Kommentar Welche Gefahren birgt der Dax-Aufstieg von Wirecard?

Der Aktienkurs des deutschen Finanzplayers Wirecard schießt durch die Decke. Anleger dürfen die harte Realität aber nicht ignorieren.
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Wirecard: Welche Gefahren der Dax-Aufstieg birgt – ein Kommentar Quelle: obs
Steiler Erfolg

Mittlerweile ist Wirecard mehr Wert als die Deutsche Bank. Anleger sollten dem dennoch mit Vorsicht begegnen.

(Foto: obs)

Wann haben Sie sich das letzte Mal in einer Bankfiliale beraten lassen? Ich vor gut fünf Jahren, um bei einer Volksbank ein Sparbuch für meine zwei Kinder einzurichten. Der zeitliche Aufwand betrug sage und schreibe 75 Minuten, ehe alle Formulare unterschrieben waren, angefangen von gegenseitigen Vollmachten der Erziehungsberechtigten, weiter zur Risikotoleranz des Sparbuchinhabers bis hin zu den neuen Richtlinien zum Geldwäschegesetz.

Am Ende landeten je 50 Euro auf beiden Sparbüchern, von denen die Kinder nichts wissen wollen, weil es keine Zinsen fürs Ersparte gibt. Kein Wunder, dass etablierte Banken es schwer haben, Geld zu verdienen. Andere haben es leichter. Dann nämlich, wenn Sie an der Ladentheke, im Kino, im Schwimmbad oder im Internet bargeldlos bezahlen. Davon profitieren in der Öffentlichkeit wenig bekannte Adressen wie Wirecard.

Grob gesagt, sorgt die Firma dafür, dass das Geld des Käufers bei der Bank des Händlers landet. Gemessen an seinen knapp 5.000 Mitarbeitern, ist der Spezialist fürs Bezahlen im Internet, per App und Smartwatch fast 20-mal kleiner als die Deutsche Bank – an der Börse aber mit 22 Milliarden Euro fast zwei Milliarden Euro wertvoller. Kaum eine Aktie handeln deutsche Kleinanleger derzeit so häufig wie Wirecard.

Wer die vielen seriösen und halbseriösen Foren im Netz verfolgt, stellt fest: Dahinter steckt auch der Wunsch, dass es endlich auch in Deutschland ein Start-up ganz nach oben schafft: in die erste Liga der 30 wertvollsten deutschen Unternehmen, gleichberechtigt mit BASF, SAP und Siemens und altehrwürdigen Konzernen wie Merck, 1668 von Friedrich Jacob Merck mit Erwerb der Stadt-Apotheke in Darmstadt gegründet.

Der Traum wird Wirklichkeit. Nachdem sich der Aktienkurs binnen zehn Jahren mehr als verfünfunddreißigfacht hat – aus 5.000 Euro wurden über 175.000 Euro –, steht einem Aufstieg in den Dax nichts mehr im Weg. Weichen muss wohl ausgerechnet die Commerzbank – aus Sicht vieler Anleger in einer starren, unflexiblen, altmodischen Branche beheimatet, die sich angesichts der von ihr verursachten Immobilien-, Finanz- und globalen Wirtschaftskrise vor zehn Jahren nachhaltig diskreditiert hat.

Da kommt Wirecard als neuer, moderner und ganz auf die Zukunft konzentrierter Finanzplayer gerade recht. Ein globaler Zahlungsdienstleister mit einem Umsatzanteil von 50 Prozent in Asien, der wie kein anderes deutsches Unternehmen vom weltweit wachsenden E-Commerce profitiert. Doch in jedem Boom an der Börse verbirgt sich bereits die Saat für den Absturz. Hoffnungen, Wünsche und Träume verdrängen Realitäten.

Jüngster Beleg sind die Reaktionen der Anleger auf die Halbjahreszahlen Ende vergangener Woche. Als der Zahlungsdienstleister seine bereits längst präsentierten Eckdaten wiederholte und diese mit einer leicht angehobenen Umsatzprognose garnierte, die selbst wohlwollende Analysten nicht überraschte, schoss der Aktienkurs um weitere zehn Prozent nach oben.

Dass der Gewinn mit dem rasanten Wachstum nicht Schritt hielt, sodass die wichtige Umsatzrendite weiter sank, ignorierten Anleger ebenso wie die Tatsache, dass die steigenden Umsätze vor allem auf Zukäufe beruhten. Knapp 100 Vorstände oder Geschäftsführer haben bei den Wirecard-Töchtern das Sagen. Wohl dem, der den Überblick behält.

Anleger ignorieren auch, dass Wirecard mit 22 Milliarden Euro inzwischen mehr als 60-mal so viel kostet, wie die Firma in diesem Jahr voraussichtlich netto verdienen wird. So teuer ist keine andere Aktie im Dax. Hier sind die Unternehmen im Schnitt für den 13-fachen Gewinn zu haben. Zwar ist eine hohe Bewertung, wie Anleger sie Wirecard zugestehen, bei reinrassigen Wachstumswerten durchaus nicht ungewöhnlich, doch sie birgt Absturzgefahr. Dann nämlich, wenn sich das Wachstum verlangsamt.

Noch gefährlicher ist, dass immer mehr Nachahmer das Geschäftsmodell kopieren, was offensichtlich nicht schwer ist. Jüngst gab der niederländische Zahlungsdienstleister Adyen sein Börsendebüt, schon am ersten Tag schoss der Aktienkurs um mehr als 100 Prozent nach oben. Zu den prominentesten Investoren zählt Facebook-Chef Mark Zuckerberg. Viele Anbieter wie Computop, Concardis, Ingenico, Intercard, Heidelpay und Telecash buhlen in einem zersplitterten Markt um Kunden.

Das Geschäftsmodell ist keineswegs so einmalig, wie es der Aktienkurs widerspiegelt. Je mehr Wettbewerber aber auf den Plan treten, desto stärker werden die Gebühren, die Wirecard und Co. für ihre Dienste einstreichen. Das bedeutet sinkende Margen – und Aktienkurse. Erst recht, wenn der Kurs zuvor in astronomische Höhen gestiegen ist.

Was bleibt, ist der Traum von einer Finanz-Technologiefirma im Dax. Dieser wird im September wohl Wirklichkeit, wenn die Deutsche Börse über die Zusammensetzung der Beletage entscheidet – und Anleger nicht vorher das Vertrauen in ihren neuen deutschen Fintech-Star verlieren.

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