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Kommentar Wider den Bedeutungsverlust: Gewerkschaften müssen Probleme der Zukunft anpacken

Deutschlands Gewerkschaften werden trotz der guten Joblage noch gebraucht. Ihre wichtigsten Baustellen: Digitalisierung und Demokratisierung.
Update: 01.05.2019 - 15:59 Uhr Kommentieren
Seit mehr als hundert Jahren gehen Arbeitnehmer und Arbeitnehmervertreter am 1. Mai auf die Straße um sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen. Quelle: dpa
Mai-Demonstration in Berlin

Seit mehr als hundert Jahren gehen Arbeitnehmer und Arbeitnehmervertreter am 1. Mai auf die Straße um sich für bessere Arbeitsbedingungen einzusetzen.

(Foto: dpa)

Wir müssen uns den Arbeitsminister als glücklichen Menschen vorstellen. Monat für Monat darf Hubertus Heil neue Rekordzahlen vom Arbeitsmarkt kommentieren. Der April macht da keine Ausnahme, auch wenn die Frühjahrsbelebung schon etwas schwächer ausfällt als in früheren Jahren. Auf der verzweifelten Suche nach Fachkräften stellen Firmen auf Vorrat ein. In einigen Regionen Deutschlands herrscht fast Vollbeschäftigung.

Haben sich angesichts dieser fast paradiesischen Zustände die Gewerkschaften nicht überlebt? Wirkt es da nicht aus der Zeit gefallen, wenn die Arbeitnehmervertreter wie jedes Jahr zum 1. Mai mit Trillerpfeifen und roten Fahnen durch die Innenstädte marschieren? Nein, denn sie werden auch künftig gebraucht.

Beispiel Digitalisierung: Arbeitgeber und Gewerkschaften wissen gemeinsam am besten, welcher Anpassungsbedarf in den Betrieben durch den technologischen Fortschritt entsteht. Qualifizierungstarifverträge oder Betriebsvereinbarungen zum mobilen Arbeiten können helfen, Jobs zu erhalten oder Arbeit angenehmer zu machen.

Und dort, wo die Digitalisierung Arbeitsplätze kostet, lassen sich Härten durch Sozialpläne abmildern. Im Zeitalter der vierten industriellen Revolution übernehmen die Gewerkschaften zusammen mit ihrem Sozialpartner also eine wichtige Funktion, die den Staat entlastet. Ihre Lösungen zur Bewältigung des Wandels sind in der Regel passgenauer als One-size-fits-all-Gesetze der Regierung.

Beispiel Spaltung des Arbeitsmarkts: Eng verknüpft mit der Digitalisierung ist eine Polarisierung der Beschäftigten, die sich schon heute beobachten lässt. Roboter und Algorithmen werden mehr und mehr Routineaufgaben übernehmen, Jobs für Beschäftigte mit mittlerer Qualifikation fallen weg.

Während Hochqualifizierte immer höhere Gehälter abrufen können, entstehen auf der anderen Seite neue Niedriglohnjobs der Plattformwirtschaft: für Paketboten, die die Amazon-Lieferung bringen, für Essenskuriere mit ihren gigantischen Warmhalterucksäcken, für Regaleinräumer in den kassiererlosen Supermärkten, für Autobesitzer, die Taxifahrern Konkurrenz machen. Dieses neue digitale Proletariat zu organisieren und stark zu machen wäre eine lohnende Aufgabe für die Gewerkschaften, wenn nicht Altersarmut irgendwann wirklich zu einem echten Problem werden soll.

Beispiel Europa: Neben den Parteien aus der Vor-AfD-Ära sind es vor allem Gewerkschaften und Arbeitgeber, die aufkeimendem Isolationismus, Nationalismus und Populismus entschieden entgegentreten. Sie sind es, die immer wieder in Erinnerung rufen, dass allenfalls ein geeintes Europa gegenüber Wirtschaftsmächten wie den USA und China bestehen kann, nicht aber ein auf sich allein gestelltes Deutschland.

Dabei ist das Eintreten für Arbeitnehmerfreizügigkeit, für fairen Welthandel, für die Integration von Flüchtlingen nicht ohne Gefahr für die Arbeitnehmervertreter. Denn in den eigenen Reihen gibt es genug Beschäftigte, die in offenen Grenzen eher eine Bedrohung für den eigenen Arbeitsplatz denn eine schützenswerte europäische Errungenschaft sehen. So erklärt sich, dass populistisches Gedankengut bei vielen Gewerkschaftern auf fruchtbareren Boden fällt als bei den Bürgern insgesamt.

Gestaltungsaufgaben gibt es also genug für die Gewerkschaften. Das Problem ist nur: Sie sind längst nicht mehr stark genug, um sie auch entschlossen wahrzunehmen. Obwohl der dramatische Mitgliederschwund gebremst wurde, ist nicht einmal mehr jeder fünfte Arbeitnehmer organisiert.

Staat kann die Tarifautonomie nicht retten

Dort, wo die Gewerkschaften noch stark sind – wie etwa in der Metall- und Elektroindustrie –, überfordern sie mit ihrem Gestaltungsanspruch inzwischen viele Arbeitgeber. Wenn Tarifabschlüsse so kompliziert sind, dass sie in Broschüren erläutert werden müssen, darf es nicht verwundern, wenn Unternehmen sich aus der Tarifbindung verabschieden.

Gerade dort, wo die Gewerkschaften am meisten gebraucht würden, sind sie aber besonders schwach: in der Pflege, in der Gastronomie, im Handel, aber auch bei Banken und Versicherungen, die der digitale Wandel viel stärker treffen wird als die Industrie. In ihrer Not rufen die Arbeitnehmervertreter immer lauter nach dem Staat, und die SPD-Vertreter in Regierung und Parlament sind nur zu gern bereit, in die Lücke zu springen. Ob die erleichterte Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen oder ein Steuerbonus für Gewerkschafter – nichts scheint tabu, um Gewerkschaften unter die Arme zu greifen.

Wer aber glaubt, die Tarifautonomie stärken zu können, indem er sie vom Staat aushöhlen lässt, ist auf dem Holzweg. Warum sollten Beschäftigte sich organisieren, wenn die Politik alles, was Arbeitnehmerorganisationen erkämpft haben, ohnehin allen zugutekommen lässt? Nur mit einer Rückbesinnung auf die eigene Stärke und überzeugenden Angeboten für die Beschäftigten werden die Gewerkschaften auch morgen noch Gestaltungsmacht haben.

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