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Kommentar Wohnkonzerne müssen jetzt mehr Verantwortung übernehmen

Will die Wohnungswirtschaft ihr Schicksal in den eigenen Händen behalten, muss sie sozial sensibler werden und Druck aus den Wohnungsmärkten lassen.
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Noch schätzen Investoren die Regulierung im Immobiliensektor, meint Matthias Streit. Quelle: dpa
Schriftzug auf einem Münchner Mietshaus

Noch schätzen Investoren die Regulierung im Immobiliensektor, meint Matthias Streit.

(Foto: dpa)

Es wird ernst für die Immobilienbranche. Der Mietendeckel in Berlin ist längst keine Eigenart der rot-rot-grün regierten Hauptstadt mehr. Die Sozialdemokraten können sich einen Mietendeckel auf Bundesebene vorstellen, und auch der baupolitische Sprecher der Unionsfraktion fordert von der Branche einen Ethikkodex.

Die Gefahr, dass die Politik die Immobilienbranche enger an die Kandare nimmt, steigt. Wenn Vonovia, Deutsche Wohnen und Co. das vermeiden wollen, müssen sie handeln, und zwar dringend. Ein Ethikkodex allein wird nicht genug sein. Es braucht klar formulierte Ziele. Die Branche hat viel zu verlieren: ein gut laufendes Geschäftsmodell, Handlungsfähigkeit und ja, auch Wohnungsbestände – selbst wenn zu hoffen ist, dass die Mehrheit der Deutschen noch genügend Vernunft besitzt, um Enteignungen zu verhindern.

Wenn die Wohnungskonzerne wissen wollen, wie schnell privaten Unternehmen die Initiative aus der Hand genommen werden kann, brauchen sie sich nur die Energiebranche anzuschauen: Nach Fukushima mussten RWE, Eon und Co. erst ihre Kernkraftwerke abschalten, jetzt kommen im Zuge der Energiewende die Kohlekraftwerke dran. Kein Wunder, dass die Energiekonzerne alle Mühe haben, attraktive Geschäftsmodelle zu finden.

Das Beispiel zeigt, welche Macht die Politik über die Geschäfte privater Konzerne hat. Noch schätzen Investoren die Regulierung im Immobiliensektor. Die Regeln schränken die Konzerne zwar bei der Gewinnmaximierung ein, aber sie lassen Luft für stetiges Wachstum. Würden sich allerdings Mietendeckel und andere strenge Vorschriften verbreiten, könnte es mit der Gunst der Investoren bald vorbei sein.

Die Politik schnürt Konzerne ein

Deshalb müssen die Konzerne mehr Verantwortung zeigen. Schon Hermann Josef Abs, Ex-Chef der Deutschen Bank, wusste: „Gewinn ist so notwendig wie die Luft zum Atmen, aber es wäre genauso schlimm, wenn wir nur wirtschaften würden, um Gewinne zu machen, wie es schlimm wäre, wenn wir nur leben würden, um zu atmen.“

Die Politik droht den privaten Wohnkonzernen die Luft zum Atmen zu nehmen, weil Vonovia, Deutsche Wohnen und Co. in den Jahren des Immobilienbooms hohe Gewinne erwirtschafteten, in den Augen vieler Mieter und Zehntausender Demonstranten von Berlin bis München aber nicht genug taten, um auch den Mietern etwas zu bieten.

Tatsächlich belegen Studien, dass private Wohnkonzerne die Mieten stärker erhöhen als private Kleinvermieter oder Genossenschaften, tatsächlich sind die Mieteinnahmen in den vergangenen Jahren gestiegen, und tatsächlich investieren die Konzerne weit mehr in Modernisierung als in Instandhaltung, wohl auch, weil sich Ersteres auf die Mieter umlegen lässt, Letzteres nicht.

Die Konzerne verteidigen sich damit, dass den fünf größten börsennotierten Unternehmen gerade einmal 820.000 Wohnungen gehören – vier Prozent des geschätzt 20 Millionen Wohnungen großen Mietwohnungsmarktes. Das Argument, die großen privaten Spieler können allein gar nicht für die Misere am Wohnungsmarkt verantwortlich sein und ihn schon gar nicht daraus retten, hat eine gewisse Berechtigung.

Wahr ist aber auch, dass den Konzernen eine besondere gesellschaftliche Bedeutung zukommt. Die Bestände der privaten Unternehmen sind auch deshalb vollvermietet, weil sie Arbeitern und Mittelschicht noch erschwinglichen Wohnraum bieten. Die Durchschnittsmieten liegen zwischen fünf und sieben Euro. Jeder Mietanstieg bringt diese Einkommensgruppen näher an die Belastungsgrenze.

Halbes Einkommen für Wohnraum

Vergessen sollte man auch nicht, dass die Konzerne aus den Aufkäufen kommunaler Wohnungsunternehmen mit Zehntausenden Sozialwohnungen entstanden sind. Wohnen ist eben kein wirtschaftliches Gut wie jedes andere: Wer sich einen Porsche kaufen möchte, sich aber nur einen Dacia leisten kann, kann sich gegen die hohe Belastung entscheiden.

Wer in der Stadt seines Arbeitgebers aber bezahlbaren Wohnraum braucht, wird im Zweifel bereit sein müssen, deutlich mehr als die Hälfte seines Einkommens zu zahlen. Das aber wird die Politik kaum zulassen. Wenn die Konzerne noch strengere Vorgaben der Politik vermeiden wollen, müssen sie selbst aktiv werden.

Der Vorstoß von Deutsche Wohnen, künftig jede vierte Wohnung an Menschen zu vergeben, die Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein und damit auf eine geförderte Wohnung haben, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Versprechen, künftig einen freiwilligen Mietendeckel bei 30 Prozent des Nettohaushaltseinkommens einzuziehen, ebenso.

Vonovia, die sich bereits im Mai in einem neuen Geschäftsverständnis eher vage zu bezahlbarem Wohnraum und einer Wohngarantie für Mieter ab 70 Jahren bekannte, kann hier noch nachlegen. Die Bauvorhaben der Unternehmen, die bislang eigentlich nur Bestände verwalteten, sind ebenfalls positiv zu bewerten und zumindest ein kleines Ventil, um Druck aus den Wohnungsmärkten der Großstädte zu lassen.

Mehr: Deutschland redet über den Mietendeckel. Was eine Obergrenze für Wohnungssuchende und Vermieter bedeutet – die wichtigsten Fragen und Antworten.

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