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Kommentar Zu viel Geld könnte der Bahn schaden

Die Deutsche Bahn wird mit Geld zugeschüttet. Der vermeintliche Befreiungsschlag könnte für den Vorstand zu einem ernsten Problem werden.
02.01.2020 - 16:11 Uhr Kommentieren
Was nutzen 150 neue ICEs und ICs, wenn die Bahn schon heute nicht mehr in der Lage ist, auf stark frequentierten Strecken auch nur einen zusätzlichen Zug in den Fahrplan zu quetschen? Quelle: dpa
Stuttgarter Hauptbahnhof

Was nutzen 150 neue ICEs und ICs, wenn die Bahn schon heute nicht mehr in der Lage ist, auf stark frequentierten Strecken auch nur einen zusätzlichen Zug in den Fahrplan zu quetschen?

(Foto: dpa)

Solche Meldungen braucht die Deutsche Bahn. In der Weihnachtswoche nutzten 2,8 Millionen Reisende einen ICE oder IC, ein Plus von 400.000 Kunden gegenüber dem Jahr zuvor. Noch wichtiger war die Botschaft, dass 86 Prozent der Züge pünktlich fuhren, an einigen Tagen sogar mehr als 90 Prozent. Wo sonst allenfalls drei Viertel der Fernverkehrszüge ihr Ziel nach Fahrplan erreichen.

Eisenbahn fahren kann so schön sein. Doch die bittere Wahrheit ist, dass der Vorstand des Staatskonzerns unter Führung von Richard Lutz im Jahr 2019 nicht einmal sein ohnehin schon abgespecktes Pünktlichkeitsziel von 76 Prozent erreicht hat.

Sich über verspätete, ausgefallene oder defekte Züge auszulassen ist hierzulande zum Volkssport und die Staatseisenbahn zum Volksspott geworden. Selbst der verantwortliche Verkehrsminister Andreas Scheuer trägt dazu bei. Etwa wenn er sich einerseits im Bundestag darüber beschwert, dass nun wirklich jeder in diesem Lande an der Staatseisenbahn herumnörgelt, andererseits Vorstände zu peinlichen Rapportterminen ins Ministerium zitiert.

Nun ließe sich das neue Jahr zum Wendepunkt ausrufen. Die Bahn bekommt so viel Geld wie noch nie in ihrer Geschichte. Allein für 2020 sind es 6,8 Milliarden Euro – Tendenz in den Folgejahren steigend. Das ist gut und auch dringend notwendig. Es ist auch neu in einem politischen Umfeld, wo üblicherweise in halb so langen Legislaturperioden gedacht wird.

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    Nur: Was wird der Bahn-Vorstand mit diesem Geldsegen machen? Es gibt Zweifel, ob Lutz und seine bald sechs Mitstreiter im Vorstand in der Lage sein werden, damit auch eine Qualitätswende hinzubekommen. Denn Geld ist nur das eine Problem der Deutschen Bahn, das andere sind interne Organisationsmängel und personelle Inkompetenzen.

    Ein Beispiel dafür ist der hochdefizitäre Güterverkehr. Der hätte längst grundlegend saniert werden müssen. Stattdessen wurden permanent Zuständigkeiten verschoben und Vorstände ausgetauscht. Mit dem Ergebnis, dass die Cargobahn immer tiefer in die Krise fährt. Jetzt soll es die ehemalige Vorstandschefin der Berliner Verkehrsbetriebe, Sigrid Nikutta, richten, der jüngste Neuzugang im Topmanagement.

    Am Ende könnte sich herausstellen, dass der Vorstand mit den Milliarden schlicht überfordert ist. So verrückt das klingt: Zu viel Geld könnte die Bahn eher schlechter als besser werden lassen.

    Was nutzen 150 neue ICEs und ICs, wenn die Bahn schon heute nicht mehr in der Lage ist, auf stark frequentierten Strecken auch nur einen zusätzlichen Zug in den Fahrplan zu quetschen? Was nutzen zusätzliche Milliarden für die Instandhaltung, wenn Vorzeigestrecken für Hochgeschwindigkeitszüge für enorm viel Geld saniert werden müssen oder die Kosten für das Bahnhofs-Megaprojekt Stuttgart 21 explodieren?

    Die Entlastung ist zugleich eine Last

    Das Geld ist schnell weg, die Probleme aber bleiben. Mehr Baustellen im Netz, mehr Züge, mehr Personal, und schon wird alles besser – so einfach ist die Rechnung eben nicht.

    Doch die Erwartungen sind groß. Schließlich werden Steuerzahler und Kunden darauf pochen, dass die Bahn ihr Geld auch wert ist. Da nutzt es wenig, wenn Bahn-Chef Lutz stetig – und zu Recht – darauf verweist, dass die Modernisierung der Eisenbahn Zeit braucht. Die Regierenden werden schon aus Eigeninteresse Erfolge einfordern – schnelle Erfolge.

    Das Jahr 2020 dürfte deshalb ziemlich ungemütlich für Richard Lutz werden. Mit der Erweiterung des Vorstands um Levin Holle, bislang Abteilungsleiter im Bundesfinanzministerium und ab Februar Finanzchef der Bahn, auf dann sieben Mitglieder sind zwar alle Posten besetzt.

    Doch die Entlastung ist zugleich eine Last. Der 55-jährige Lutz muss liefern. Die Berateraffäre im vergangenen Jahr und der Streit mit dem kurzzeitigen Finanzvorstand Alexander Doll haben viel Zeit, Kraft und Ressourcen verschlungen. Das kann sich Lutz nicht noch einmal leisten.

    Zumal mit Holle nun ein zweiter Mann mit politischer Rückendeckung aus dem Regierungsapparat installiert wurde. Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla war zuvor Kanzleramtsminister und hat im Wesentlichen die Milliarden für die Bahn beschafft. Dass der CDU-Mann qua Amt auch für die Sanierung des Eisenbahnnetzes verantwortlich zeichnet, wird am Ende keinen interessieren. Öffentlichkeit und Politik werden den Chef in Haftung nehmen, wenn die versprochene Pünktlichkeits- und Qualitätsoffensive nicht wie versprochen gelingt. Oder wenn der Eindruck mangels schneller Erfolge entstehen sollte, dass die Milliarden versickern.

    Mehr Geld bedeutet zugleich mehr Druck auf das Bahn-Management. Vor wenigen Wochen mahnte Verkehrsminister Scheuer in der Haushaltsdebatte Struktur- und Organisationsreformen im Bahn-Konzern im gerade begonnenen Jahr an. Das kann in der Politik alles und nichts heißen. Lutz und die anderen Bahn-Vorstände sollten vielleicht besser mit „allem“ rechnen.

    Mehr: Der Personalmangel trifft nicht nur die Deutsche Bahn, sondern auch ihre Konkurrenten. Der Staatskonzern wirbt jetzt auch im Ausland um Fachkräfte.

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