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Kommentar Warum Wirecard nicht einfach wieder zum Tagesgeschäft übergehen sollte

Der Untersuchungsbericht aus Singapur mag Wirecard zwar entlasten, doch die internen Strukturen müssen endlich auf Dax-Niveau angepasst werden.
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Der Zahlungsdienstleister hat offenbar Probleme mit seinen internen Kontrollmechanismen. Quelle: picture alliance/dpa
Wirecard

Der Zahlungsdienstleister hat offenbar Probleme mit seinen internen Kontrollmechanismen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Aussage von Wirecard-Chef Markus Braun klang wie ein Schlussstrich. Man kehre jetzt zum Tagesgeschäft zurück, sagte er am Dienstagabend in einem TV-Interview. Stunden vorher hatte der Zahlungsdienstleister Details aus dem Untersuchungsbericht der Kanzlei Rajah & Tann aus Singapur vorgelegt, die den Dax-Neuling aus Sicht des Unternehmens vom Vorwurf krimineller Machenschaften weitgehend entlasten.

Man kann Braun zugutehalten, dass seine Firma die Öffentlichkeit zumindest in einem dreiseitigen Auszug über die Vorkommnisse vor rund einem Jahr bei den Töchtern in Fernost informiert. Der Volkswagen-Konzern hatte die Aufarbeitung des Dieselskandals vor rund drei Jahren durch die renommierte US-Kanzlei Jones Day vornehmen lassen. Der Bericht der Anwälte, der anfangs auch veröffentlicht werden sollte, verschob sich dann mehrmals, ehe er nach Fertigstellung doch intern einbehalten wurde.

Bei Wirecard lassen indes schon die wenigen Zeilen der Anwälte sowie manche Details aus den vergangenen Wochen darauf schließen, dass das junge Tech-Unternehmen nun keinesfalls zum Tagesgeschäft übergehen darf. Denn dass in der Niederlassung in Singapur etliche Dinge über einen längeren Zeitraum schiefgelaufen sind, geht aus den Ergebnissen der Anwälte eindeutig hervor.

Umsätze und eine millionenschwere Summe wurden falsch verbucht, die Bilanz des Vorjahres musste korrigiert werden. Dabei sind dann noch Posten aufgefallen, die gleich mitkorrigiert wurden.

Als wäre das nicht schon genug an Reputationsschaden, wurden auch noch vorbereitete und bereits unterschriebene Verträge gefunden, für die es möglicherweise gar keine Geschäftsvorgänge gab. Nur der beherzten Meldung eines internen Whistleblowers ist es zu verdanken, dass die Vorfälle auch in der Wirecard-Zentrale vor den Toren Münchens bekannt geworden sind. Womöglich wären sie sonst bis heute nicht aufgeflogen, und der Schaden wäre noch größer ausgefallen.

Es ist nun völlig egal, ob sich der Schaden in einem überschaubaren Rahmen hält, wie es der Anwaltsbericht vermuten lässt, oder ob in Zukunft womöglich weitere Vorwürfe aus anderen Teilen der Welt in der Zentrale bekannt werden. Die Vorfälle in Singapur waren für Wirecard der letzte Hinweis, dass das gut zwei Jahrzehnte alte Unternehmen dringend mehr Kontrolle braucht.

Die internen Strukturen vom Vorstand über den Aufsichtsrat bis hin zur internen Überwachung und zur Information der Investorenarbeit müssen endlich auf das Niveau eines Dax-Konzerns gehoben werden. Bisher wird Wirecard von einer verschworenen Gruppe rund um Gründer und Mastermind Braun geführt. Der Vorstand besteht aus Gefolgsleuten, die alle seit mehr als einem Jahrzehnt im Unternehmen sind. Sie kannten Wirecard schon, da war man noch ein kleines Start-up.

Das Unternehmen wächst, die Kontrollmechanismen nicht

Ähnlich lässt sich der sechsköpfige Aufsichtsrat beschreiben, der von zwei Ex-Bankern angeführt wird, die diese Aufgabe ebenfalls seit mindestens einem Jahrzehnt wahrnehmen. Beide feiern in diesem Jahr ihren 75. Geburtstag. Der Rest des Aufsichtsrats hat seinen beruflichen Schwerpunkt bei Technologie und der Finanzierung von Start-ups. Ausgewiesene Experten in den Bereichen Personal, Prüfung und Risiko, wie sie anderswo in solchen Gremien sitzen, sucht man bei Wirecard vergebens.

Auch bei der internen Kontrolle und der Betreuung der Investoren ist vieles nicht mitgewachsen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass ein Dax-Konzern in bis dato nicht da gewesener Weise über Wochen hinweg zum Spielball von Spekulationen wurde. Wirecard versuchte zwar, den Eindruck zu erwecken, dass man alles im Griff habe, aber es blieb beim Versuch.

Hätten Braun und seine Kollegen offen und proaktiv kommuniziert, hätten sich womöglich viele Unklarheiten sehr viel schneller aufklären lassen. So entstand der Eindruck, das Unternehmen wolle etwas vertuschen. Horrende Kursverluste waren die Strafe.

Hinterfragen sollte Vorstandschef Braun auch die von ihm ausgerufene extreme Wachstumsstrategie in den kommenden Jahren. Immerhin sollen sich danach Umsatz und Gewinn bis ins Jahr 2025 mehr als vervierfachen. Die Rolle des Wachstumstreibers sollen dabei vor allem die asiatischen Märkte übernehmen.

Nur wenn Wirecard dort sein zuletzt schon rasantes Wachstum fortsetzt, sind diese Ziele zu erreichen. Möglicherweise waren es aber gerade die ambitionierten Wachstumsziele aus der Zentrale, die Topmanager in Asien zu unlauteren Methoden greifen ließen, weil die ambitionierten Vorgaben auf regulärem Weg nicht zu erreichen waren.

Wirecard wird nach den Vorfällen der vergangenen Wochen noch lange nicht zur Tagesordnung übergehen können. Die Aufarbeitung erfordert nun harte Konsequenzen, um auf dem Weg zu einem seriösen Dax-Konzern möglichst schnell Fortschritte zu machen. Nur so kann es gelingen, verschreckte Anleger zurückzugewinnen.

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