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Kommentar Zentralisieren ist nicht die Lösung: Warn- und Meldeketten im Katastrophenschutz müssen überprüft werden

Zum Schutz der Bürger müssen die Behörden vor Ort mit den relevanten Informationen versorgt werden und sie auch ernst nehmen. Das ist noch zu selten der Fall.
21.07.2021 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Es verdichten sich die Hinweise, dass Warnungen teils nicht ernst genommen wurden und dass Meldeketten nicht richtig funktionierten. Quelle: AP
Bad Neuenahr-Ahrweiler

Es verdichten sich die Hinweise, dass Warnungen teils nicht ernst genommen wurden und dass Meldeketten nicht richtig funktionierten.

(Foto: AP)

Berlin Die Älteren werden sich erinnern: Einmal im Monat, immer samstags, heulten früher die Sirenen. Ein auf- und abschwellender Ton, eine Minute lang. Schon damals wird der Probealarm bei den meisten Bürgern kaum mehr als ein Achselzucken hervorgerufen haben. Vielleicht ein Stirnrunzeln: Was bedeutet das Warnsignal doch gleich noch?

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Furcht vor dem Einmarsch der Sowjets sind dann auch die Sirenen aus vielen Stadtbildern verschwunden – und mit ihnen das Risikobewusstsein der Bürger und die Warnmöglichkeiten der Behörden.

Welche Folgen das hat, ließ sich eindrücklich beim „Nationalen Warntag“ im vergangenen Jahr beobachten: Der bundesweite Probealarm über den Rundfunk, über Sirenen, über Warn-Apps funktionierte alles andere als reibungslos. Von einem „Fehlschlag“ sprach das Bundesinnenministerium nach der Übung, die doch gerade dazu dienen sollte, die Bevölkerung wieder stärker zu sensibilisieren.

Welche Fehlleistungen im Warnsystem es jetzt bei der verheerenden Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gegeben hat, muss genau analysiert werden, wenn alle Opfer geborgen und die Trümmer beiseitegeräumt sind.

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    Es verdichten sich die Hinweise, dass Warnungen teils nicht ernst genommen wurden, dass Meldeketten nicht richtig funktionierten, dass lokale Entscheidungsträger im Vertrauen auf ihre bewährten Hochwasserkonzepte die Wucht der Naturgewalten unterschätzten.

    Schuldzuweisungen verbieten sich momentan noch

    Gegenseitige Schuldzuweisungen verbieten sich, solange nicht mal alle Toten gefunden und begraben sind. Aber um bei der nächsten Naturkatastrophe dieser Dimension Opfer zu vermeiden, führt an der Fehleranalyse kein Weg vorbei.

    Die Konsequenz muss dabei gar nicht die grundlegende Reform oder gar Zentralisierung des Katastrophenschutzes sein. Dass das zuständige Bundesamt in Bonn den Lautsprecherwagen im Berchtesgadener Land auf die Reise schickt, ergibt keinen Sinn. Die Behörden in den Kommunen und Ländern können die Situation vor Ort am besten einschätzen und entsprechend handeln.

    Aber dazu müssen auch alle relevanten Informationen in Echtzeit bei ihnen ankommen – über lokale Niederschlagsmengen, über Pegelstände, über bereits überflutete Gebiete – und nicht nur diffuse Meldungen über Starkregenereignisse. An Warnungen jedenfalls hat es offenbar nicht gemangelt. Aber offenbar erreichten sie die entscheidenden Stellen nicht, waren nicht präzise genug oder wurden nicht richtig ernst genommen.

    Je konkreter die Informationen, desto größer auch die Wahrscheinlichkeit, dass Landräte oder Bürgermeister zu Evakuierungen aufrufen. Je diffuser die Warnung, desto eher schrecken sie vielleicht davor zurück, um sich hinterher nicht falschen Alarm vorwerfen lassen zu müssen.

    Wird schließlich eine Warnung oder Evakuierungsaufforderung auf den Weg gebracht, dann muss sie auch bei der Bevölkerung ankommen. Der automatische SMS-Versand an alle Handynutzer in betroffenen Regionen sollte hierzulande rasch zur Regel werden, so wie er auch in den USA, in Japan oder den Niederlanden funktioniert. Rechtliche Hürden müssen beseitigt werden.

