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Kommentar Zeit des Verschenkens von Journalismus ist vorbei

Jenseits des neuen Leistungsschutzgesetzes stellt sich die Frage: Welche Verantwortung für den Erfolg im Netz liegt bei den Verlagen selbst? Wo sollte die Politik eingreifen? Ein Gastbeitrag
  • Christoph Keese
24 Kommentare
Christoph Keese ist Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG. Quelle: picture-alliance

Christoph Keese ist Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG.

(Foto: picture-alliance)

Die Debatte über das Urheberrecht ist in den vergangenen Wochen lebhaft geführt worden. Erst ging es um das amerikanische Gesetz SOPA, dann um das internationale Abkommen ACTA, nun steht das deutsche Leistungsschutzrecht für Presseverlage wieder einmal im Vordergrund. Der Koalitionsausschuss von CDU, CSU und FDP hat am Sonntagabend Eckpunkte des Leistungsschutzrechts beschlossen. Doch jenseits dieser Gesetze stellt sich die Frage: Was müssen Verlage eigentlich selbst tun, um sich im Internet zu bewähren? Welche Verantwortung für den Erfolg im Netz liegt  bei ihnen selbst, und bei welchen Themen sollte die Politik helfen?

Das Internet birgt enorme Wachstumschancen für die Kreativwirtschaft. Durchlässige Vertriebswege, niedrige Grenzkosten und kostenloses Marketing über soziale Netzwerke steigern die Reichweite und sparen Geld. Zugleich aber drückt abnehmender Respekt vor geistigem Eigentum den Umsatz. Ein Song, ein Film, ein Artikel verkaufen sich schlechter, wenn Gratiskopien im Umlauf sind. Um die Wachstumschancen zu nutzen, müssen Kreativwirtschaft und Politik Hand in Hand arbeiten. Der Erfolg kommt nicht von allein. Beide Seiten müssen jeweils drei zentrale Aufgaben bewältigen.

Bei der Wirtschaft sind dies:

Entwicklung passender Produkte:

Im Internet-Zeitalter hat die Kreativwirtschaft viel Fantasie bei der Modernisierung von Darstellungsformen bewiesen. Nachrichtenwebseiten bereiten Themen ganz anders auf als Zeitungen, Web-TV- und professionelle YouTube-Kanäle bieten andere Formate als lineares Fernsehen, Musik im Netz ist anders als auf der alten LP oder CD. Damit ist die Kreativwirtschaft auf dem richtigen Weg. Beim Übergang von alten zu neuen Medien waren es in der Geschichte stets innovative Produkte, die sich durchgesetzt haben. Tonfilm war mehr als abgefilmtes Theater, Fernsehen mehr als hintereinander geschaltete Filme. Jetzt erfindet sich die Kreativwirtschaft im Netz ein weiteres Mal neu.

Entwicklung passender Angebotsformen:

Größerer Nachholbedarf herrscht bei den Angebotsformen. Im Vordergrund steht heute noch der Verkauf nach traditionellem Muster – jeder Anbieter versucht sein Glück allein. Übergreifende Flatrates bleiben die Ausnahme. Modelle wie „Alle Musik der Welt für 9,99 Euro pro Monat im Streaming“ haben sich in Deutschland noch nicht durchgesetzt, außerhalb von Musik und Film sind sie auch anderswo in der Welt nicht etabliert. Dafür gäbe es aber ein starkes Interesse des Publikums; Flatrates erfreuen sich überall großer Beliebtheit, vor allem in der Telekommunikation. Warum nicht auch eine Flatrate für alle Nachrichtenseiten im Netz? Oder für alle Apps von Unterhaltungsmagazinen? Die Kreativwirtschaft sollte solche Angebote bald entwickeln. Journalistische Angebote sollten stärker mit beweglichen Paywalls („metered models“) experimentieren und so die vorhandene Zahlbereitschaft ihres Publikums zu nutzen. Auch Apps sollten für Geld angeboten werden – der gewaltige Erfolg des AppStore zeigt die Chancen.  Die Zeiten des undifferenzierten Verschenkens von Journalismus sind vorbei.

