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Kommentar Wir brauchen mehr Effizienz statt Kriegsrhetorik in der Coronakrise

Statt vollmundiger Worte braucht Europa jetzt volle Effizienz: Produktion und Logistik müssen endlich konsequent in den Dienst des Gesundheitswesens gestellt werden.
19.03.2020 - 16:21 Uhr Kommentieren
In einer  „Kriegsgesellschaft“ würden Produkte wie Masken nicht frei zirkulieren. Quelle: dpa
Masken in Wartebereich

In einer „Kriegsgesellschaft“ würden Produkte wie Masken nicht frei zirkulieren.

(Foto: dpa)

Die Rhetorik könnte kaum pathetischer sein: „Wir sind im Krieg“, bläuen Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron und sein Innenminister den Bürgern seit Montag ein. Auch Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez spricht von einem „Krieg“, den er führt.

Die Metapher ist deplatziert. All jene, die sie im Mund führen, können sich nur wünschen, dass man sie nicht beim Wort nimmt. Denn sie sind mediokre Kriegsherren.

Frankreich und Spanien haben sich zwar nicht wie Großbritanniens Boris Johnson als Hasardeure aufgeführt. Doch sie sind sehenden Auges in die Corona-Epidemie gestolpert. Sánchez wollte lange nichts von der Krise wissen.

Macron wurde Ende Januar von seiner Gesundheitsministerin gewarnt, die Kommunalwahl müsse abgesagt werden. Doch der Präsident fürchtete politischen Schaden.

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    Seine Gesundheitsministerin gab ihre Rolle als Kassandra auf, zog vergangenen Sonntag sogar als treue Parteisoldatin in die Schlacht. Auch Markus Söder in Bayern fällt erst jetzt auf, dass die Bürger besser zu Hause blieben.

    Stünden wir wirklich im Krieg, dann hätten wir längst umgeschaltet auf eine Kriegswirtschaft. Das bedeutet: Produktion und Verteilung, alles wird einem Ziel untergeordnet, der bestmöglichen Versorgung der Front.

    In unserem Fall: des Gesundheitswesens. Das erleben wir nicht, weder in Italien noch in Spanien, Frankreich oder Deutschland.

    Im Zuge der Coronakrise grätschen die Staaten zwar immer stärker in die Marktwirtschaft rein. Der freie Personenverkehr wird suspendiert, Unternehmen können nicht mehr frei agieren, Preissignale funktionieren teilweise nur noch eingeschränkt.

    Doch der Staat geht nicht voll in die Verantwortung. Er erwartet, dass die von ihm lädierte Marktwirtschaft irgendwie weiter funktionieren soll.

    Präzisere Organisation notwendig

    Klare Verantwortungen wären besser. Für das Gesundheitswesen in ganz Europa brauchen wir deutlich mehr Effizienz. Wer will, kann das auch „Kriegswirtschaft“ nennen, wie der EU-Kommissar für den Binnenmarkt, Thierry Breton. In der Realität sind wir allerdings weit davon entfernt, Beatmungsgeräte herzustellen wie im Krieg Granaten.

    In einer „Kriegswirtschaft“ würde der Staat für das Gesundheitssystem lebensnotwendige Produkte wie Masken, Apparate und Coronatests nicht frei zirkulieren lassen oder – wie in Frankreich – einfach als beschlagnahmt deklarieren.

    Als Erstes würde die Verteilung präzise organisiert. So, dass nichts in irgendwelchen Lagern hängen bleibt oder gar massenhaft gestohlen wird.

    Dafür braucht man Experten, die Beamten unserer Wirtschaftsministerien sind alles andere als Fachleute für Organisation und Logistik. Statt alle ins Homeoffice zu beordern, sollte der Staat ein paar der besten Logistiker „an die Front“ schicken.

    Dann würde die Produktion hochgefahren. Privatunternehmen machen bei Desinfektionsmitteln vor, wie es geht: Stillstehende Produktionslinien widmen sie um für die Herstellung von Alkohol-Gel.

    Der Staat hätte Ähnliches schon seit Wochen für die Herstellung von Schutzmasken veranlassen können. Kapazitäten der Textilindustrien liegen genug still.

    Selbstorganisation funktioniert in unseren Demokratien erstaunlich gut, in Ausnahmefällen wie einer schweren Epidemie stößt sie aber an Grenzen. Ein Beispiel: Krankenhäuser können nicht alleine organisieren, wer wie viele Fälle wofür aufnimmt.

    Was Mediziner bereits im Januar befürchtet haben, tritt ein: Jenseits von Corona können wichtige Operationen nicht mehr stattfinden.

    Schon vor vielen Jahren hat der Bund in Zusammenarbeit mit Forschern Notfallpläne für die Versorgung in Krisensituationen erstellen lassen. Man fragt sich, in welchen Schubladen die verschimmelt sind.

    Verbündete in Europa

    In einer Kriegswirtschaft schadet man nicht seinen eigenen Verbündeten und sich selber. Wir sind gerade dabei, durch sinnlose Schließungen und Kontrollen der Grenzen nicht nur die Industrie, sondern auch lebenswichtige Transporte von Medizinprodukten und Lebensmitteln zu behindern. Epidemiologisch ist das sinnfrei, denn die Binnengrenzen sind jetzt irrelevant für die Ausbreitung des Virus.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    Wollte man etwas abgrenzen, wären das die Infektionsherde: in Deutschland etwa der Kreis Heinsberg, in Frankreich Mulhouse und die stark verseuchte Nationalversammlung. Das geschieht nicht. Stattdessen zerstören wir durch kilometerlange Staus an den Grenzen unsere eigene Logistik.

    In Europa sind wir Verbündete. Jedem ist das Hemd näher als der Rock, aber eine Antwort auf den Gesundheitsnotstand ist europäische Zusammenarbeit. Zwischen dem Saarland und Lothringen beispielsweise ist in den vergangenen Jahren auch eine medizinische Kooperation entstanden – es ist kontraproduktiv, jetzt wieder die Binnengrenzen hochzuziehen.

    Richtig ist es dagegen, Angreifer wie Donald Trump abzuwehren, der unsere medizinisch-pharmakologischen Kapazitäten schwächen will.

    Wer vom Krieg spricht, muss daran denken: Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit. Wir brauchen volle Effizienz, keine vollmundige Rhetorik.

    Mehr: Die Corona-Pandemie belastet angeschlagene Länder wie Italien – und könnte zu einer neuen Euro-Krise führen. Die EU braucht eine gemeinsame Strategie.

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