    Beim Warn-Tag im Jahr 2020 wurde ebenfalls auf die Sirene gesetzt. Quelle: dpa
    Sirene an einem alten Feuerwehrhus

    Beim Warn-Tag im Jahr 2020 wurde ebenfalls auf die Sirene gesetzt.

    (Foto: dpa)

    Es wäre allerdings falsch, sich allein auf das Smartphone zu verlassen. Der Zusammenbruch der Strom- und Mobilfunknetze in den Katastrophengebieten hat gezeigt, wie schnell der weitverbreitete Glaube an die Segnungen des digitalen Kommunikationszeitalters an seine Grenzen stößt.

    Bessere Vorbereitung der Bürger auf Gefahrenlagen

    Womit wir wieder bei der guten alten Sirene wären. Der auf- und abschwellende Heulton von einer Minute Länge bedeutet übrigens auch, das Radio einzuschalten – welches natürlich für den Fall eines Stromausfalls auch noch mit Batterie funktionieren sollte. Auch wird zu klären sein, warum im Rundfunk nicht gewarnt wurde.

    Und die Bürger müssen auf Gefahrenlagen wieder besser vorbereitet werden. So verständlich der Impuls ist, noch schnell im Keller nachzuschauen oder das Familienauto wegzufahren, wenn schon Sturzbäche die Straßen fluten – er kann lebensbedrohlich sein.

    Auch der Aufruf zu einer größeren Vorratshaltung, für die der damalige Innenminister Thomas de Maizière 2016 noch belächelt und kritisiert worden war, erscheint nach den Meldungen über von der Außenwelt abgeschnittene Gemeinden heute in einem anderen Licht.

    „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen“, hat Gesundheitsminister Spahn formuliert, als die Corona-Pandemie mit Wucht über die Republik rollte. Gleiches gilt vielleicht, wenn nach der Flut, die so viele Gewissheiten hinwegspülte, in einigen Monaten die Fehlerbilanz gezogen wird. Umso mehr kommt es darauf an, Fehler künftig zu vermeiden.

    Mehr: „Die Warninfrastruktur ist nicht unser Problem gewesen“ – Deutschlands oberster Katastrophenschützer verteidigt sich

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Zentralisieren ist nicht die Lösung: Warn- und Meldeketten im Katastrophenschutz müssen überprüft werden"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Es ist sicherlich richtig, Warn- und Meldeketten zu überprüfen. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die meisten kennen das Sirenensignal "Feueralarm". Aber wer weiß schon, dass bei einem auf- und abschwellendem Heulton von einer Minute Dauer das Radio eingeschaltet werden sollte. Die Warnung über Pushnachrichten halte ich für am sinnvollsten. Ich habe im Juni beispielsweise viele Warnungen (NINA, DWD-Warnapp, Wetteronline) über Smartphone erhalten. Zum Glück hatten wir kein Unwetter. Man kann davon ausgehen, dass das Mobilfunknetz und das Festnetz vor Eintritt des Schadens funktionierte und damit Pushnachrichten noch angekommen wäre.
      Auch kann man davon ausgehen, dass bei uns die integrierten Leitstellen auf die Angebote des DWD und die Pegel des bayerischen Hochwassernachrichtendienstes Zugriff haben. Die genauen Niederschlagsmengen allerdings sind nicht verfügbar, weil es schlicht zu wenig Wetterstationen gibt.
      Ein weiteres Problem ist die Geschwindigkeit, mit der die Wassermassen zu Tal rauschen. Wieviel Zeit bleibt für eine Warnung und wer muss aufgefordert werden, das Haus sofort zu verlassen oder reicht es obere Stockwerke aufzusuchen? Sind die Bewohner auch bereit, innerhalb kürzester Zeit das Haus oder die Wohnung zu verlassen?
      Es gilt jedenfalls, viele Aspekte zu bedenken. Schnellschüsse helfen hier nicht!

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