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Kommentar Warum Start-ups ihre Geschäftsmodelle innovativer gestalten müssen

Die Start-ups geben sich gern nachhaltig. Tatsächlich aber schaden viele Geschäftsmodelle dem Klima. Das muss sich dringend ändern.
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Auf der Konferenz lautete die Vision in vielen Debatten: Nullemissionen bei unverändertem Lebensstil dank neuer Technik Quelle: Reuters
Die Bits & Pretzels-Gründer mit Barack Obama

Auf der Konferenz lautete die Vision in vielen Debatten: Nullemissionen bei unverändertem Lebensstil dank neuer Technik

(Foto: Reuters)

Die Kritik am FDP-Vorsitzenden Christian Lindner ließ nicht lange auf sich warten. „Ich will nicht verzichten und will auch nicht, dass andere verzichten müssen. Ich will durch die beste und neueste Technik erreichen, dass die Menschen frei leben und sich frei bewegen können, während wir gleichzeitig etwas für den Klimaschutz tun“, postete sein Team vor einer Woche auf Twitter – zum Ärger vieler Fridays-for-Future-Anhänger.

Auf Twitter erntete Lindner Spott. Dabei drückte der Politiker nur etwas unelegant das aus, wovon die Tech-Szene träumt: Nullemissionen bei unverändertem Lebensstil dank neuer Technik. Auf der am Dienstag beendeten Start-up-Konferenz Bits & Pretzels in München zog sich diese Vision durch viele Debatten – weitgehend nicht hinterfragt.

Mit Worten treibt die Szene den Klimaschutz voran. Doch es mangelt an Taten. Denn derzeit rechnen sich klimaschädliche Geschäftsmodelle schlichtweg besser als Investitionen in den Klimaschutz. Dabei lautet eines der Grundversprechen der Digitalindustrie: höhere Effizienz.

Doch diese Effizienzgewinne übersetzen die meisten Start-ups nicht in Ressourcenschonung, sondern sie sorgen im Gegenteil dafür, dass Verbraucher mehr konsumieren. Zum Beispiel im E-Commerce: Ausgewiesenes Ziel vieler Onlineshops ist es, nicht nur den stationären Handel dank schneller Lieferung, breiter Auswahl und niedriger Preise abzulösen, sondern die Kunden zu mehr Konsum zu verführen.

Nicht umsonst trug ein inzwischen von Home24 übernommenes Start-up den bezeichnenden Namen „Fashion for Home“: Möbel sollen zum Modeartikel werden mit entsprechend kurzer Produktlebensdauer – dank Digitalmarketing, digitaler Logistik und auch dank niedriger Produktionskosten in Fernost.

Das Start-up Lesara wiederum hatte explizit zum Ziel, seine Zielgruppe, vor allem ältere Frauen, zum Kauf von billigem, unnötigem Schnickschnack ebenfalls aus dem Fernen Osten zu verleiten. Immerhin: Es zeigt sich, dass diese Geschäftsmodelle nicht unbedingt nachhaltig sind. Lesara musste in diesem Jahr seinen Onlineshop schließen, Home24 tut sich an der Börse schwer.

Auch in der aktuellen Welle von hochfinanzierten Start-ups finden sich etliche, die digitale Effizienz in zusätzlichen Konsum umsetzen. Immer deutlicher zeigt sich in den deutschen Städten, dass die E-Roller nicht Autofahrten ersetzen, sondern Fußgänger zu Mobilitätskonsumenten machen. Die Roller haben derweil eine Lebensdauer von wenigen Monaten und verbrauchen kräftig Strom. Reine Ressourcenverschwendung.

Die jungen Carsharing-Apps, bei denen die Autos an jeder Straßenecke stehen, gehen bislang jedenfalls eher zulasten des ÖPNV, als dass sie Privatwagen ersetzen. Die Liste lässt sich fast beliebig fortsetzen: Die Berliner Reiseerlebnis-App Get Your Guide, mit über einer Milliarde Dollar bewertet, forciert den Fernreisetourismus ebenso wie der US-Konkurrent Airbnb.

Die komfortablen Flugtaxen, die Unternehmen wie Lilium derzeit entwickeln, werden dazu beitragen, dass Geschäftsleute eher mehr reisen, als Videokonferenzen zu nutzen. Dass Gründer und Risikokapitalgeber nur wenige Geschäftsmodelle finanzieren, bei denen Nachhaltigkeit nicht nur Beiwerk, sondern Kern ist, liegt vor allem daran, dass sich damit kaum schnelles Geld verdienen lässt.

Echte Innovationen sind forschungsintensiv

Solange CO2-Emissionen keinen politisch gesetzten hohen Preis haben, lässt sich mit der Reduktion wenig verdienen. Die Investoren erinnern sich zudem daran, was aus vielen Clean-Energy-Gründungen aus der Zeit des Solar-Booms vor einem Jahrzehnt geworden ist: Sie sind oft mit der deutschen Solarindustrie verschwunden.

Echte Innovationen sind in dem Feld sehr forschungsintensiv. Sie finden entsprechend eher bei den Großkonzernen statt wie dem Kraftwerksbauer Siemens oder den Autoherstellern, die an Elektroantrieben und Brennstoffzellen arbeiten. Doch als Partner für solche Unternehmen tut sich die Start-up-Szene schwer.

Kraftwerke und Autos etwa haben lange Produktzyklen – viele Risikokapitalgeber aber einen beschränkten Zeithorizont von wenigen Jahren bis zum Exit. Um vom Trendthema Klimaschutz zu profitieren, schauen die Investoren daher auf neue Modelle wie Softwarelösungen für effizientere Gebäudetechnik, die sich relativ schnell programmieren, verkaufen und skalieren lassen.

Darin liegt die Chance: Wenn es Start-ups gelingt, mit solchen Geschäftsmodellen schnell hochbewertete Unternehmen zu entwickeln, dann wäre das ein Signal an die gesamte Wirtschaft und die Politik. Den Worten müssen jetzt Taten folgen. Das schafft die Start-up-Szene nicht allein.

Sie braucht Hilfe aus der Politik – durch kluge Regulierung, nicht durch Subventionen und schon gar nicht durch plumpe Sprüche. Ein spürbarer Preis für CO2-Emissionen wäre ein guter Beginn, um Klimaschutz geschäftsfähig zu machen. CO2-Reduktion würde sich dann kurzfristig auszahlen und wäre ein Geschäftsmodell – nicht nur für Weltkonzerne wie Siemens.

Mehr: Noch immer werden nur 15 Prozent der Start-ups von Frauen gegründet. Der ehemalige US-Präsident spricht sich in München für mehr Pluralität in der Branche aus.

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