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Kommentar Wie ein Betriebssystem braucht auch die Belegschaft in digitalen Zeiten ständig Updates

Der digitale Fortschritt führt das traditionelle Ausbildungsverständnis ad absurdum. Deshalb müssen neue Ideen her.
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Keine Ausbildung und kein Studium kann heute auf das Berufsleben vorbereiten, findet unsere Reporterin. Quelle: dpa
Auszubildender

Keine Ausbildung und kein Studium kann heute auf das Berufsleben vorbereiten, findet unsere Reporterin.

(Foto: dpa)

Wer IT-Experten braucht, muss welche ausbilden – am besten innerhalb der bestehenden Belegschaft. Mit seinem neuen Weiterbildungsprogramm hat der Autohersteller Volkswagen den richtigen Schluss gezogen.

Denn einerseits brauchen Tausende Mechaniker und Elektronik-Fachkräfte auch morgen noch eine Aufgabe, wenn ihre bisherigen Tätigkeiten von Robotern und selbstlernenden Maschinen übernommen werden.

Und andererseits ist der Markt für Fachkräfte in der Informationstechnik leer gefegt. Ein Blick auf die demografische Entwicklung zeigt zudem: Das wird auf absehbare Zeit auch so bleiben.

Der weltgrößte Automobilhersteller macht aus zwei Problemen eine Chance. Daran sollten und können sich andere Firmen ein Beispiel nehmen.

Denn es ist eine immer irrsinnigere Personalpolitik, ältere und abgehängte Mitarbeiter mit hohen Abfindungssummen aus dem Unternehmen zu schieben, um dann mit noch einmal so viel Geld stark umworbene jüngere Mitarbeiter einzustellen, die technisch auf dem Stand sind. Schließlich werden die Zyklen für solche Prozesse immer kürzer.

Die Geräte, auf denen Bachelorstudenten heute programmieren lernen, sind spätestens bei ihrem Jobantritt in den Entwicklungsabteilungen großer Konzerne längst im Elektroschrott gelandet. Bis ein neues Curriculum im Unterricht umgesetzt werden kann, hat die Wirklichkeit es überholt.

Und was Mitarbeiter in fünf, sechs Jahren konkret können müssen, lässt sich in vielen Fällen gerade noch spekulieren. Welche Fertigkeiten und konkreten Tätigkeiten ihnen über ein Berufsleben von 40 Jahren abverlangen wird, das kann allenfalls die Glaskugel voraussagen. Auf die allerdings sollte man sich besser nicht verlassen.

Der rasante technische Fortschritt führt das bisherige Bildungsverständnis deshalb ad absurdum: Keine Ausbildung und kein Studium kann heute mehr auf das ganze Berufsleben vorbereiten.

Das verändert die Anforderungen an die Unternehmen radikal. Umschulungen können nur das letzte Mittel sein. Eigentlich sind Volkswagen und viele andere Unternehmen viel zu spät dran. Nicht jeder Industriefacharbeiter lässt sich zu einem Softwareversteher machen. Da nützen selbst die tollsten Smartphone-Programme nichts, mit denen das Lernen leichter gemacht werden soll.

Es muss radikaler gedacht werden

Wenn die Fähigkeiten der Mitarbeiter nicht mehr zu den Aufgaben in den Unternehmen passen, muss heute viel radikaler gedacht werden. Lebenslanges Lernen ist eine Antwort der Stunde. Viel zu oft wird dabei aber nur an die Leistung der Beschäftigten gedacht. Tatsächlich haben Arbeitnehmer und Arbeitgeber hier eine gemeinsame Verantwortung.

Die Arbeitnehmer müssen bereit sein, jeden Tag weiterzulernen. Die Arbeitgeber müssen das aber auch zum Prinzip machen. Die Beschäftigungsgarantie – von Betriebsräten und Gewerkschaftern lange als Errungenschaft angesehen – ist nämlich eine Art Arbeitsvertrag mit Verfallsdatum geworden.

Wer 40 Stunden die Woche mit einer aussterbenden Tätigkeit verbringt, der kümmert sich nicht um Weiterbildung und kann das auch gar nicht. Abendschule und Wochenendseminare sind da keine Lösung.

Unternehmen und Mitarbeiter sollten stattdessen ihre Verträge als Bildungsvereinbarungen verstehen: Arbeitnehmer stellen den Firmen ihre Arbeitskraft, heute würde man eher sagen ihre Fähigkeit, zur Verfügung. Dafür kümmert sich der Arbeitgeber darum, dass sie erhalten bleibt.

Wie ein Computer-Betriebssystem braucht auch die Belegschaft in digitalen Zeiten ständig Updates: Kleine Programme, die sie immer wieder auf den neuesten Stand der Entwicklung bringen.

Die gute Nachricht ist, dass nicht aus jedem Beschäftigten ein Programmierer werden muss. Oft reicht es schon aus, Maschinen bedienen und kontrollieren zu können oder nur in einem kleinen Bereich zu lernen, mit welchen Zeichenkombinationen sich Geräte wieder justieren lassen.

Tatsächlich haben sich viele IT-Beschäftigte ihre Fertigkeiten selbst beigebracht oder in wenigen Wochen Intensivkurs gelernt. Codes sind kein Hexenwerk, vor dem Menschen ohne IT-Erfahrung prinzipiell Angst haben müssen.

Die Unternehmen wissen selbst am besten, was ihre Mitarbeiter können müssen. Auch deshalb ist die Bildungsverantwortung bei ihnen gut aufgehoben. Ob sie Fortbildung im Wochenrhythmus, in Blockseminaren oder in betriebsinternen Praktika umsetzen, bleibt ihnen überlassen.

Selbstlernende Maschinen und Künstliche Intelligenz können beunruhigend sein, wenn sie den eigenen Job betreffen. Doch weil sich vor dem digitalen Wandel niemand verstecken oder drücken kann, sollten Arbeitgeber wie Arbeitnehmer offen damit umgehen.

Da darf der demografische Wandel auch mal als glückliche Fügung angesehen werden. Wenn nur wenige Berufseinsteiger nachwachsen, werden die Mitarbeiter noch lange gebraucht – ob am Band oder am Bildschirm.

Mehr: Die Digitalisierung kostet die Berufsschulen viermal so viel Geld, wie der Digitalpakt hergibt, sagt die GEW. Und das ist nicht ihr einziges Problem.

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