 

Entwicklung passender Marktplätze und Abwicklungsformen:

Hier bestehen die größten Defizite. Im Internet akzeptiert der Kunde zur Abwicklung seiner Wünsche kaum mehr als einen Klick, manchmal noch weniger als das. Er möchte alles jederzeit übersichtlich auf dem Marktplatz seiner Wahl finden und mit einem einzigen Klick bezahlen können. Bislang kommen nur wenige Marktplätze wie Amazon und iTunes diesem Ziel nahe. Geprägt wird der Markt von zahlreichen Insellösungen, die oft kompliziert sind und daran kranken, dass es nirgendwo alles zu kaufen gibt. Zahllose Branchen werden gut koordiniert zusammen arbeiten müssen, um die Marktplätze und Abwicklungsformen der Zukunft zu entwickeln Dabei gilt es, Ubiquität und Exklusivität geschickt auszubalancieren: Wer beliefert wen mit was? – diese Frage wird erst in jüngerer Zeit systematisch gestellt. Vereinfacht werden muss auch die Einwilligung der Urheber zur Nutzung ihrer Werke. Die gängigen Verfahren sind zu kompliziert und dem Internet nicht angepasst. Entstehen müssen einfach zu bedienende Markplätze, auf denen Urheber Bedingungen per Mausklick setzen können. Ihre Werke sollten mit einem standardisierten, maschinenlesbaren Code ausgestattet sein, der Urheberinformationen und Lizenzbedingungen enthält und von allen Marktteilnehmern akzeptiert wird – auch von Suchmaschinen.

Es liegt in der Verantwortung der Kreativwirtschaft, diese drei Herausforderungen zu bewältigen. Sie muss den Wandel aus eigener Kraft schaffen.

Was sollte die Politik tun?

Was sollte die Politik tun? Sie ist bei drei Themen gefragt:

 

Errichtung und Verteidigung eines modernen Rechtsrahmens für geistiges Eigentum:

Die Öffentlichkeit kann nur dann netzaffine Produkte, Angebotsformen und Marktplätze erwarten, wenn sie geistiges Eigentum anerkennt. Sie muss sich in die Tradition des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts stellen: Damals verabschiedete man sich von der Vorstellung, dass geistige Schöpfung Ergebnis göttlicher Eingabe und Allgemeingut sei, und definierte sie zur Arbeit um, deren Früchte dem Erzeuger zuzuordnen sind. Diesen heute unverändert gültigen Gedanken muss die Politik in praktikables und verständliches Recht umsetzen. Falls Novellen nötig sind, um Gesetzespassagen aus vordigitaler Zeit der Gegenwart anzupassen, muss das geschehen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Vollstreckung. Die Politik muss Wege aufzeigen, wie geistiges Eigentum im Netz wirksam geschützt werden kann. Die EU-Kommission hat dies richtigerweise zu einem zentralen Arbeitsgebiet erklärt. Dabei gilt es, die Akzeptanz aller beteiligten Gruppen zu erreichen. Helfen kann, wenn exzessives Abmahnwesen eingedämmt wird und mehr Demokratie in die Verwertungsgesellschaften einzieht.

 

Schutz des Allgemeinwohls:

Der Gesetzgeber muss Urheberrechte und Allgemeinwohl ausbalancieren. Urheberrechte können nicht absolut sein. Wissenschaft, Bildung oder schwache Minderheiten sollten vereinfachten und preiswerten Zugang bekommen beziehungsweise behalten. Privatkopien gekaufter Werke sollten erlaubt sein, ebenso wie der Handel mit Werken, die man legal erworben hat. Überall dort, wo der Gesetzgeber dem Urheber Schranken auferlegt, muss er für eine angemessene Vergütung sorgen. Je einfacher diese Vergütung organisiert ist, desto besser. Wer heute einige Seiten aus einem Buch in einem Copyshop kopiert oder einen Song aus dem Radio mitschneidet, zahlt dafür unmerklich ein paar Cent an den Urheber – erhoben durch Geräteabgaben und verteilt durch Verwertungsgesellschaften. Solche unbürokratischen Modelle können Vorbild für viele andere Anwendungen im Internet sein.

 

Herstellung fairen Wettbewerbs:

Da sich im Internet Netzwerkeffekte besonders stark entfalten, bilden sich Monopole. Es ist die Aufgabe der Politik, dem Missbrauch von Monopolmacht entgegen zu treten und den Wettbewerb lebendig zu halten.

