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Kommentar Wirecard muss jetzt liefern

Der Dax-Neuling ist angreifbar, weil die inneren Strukturen das Wachstum nicht mitgemacht haben. Jetzt muss der Konzern sich erneut beweisen.
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Wirecard-Vorstände kaufen Aktien Quelle: NurPhoto/Getty Images
Wirecard

Nach den Kursturbulenzen der letzten Wochen kaufen Vorstände Aktien des eigenen Unternehmens.

(Foto: NurPhoto/Getty Images)

Um gut sechs Prozent ging es mit dem Kurs von Wirecard am Dienstag nach oben, die Aktie notiert damit höher als am Jahresanfang. Und womöglich wird man sich in einigen Wochen fragen, ob da überhaupt irgendetwas war.

Ob der Verlust von zwischenzeitlich mehr als sieben Milliarden Euro an Börsenwert, ausgelöst durch zwei Berichte über angebliche finanzielle Unstimmigkeiten in Asien, nur ein Kapitel in der ohnehin turbulenten Firmengeschichte war. Und ob Angriffe auf das Unternehmen, wie es sie seit einem Jahrzehnt gibt, nicht immer wieder vorkommen können.

Noch einige Wochen wird es dauern, dann sollen die Vorwürfe angeblicher finanzieller Unregelmäßigkeiten in Singapur von der renommierten Kanzlei Rajah & Tann endgültig aufgeklärt sein.

Dann werden die Anleger Klarheit haben, ob tatsächlich nur wenige Millionen Euro innerhalb von vier Jahren falsch verbucht wurden und das alles durch die Animositäten zweier Mitarbeiter an die Öffentlichkeit kam.

Genauso gut ist es denkbar, dass in den kommenden Tagen noch weitere Meldungen kommen, die Wirecard erneut unter Druck setzen. Weitere Turbulenzen bei der Aktie dürfen erwartet werden.

Das Interesse an Aufklärung im jüngsten Fall ist die eine Sache. Doch die Kurskapriolen offenbaren auch grundsätzlichere Probleme mit dem Dax-Neuling: Wirecard ist schwer zu durchschauen, weil es ein extrem komplexes und damit auch intransparentes Geschäftsmodell hat.

Vereinfacht ausgedrückt geht es dabei um massenhaft durchlaufende Buchungen in bis zu 180 Währungen dieser Welt. Für diesen Service nimmt Wirecard eine Gebühr. Weil der Wandel zum bargeldlosen Bezahlen ein globales Phänomen ist, verzeichnet Wirecard Wachstumsraten, wie sie andere Dax-Konzerne nicht kennen.

Warnung und Vorbild für andere Fintechs

Umgekehrt fällt nicht erst seit dem jüngsten Angriff auf, dass bei Wirecard die Strukturen nach dem Aufstieg in den Deutschen Aktienindex nicht mitgewachsen sind. Der Vorstand wurde erst im vergangenen Jahr von drei auf vier Personen aufgestockt.

Kommunikation, Investor Relations und Compliance-Abteilung sind im Vergleich zu etablierten Dax-Konzernen geradezu spartanisch besetzt. Dabei gilt doch als Faustregel, dass mit dem Aufstieg in den Dax das Interesse von Investoren und der Öffentlichkeit um den Faktor zehn steigt.

In diese Falle tappen viele Unternehmen auf dem Weg vom Start-up zum etablierten Konzern. Im Gegensatz zum anderen Dax-Neuling Covestro kann sich Wirecard auch nicht auf die Erfahrungen einer Mutter wie Bayer stützen. Hier muss alles selbst entstehen. Das dauert, auch wenn bei Wirecard im Moment eine dreistellige Zahl an offenen Stellen ausgeschrieben ist, neue Gebäude angemietet werden und fast täglich Geschäftsabschlüsse gemeldet werden.

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Bei Wirecard ist zudem – ebenfalls eine Parallele zu vielen erfolgreichen Start-ups – vieles noch immer vom Gründer, Großaktionär und Vorstandschef Markus Braun abhängig. Der Wirtschaftsmathematiker, der noch vor geraumer Zeit den Kontakt zur Öffentlichkeit tunlichst vermieden hat, zeigt sich zwar mittlerweile öfter in den Medien oder auf Podien.

Viel lieber beschäftigt er sich aber mit der Weiterentwicklung der eigenen Plattformtechnologie. Experten zufolge ist sie das große Asset des Hauses. Sie gilt als weitaus innovativer als die Plattformen der Wettbewerber und als schwer kopierbar. Vom Vordenker Braun wird deshalb in Zukunft abhängen, wie es bei Wirecard weitergeht.

Mit den jüngsten Entwicklungen ist das Unternehmen somit ein Beispiel für die vielen Start-ups, die es in diesem Land inzwischen auch in der Finanzbranche gibt. Längst haben etliche von ihnen den Status des reinen Tüftelns hinter sich, verzeichnen mit realem Geschäft rasantes Wachstum und verdienen dabei sogar Geld.

Jetzt geht es um Vertrauen

Inzwischen erwarten Investoren, dass in einigen Jahren noch andere Fintechs oder Insurtechs im Dax gelistet sein könnten. Sie werden ebenfalls ein Geschäftsmodell zeigen, das sich dem unbedarften Betrachter nicht auf den ersten Blick erschließt. Sie werden eine starke Aufbruchstimmung ausstrahlen und womöglich ebenfalls nur auf einen oder ganz wenige Vordenker konzentriert sein. Für sie ist das Beispiel Wirecard Vorbild und Warnung zugleich.

Die überwiegende Zahl der Investoren hält auch nach den jüngsten Anschuldigungen zu Wirecard. Weil sie an die großen Chancen des Geschäftsmodells glauben und an ein außergewöhnliches Wachstum. Für Wirecard geht es jetzt darum, dieses Vertrauen zu bestätigen. Das geschieht nicht nur mit stetig angehobenen Prognosen, sondern ebenso mit einem Gesamtgebilde, das den neuen Anforderungen gerecht wird.

Der Dax-Aufstieg im September war nicht nur für das gerade mal zwei Jahrzehnte alte Unternehmen ein Ritterschlag, sondern genauso für den Technologiestandort Deutschland. Jetzt geht es für das Unternehmen darum, dass es dieser Herausforderung auch gerecht wird.

 

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