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Kommentar Was Unternehmen aus Bayers Monsanto-Debakel lernen können

Der Dax-Konzern glaubte, die Glyphosat-Probleme im Griff zu haben. Die neue Sensibilität von Öffentlichkeit und Investoren hat Bayer nicht einkalkuliert.
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Tausende von Nichtregierungsorganisationen führen im Netz einen für Unternehmen kaum noch zu gewinnenden Guerillakrieg um Aufmerksamkeit. Quelle: Reuters
Proteste gegen die Fusion von Bayer und Monsanto

Tausende von Nichtregierungsorganisationen führen im Netz einen für Unternehmen kaum noch zu gewinnenden Guerillakrieg um Aufmerksamkeit.

(Foto: Reuters)

Die Hauptversammlung eines börsennotierten Unternehmens kennt mindestens drei Eskalationsstufen: Wenn Kleinaktionäre ihrem Ärger Luft machen über Was-sie-schon-immer-mal-sagen-wollten, ist das anstrengend, aber noch nicht allzu relevant.

Wenn die Medien sich auf Lücken in der Strategie oder Pannen im Vorstand einschießen, ist das relevant, aber noch nicht wirklich gefährlich. Aber wenn Großinvestoren Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung verweigern, ist das nicht mehr gefährlich, sondern schnell existenziell. Die Bayer AG wird am Freitag alle drei Phasen durchleiden.

Ausgerechnet der Konzern, der sich so lange so gern als deutscher Streber sah, wenn es um Forschung und Entwicklung, Verantwortung oder Mitbestimmung ging! Der eine Zeit lang gar der wertvollste Konzern im Deutschen Aktienindex (Dax) war. Nun ist das Image ramponiert, der Kurs im Keller, die Führung unter Druck.

Und warum das alles? Weil die Deutschen im vergangenen Jahr den US-Chemieriesen Monsanto gekauft haben. Weil sie sich seither jeden Tag der Frage stellen müssen, ob Monsantos Unkrautvernichter Glyphosat krebserregend ist, denn nun ist es ihr Gift. Und weil das alles sehr, sehr teuer werden kann angesichts von mittlerweile 13.400 Klagen vermeintlicher Glyphosat-Opfer.

Bislang hat der deutsche Konzern im Fall Monsanto nur zwei Prozesse verloren und auch die nur in erster Instanz. Aber schon das führte dazu, dass die neue Bayer AG heute nur noch gut 57 Milliarden Dollar wert ist – weniger, als Monsanto gekostet hat.

Bayer-Aufsichtsratschef Werner Wenning kann die Heftigkeit der Reaktionen „nicht nachvollziehen“, sagte er kürzlich dem Handelsblatt. Er versteht die Welt nicht mehr. Aber das kann daran liegen, dass die Welt sich schneller verändert als Bayer.

Es geht heute nämlich – und da wird der Fall für jedes andere Unternehmen zur Mahnung – nicht mehr nur um die viel beschworene „industrielle Logik“ hinter einer Übernahme. Es geht überhaupt vielfach nicht um Vernunft oder Fakten, sondern auch um Stimmungen, Erwartungen, Gefühle. Bayer kann da nur verlieren, denn in seinem Fall bedeutet das viele, viele Einzelfälle von Menschen, die vor US-Gerichten ihre Krankengeschichte erzählen.

Derlei Persönliches ist immer machtvoller als alle Statistiken und Zahlenkolonnen der Bayer-Anwälte. Das weiß man nicht erst, seit die 16-jährige Greta Thunberg sogar die Weltpolitik vor sich hertreibt.

Das kritische Echo der Öffentlichkeit

Aber das ist nicht das Einzige, was die Bayer-Führungsspitze unterschätzt hat, die jetzt gebetsmühlenartig auf Gutachten von Wissenschaftlern und Juristen verweist nach dem Motto: „Seht her, wir haben’s doch schriftlich, dass wir alles getan haben.“ Vor allem hat Bayer nun aber sehr viele neue Gegner, die es früher in dieser Professionalität schlicht nicht gab.

Da ist eine gerade in den USA hocheffiziente Klageindustrie, die die Schwäche der Deutschen wittert wie ein Hai einen Tropfen Blut im Wasser. Da sind unüberschaubar viele Hedgefonds, die auf den weiteren Absturz wetten könnten.

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Da sind Tausende von Nichtregierungsorganisationen, die sich mittlerweile Pflanzen-, Tier- und Umweltschutz auf die Fahne geschrieben haben und im Netz einen für Unternehmen kaum noch zu gewinnenden Guerillakrieg um Aufmerksamkeit führen.

Da ist durch Twitter, Facebook und Co. eine neue Kurznachrichtenwelt entstanden, in deren Natur es liegt, dass Fakten nur noch dann durchs Fake-News-Dickicht dringen, wenn sie in 280 Zeichen oder drei Emojis passen. Und das alles bildet Echoraum und Filterblase einer kritischen Öffentlichkeit, die empörungsbereiter als je zuvor ist.

Es geht da oft nicht um Evidenz (die meist kompliziert ist), sondern um viel einfacher konsumierbare Emotionen. „Rationales Denken ist derzeit nicht hip“, sagt ausgerechnet der deutsche KI-Experte Chris Boos. Und auch das haben die nüchternen Techniker in Leverkusen schlicht unterschätzt, weil sie es einfach nicht verstanden haben.

Dass ausgerechnet die Finanzmärkte so feinnervig, also brutal auf das Kommunikations- und damit Strategiedesaster von Bayer reagiert haben, zeigt, dass immerhin sie verstehen, wem die Stunde schlägt – und worauf man als Unternehmen heute tunlichst achten sollte, um nicht zerrieben zu werden im Mahlstrom all dieser Partikularinteressen.

Wenn selbst Blackrock-Chef Larry Fink den Firmen ins Stammbuch schreibt, sie müssten sich stärker gesellschaftlich engagieren, dann ist damit sicher nicht gemeint, in den USA den Beweis antreten zu wollen, dass Glyphosat nicht krebserregend ist.

Insofern erfindet sich der Kapitalismus ausgerechnet an den Börsen eben doch immer wieder neu. Nur kommt diese Erkenntnis für Bayer schlicht zu spät. Wer heutige Unberechenbarkeiten nicht miteinrechnet, wird selbst unberechenbar. Und nichts hassen die Börsen mehr als Unsicherheit.

Das macht den Fall Bayer sogar fataler als das Elend von VW. Die Dieselaffäre hat in Wolfsburg immerhin schon ein einigermaßen konkretes Preisschild. Bei Bayer dagegen wird es bislang noch jeden Tag teurer.

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1 Kommentar zu "Kommentar: Was Unternehmen aus Bayers Monsanto-Debakel lernen können"

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  • Sehr geehrter Herr Tuma,

    dass die Folgen einer unternehmerischen Entscheidung kaum abschätzbar oder kalkulierbar sind, ist wahrscheinlich gar nicht so selten. Aber welche Entscheidungshilfe gibt es denn? Mein Bild dazu ist ein Spielcasino.

    Ob beim Roulette-Spiel die Kugel bei rot oder bei schwarz zum stehen kommt, kann niemand kalkulieren. Gewinnchancen stehen somit Verlustrisiken gegenüber. Ein vernünftiger Spieler wird seinen Einsatz so wählen, dass mögliche Verluste tragbar und nicht etwa existenzgefährdend sind. Haus und Hof verwetten, tun nur Hasardeure.

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