Drei zentrale Herausforderungen der Kreativwirtschaft, drei der Politik – alle bedingen sich gegenseitig. Wachstum kann nur stattfinden, wenn beide Seiten gleichzeitig handeln.

Nach dem „Monitoringbericht des Bundeswirtschaftsministeriums zur Kultur- und Kreativwirtschaft 2009“ erzielt die Branche einen Jahresumsatz von 63 Milliarden Euro (2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts). Die Automobilindustrie liegt mit 77 Milliarden Euro nur 14 Milliarden darüber. Die Kreativwirtschaft beschäftigt über eine Million Menschen (3,3 Prozent der Gesamtwirtschaft) in 237.000 Betrieben. Die Branche hat erhebliches Wachstumspotential – aber nur, wenn man die Produkte ihrer Arbeit wirksam vor Diebstahl schützt. 

Christoph Keese ist Konzerngeschäftsführer Public Affairs der Axel Springer AG und Co–Vorsitzender des Arbeitskreises Urheberrecht der Verlegerverbände VDZ und BDZV. Sein eigener Blog heißt www.presseschauder.de

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24 Kommentare zu "Kommentar: Zeit des Verschenkens von Journalismus ist vorbei"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • leistungsschutzrecht für versager

    Guten Online-Journalismus gäbe es nicht per Gesetz, kommentiert der Publizist Philipp Banse. ...........

    http://www.youtube.com/watch?v=CJsbyWM-nDQ&feature=youtu.be

  • Na ja, dann könnte ja ein Jeder berühmt werden, ohne dass Sony oder Warner daran verdient. Das ist nicht gut. Ausserdem sind unsere Journalisten ja nahezu geniale Rechercheure, die bis zu 2 Wörter am Stück von einer dpa Meldung umformulieren können, -und das fast fehlerfrei.
    Nee, im Earnest,die Oligarchen wollen totale Kontrolle. Und viele Menschen können den Senf gleichgeschalteter Medien einfach nicht mehr ertragen.
    Paradebeispiel war doch gerade gestern wieder die Berichterstattung über die Wahl Putins. Diese Dauerpraktikanten schreiben doch alle dasselbe. Europaweit (mit einigen wenigen Ausnahmen). Ekelhaft. Das Geschmiere braucht kein Mensch. Die Zeitungen machen sich doch sekbst überflüssig, weil Ihnen entweder der Mut zur Aufklärung fehlt, oder weil die Redakteure Anweisungen zu folgen haben, oder ihre Eigentumswohnung nicht mehr abbezahlen können.

  • Habe da noch etwas gefunden. Lese das mal: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/0,1518,774970,00.html#ref=rss
    So einfach geht das Herr Keese.

  • Die wortreichen Formulierungen des Herrn Keese sind nichts anderes, als dass mir einer „Scheiße am Stiel“ als Blume verkaufen will.
    Und wieder zeigt sich die Unfähigkeit unseres Parlaments. Anstatt auf das Uhrheberrecht zu verweisen, wollen die wieder einer Lobby folgen und ein Gesetz formulieren, was dann irgendwann ein Richter kippt. Und wieder geht es nach dem Prinzip „was wir verpennen muss der Staat richten“.
    Ich glaube allerdings das Es zum Eigentor wird. Wenn die „Kreativwirtschaft“, was für ein Wort, wo doch mehr abgekupfert wird als irgendwo sonst, an Blogger zahlen müssen, weil die mit ihren Nachrichten ehr im Netz sind. Oder wenn Google einfach keinen Verlag mehr verlinkt. Und nicht zuletzt gibt es genug ausländische Aggregatoren, deren Seiten meist nur ein paar Klicks daneben liegen. Wenn überhaupt einer Nutznießer sein sollte, dann doch bitte die wirklichen Autoren der Berichte, nicht die Verlage. Überall das Gleiche kriegen alle den Hals nicht voll. Wenn aber die Angestellten höhere Löhne fordern, ist gleich Schluss.

  • Na da haben sich die finanziellen Investitionen der vier großen Verlagskonzerne in die Schwarzgeld Koalition ja mal wieder gelohnt. Wir brauchen dringend mehr Piraten in den Parlamenten, damit dieser Schwachsinn endlich aufhört.

