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Kommentar Wer allein die EZB für die Zinsen verantwortlich sieht, macht es sich zu einfach

Wenn die langfristigen Zinsen unter null rutschen, liegt das weniger an der Europäischen Zentralbank als vielmehr an der alternden Gesellschaft.
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Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist zum ersten Mal seit 2016 wieder unter null gefallen. Quelle: dpa
Frankfurt

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist zum ersten Mal seit 2016 wieder unter null gefallen.

(Foto: dpa)

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe ist zum ersten Mal seit 2016 wieder unter null gerutscht. Real, also nach Abzug der Inflation, liegt sie ohnehin unterhalb des Gefrierpunkts. Das Signal hat politische Brisanz: Sparer und Banken fühlen sich enteignet.

Ökonomen, vor allem aus dem Ausland, fragen sich: Warum gibt die deutsche Regierung nicht mehr Geld aus, wenn sie mit zusätzlichen Schulden sogar noch Geld verdient? Warnungen vor Staatsverschuldung wirken hohl, wenn die Sparer dem Staat das Geld förmlich aufdrängen.

In Deutschland ist es weitverbreitet, die Europäische Zentralbank (EZB) für Nullzinsen verantwortlich zu machen. Manchmal ist sogar die Meinung zu hören, die Regierungen sollten die EZB zu höheren Zinsen zwingen, oder man sollte auf die Straße gehen und gegen die Politik der Notenbank demonstrieren.

Negative nominale Zinsen erzeugen das Gefühl, in einer verkehrten Welt zu leben. Das verunsichert viele Bürger und lässt sich politisch ausbeuten. Es heißt auch, auf Dauer niedrige Zinsen begünstigten unrentable Investitionen und drückten Produktivität und Wachstum – was wiederum den Zins niedrig hält.

Die Notenbanker selbst argumentieren, dass sie nicht dagegen ankönnen, wenn der Realzins der Wirtschaft sinkt. Würden sie ihre Konditionen künstlich über den „neutralen“ Zins anheben, bei dem Wirtschaft im Gleichgewicht ist, dann würde dies zu Arbeitslosigkeit und Rezession führen. Wer beeinflusst also was – die EZB die realen Zinsen oder umgekehrt?

Auffällig ist: Die Rendite sinkt unter null, obwohl die EZB derzeit nicht noch mehr Geld in die Wirtschaft pumpt und obwohl Deutschland zwar eine konjunkturelle Schwäche, aber keineswegs einen Einbruch erlebt. Es gibt zurzeit auch keine Kapitalflucht aus anderen Euro-Ländern nach Deutschland. Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass nicht allein die EZB die Zinsen „macht“. Es sind längerfristige Trends am Werk.

Immer mehr Ökonomen vergleichen Europa mit Japan: Dort gibt es das Problem der niedrigen Zinsen schon lange, und dort ist die Überalterung der Bevölkerung bereits weiter fortgeschritten als in der Bundesrepublik. Je höher die Lebenserwartung, desto mehr muss der Mensch fürs Alter zurücklegen: Diese Sparwelle drückt den Zins.

Wer also allein auf die EZB schaut und auf eine „Normalisierung“ der Geldpolitik hin zu höheren Zinsen hofft, macht es sich zu leicht. Auf Dauer niedrige Zinsen haben Konsequenzen – für die Altersvorsorge, die Politik und die Geschäftsmodelle der Finanzbranche. Hier lauern viele offene Fragen, die durch Kritik an der EZB nicht beantwortet werden.

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