeitgeber von Beschäftigten eine Impfung verlangen? Muss Pflegepersonal Überstunden schieben? Antworten auf diese und andere wichtige Fragen.

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    6 Kommentare zu "Kommentar: Warum eine „Impfpflicht light“ in Deutschland eine gute Idee wäre"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Ich denke, dass bei einer so skeptischen Grundstimmung gegenüber dem Thema Impfung eine Impfpflicht nicht durchsetzbar ist.

      Die Frage ist in diesem Zusammenhang noch interessant, wer denn die rechtlichen Risiken im Zusammenhang mit den Impfstoffen trägt - die Hersteller jedenfalls nicht, weil ja so schnell auf Bitten der Politik entwickelt.

      Hatte ich vor Monaten gelesen; vielleicht könnte jemand es verifizieren, ob sich das geändert hat.

    • das Entscheidende ist doch, wann werden die Impfdosen geliefert.
      Das hat Herr Spahn wieder einmal nicht gesagt; ich gehe davon aus,
      dass die erst vor kurzem bestellt wurden; wie mit dem Beginn der Impfung.

      Mittlerweile kann man Aussagen aus der Regierung nicht mehr glauben.

    • Zu "Diesen Weg ist die Regierungskoalition erst kurz vor der Corona-Pandemie mit der Impfpflicht gegen Masern gegangen."

      Ergänzung: Diesen Weg sind nahezu ALLE westlichen Staaten in den direkten Monaten vor der Pandemie gegangen. Fällt Ihnen was auf?

      Wohl weißlich wissend, dass ALLES, das besteht, letztlich ein Wachstum in sich trägt. Auch Salami-Taktik genannt, die man bspw. in der sukzessiven Eskalation von Corona-Maßnahmen nachvollziehen kann.

      (...)

      (...) Beitrag von der Redaktion editiert. Unterstellungen oder Verdächtigungen ohne Bezug oder glaubwürdige Argument, die durch keine Quelle gestützt werden, sind nicht erwünscht.

    • @Andre Peter: Sanktionen bei Masern-Nichtimpfung liegen bei 2.500 €.

      Grundsätzlich empfinde ich den Gedanken einer Impfpflicht als Katastrophe. Welches Menschenbild wird denn hier bitte bedient, wenn eine Mehrheit/externe Macht über meine eigene körperliche Unversehrtheit entscheiden soll??! Mit dem absurden Argument, ich könnte jemand anderen gefährden?

      Liebe Leut, es gehört zum Lebensprinzip, dass Menschen interaktiv aufeinander wirken. Jeder, der einen Raum betritt, der irgendein Wort sagt oder auch kein Wort sagt, der einfach nur existiert, beeinflusst sein Umfeld.

      Wenn wir diesen Gedanken einer 'Gefährdung für andere' zur Maxime erkoren, dann müsste man jedem Menschen das Aufstehen verbieten. Er müsste einsam und untangierend zu Hause vegetieren. Oh, das üben wir derzeit schon...?

      Diese Konformierung der Menschen zu einer Marionettenhaften Gleichschaltung im Denken, Handeln und Sein lehne ich ab. Selbstbestimmung ist das Grundrecht eines freiheitlichen Menschen.

    • Gerade erst bekräftigte Kanzlerin Angela Merkel: „Wir wollen keine Impfpflicht einführen.“
      Da fehlt nur das ABER:
      „Wir wollen keine Impfpflicht einführen.“, aber wie MÜSSEN.

      Prinzipiell wäre eine Impflicht so zu gestalten, dass sie keine Sanktionen nach sich zieht und die finanziellen Folgen von Impfschäden nicht durch die Betroffenen getragen werden müssen.

      Kennt jemand die Sanktionen bei Nichtimpfung "Masern"?

    • Die Diskussion über Impfpflicht ist verfrüht und kontraproduktiv. Zunächst und sicher das ganze Jahr 2021 wird es nicht genügend Impfkapazität, Impfstoffe und Zentren, geben um die Teile der Bevölkerung zu impfen, die das wollen. Wenn man in dieser Phase Misstrauen durch Gerede von Impfpflicht aufbaut handelt man kontraproduktiv. Besser wäre es frühes impfen zunächst erstmal möglich zu machen, erste Jahreshälfte, dann zu incentivieren und längerfristig kann man dann -ehrlicherweise abhängig vom dann gewonnenen Kenntnisstand- über Verbindliche Impfnachweise bei bestimmten Berufsgruppen, Reisenden, Schüler, Besucher von Stadien usw. nachdenken.

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