Neue Ministermannschaft

Erdogan hat sich bei der Besetzung der Ministerposten fast ausschließlich in den eigenen Reihen bedient.

(Foto: AP)

Kommentar zu Türkei Berlin und Brüssel müssen sich nicht vor Erdogan fürchten

Der wiedergewählte türkische Präsident Erdogan hat ein Team von Jasagern um sich versammelt. Es bietet aber die Chance für einen Neuanfang mit Europa.
Kommentieren

Erdogans Ministermannschaft ist eher eine Regierungssippe: Der neue Superminister für wirtschaftliche Entwicklung ist Erdogans Schwiegersohn, zwei weitere sind die Kinder älterer Minister. Einer ist der Chef einer Privat-Uni, an der auch Erdogans Familie beteiligt sein soll. Und der Rest sind entweder stramme Parteisoldaten oder Unternehmer ohne politische Erfahrung. Die einflussreichen Namen von früher fehlen.

Erdogan zeigt damit: Er ist der Boss, sonst niemand. Was aber nicht heißt, dass Berlin und Brüssel jetzt den Kopf einziehen sollten. Im Gegenteil: Erdogan und sein Jasager-Team könnten eine Chance für bessere Beziehungen darstellen.

Diplomaten wissen längst, dass Erdogan zum Beispiel in der Flüchtlingskrise unter dem Strich ein zuverlässiger Partner gewesen ist. Dass sein engster Berater Ibrahim Kalin – anders, als von vielen erwartet – nicht Außenminister geworden ist, ist unter diesem Aspekt ein gutes Zeichen. Kalin wetterte häufig gegen die schwache Moral der Europäer beim Flüchtlingspakt.

Der wiedernominierte Außenminister Cavusoglu gilt zwar als bauernschlau, aber dafür nicht gerade als Querschläger. Er mag auch die leisen Töne, wie seine private Teezeremonie im Januar mit dem damaligen Bundesaußenminister Gabriel gezeigt hat. Verhandlungen mit ihm dürften schwierig, aber berechenbar werden.

Wirtschaftlich ist klar: Auch mit Erdogans Schwiegersohn an der Schnittstelle der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bleibt die Türkei auf Geld aus Europa angewiesen. Die Türkei leidet unter einer hohen Inflation, einem schlechten Wechselkurs und geopolitischen Turbulenzen. Albayrak deutete bereits in der Vergangenheit an, dass er davon nicht abweichen wolle. So machte er bereits als Energieminister klar, dass er sich Investitionen aus Europa explizit wünscht.

Familiensache! Erdogan ernennt Schwiegersohn zum Finanzminister

Hinzu kommt ja: Erdogan hat den Zenit seiner Macht erreicht. Jetzt, wo er mindestens fünf Jahre lang niemanden fürchten muss, kann auch er selbst sich wieder in Richtung Westen orientieren. Der defensive Wahlkampf, der diesmal ohne Nazivergleiche auskam, zeigte dies bereits.

Erdogans Team erinnert zwar in Teilen an Trumps Kabinett, in dem loyale Partner und Familienmitglieder mit wichtigen Posten versorgt worden sind. Doch mit einem Unterschied: Erdogans Truppe ist nicht stark genug, um daraus einen für Europa gefährlichen Hebel zu generieren.

Berlin und Brüssel sollten sich das merken – und sich nicht scheuen, einen Schritt auf Ankara und insbesondere auf Erdogan zuzugehen.

Startseite

Mehr zu: Kommentar zu Türkei - Berlin und Brüssel müssen sich nicht vor Erdogan fürchten

0 Kommentare zu "Kommentar zu Türkei: Berlin und Brüssel müssen sich nicht vor Erdogan fürchten"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%