  • "Die Zeiten des undifferenzierten Verschenkens von Journalismus sind vorbei."
    Ja, dann würde man auch Qualitätsjournalismus erwarten und nicht das unkommentierte Abschreiben von irgendwoher gezogenen Meldungen. Dann würde man Inhalte und Hintergründe fordern. Sei es in Sachen Finanzkrise, Europapolitik und die Hintergründe des Arabischen Frühlings hat der sogenannte "Qualitätsjournalismus" kläglich versagt, spiegelt er doch unwidersprochen die Meinung von Politik, Banken und Konzerne wider oder unterstützt die die globalpolitischen Interessen der USA, welche mit Demokratisierung des Arabischen Frühlings nichts am Hut hat.
    Die wirklich interessanten Meldungen findet man KOSTENLOS auf gut recherchierten Blogseiten im Internet.
    Arbeit in einen guten Journalismus will bei den Mainstreammedien keiner mehr hineinstecken. Es muss billig und schnell gehen und man will dabei Geld verdienen. Das ist mit Sicherheit der falsche Weg.

  • "Warum nicht auch eine Flatrate für alle Nachrichtenseiten im Netz?"

    Wurde anne Verlagne oft genug vorgestellt, auch Axel Springer. Aber solange die Verlage nicht bereit sind, alle an einem Strang zu ziehen (und das nicht nur beim LSR) wird das nie etwas. So geht die Branche langsam unter, LSR hin oder her.

  • "Zeit des Verschenkens von Journalismus"
    Qualitäts Journalismus, wie in der Art, vorliegender Text?

    die durch diese Regierung,
    per sozialistischer Haushaltsabgabe von den Marktgesetzen zur Qualität befreiten öffentl.rechtl. TV, Radio scheinen ja sehr zu Schmerzen,

    ich würde den Vorschlag machen wollen, versuchen Sie ersteinmal für Qualität zu Sorgen, dann lässt sich darüber sprechen, in welcher Höhe denn die Vergütung, ohne Vertriebsnetz, geringste Betriebsmittel nebenher anfallenden auf den Server gestellten Homepages denn sein sollten.
    Vieleicht so, wie die in der Filmwirtschaft sich das Vorstellt,
    im der Videothek die DVD 2,99 EUR für´s Wochenende, mit umfangreichen Zusatzinfos und im Netz, der nackte Film, von nem Spiegelserver für unter 5,0 EUR?
    bei so einem Geschäft,
    da klingelt theoretisch die Kasse!
    aber nur theoretisch!
    ich finde, das hat etwas von Märchenhaft,
    vom Tellerwäscher zum Millionär.

  • "Zeit des Verschenkens von Journalismus"
    Qualitäts Journalismus, wie in der Art, vorliegender Text?

    die durch diese Regierung,
    per sozialistischer Haushaltsabgabe von den Marktgesetzen zur Qualität befreiten öffentl.rechtl. TV, Radio scheinen ja sehr zu Schmerzen,

    ich würde den Vorschlag machen wollen, versuchen Sie ersteinmal für Qualität zu Sorgen, dann lässt sich darüber sprechen, in welcher Höhe denn die Vergütung, ohne Vertriebsnetz, geringste Betriebsmittel nebenher anfallenden auf den Server gestellten Homepages denn sein sollten.
    Vieleicht so, wie die in der Filmwirtschaft sich das Vorstellt,
    im der Videothek die DVD 2,99 EUR für´s Wochenende, mit umfangreichen Zusatzinfos und im Netz, der nackte Film, von nem Spiegelserver für unter 5,0 EUR?
    bei so einem Geschäft,
    da klingelt theoretisch die Kasse!
    aber nur theoretisch!
    ich finde, das hat irgend etwas von Größenwahn.

  • Die Zeit des Verschenkens von Journalismus ist vorbei? Als Journalist muss ich ständig meinen Online-Journalismus für kein oder extrem wenig Geld verschenken. Bei Texten, die gedruckt erscheinen, gibt' für die Online-Nutzung meistens kein Geld. Und Texte für Webseiten werden mehr als lausig bezahlt. Die Verlage wollen einen fairen Anteil? Für sich, nicht für Qualitätsjournalisten.

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