Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Kommentar zur Cebit Digitalisierung ist ein Lebensstil

Digitalisierung ist mehr als Technologie. In Deutschland herrscht jedoch ein Mangel an digitaler Kultur. Die Cebit versucht nun die Erneuerung.
Kommentieren

Von Konzerten bis zum Riesenrad – So radikal wurde die CeBIT umgebaut

Ein Riesenrad dreht sich über den Dächern der Messehallen, bei Fuck-up-Nights reden Gründer offen über ihr Scheitern, und spät am Abend steigt ein Ballett aus Drohnen in den Himmel: Die neue Cebit will ein Festival sein – und nicht mehr nur Geschäftsleute zusammenbringen. Business und Lifestyle, so lassen die Ausrichter wissen, schließen sich nicht aus.

Anders als in den vergangenen Jahren, als die IT-Messe reichlich nüchtern wirkte. Erfolgreiche Veranstaltungen wie South by Southwest oder Online Marketing Rockstars machen es vor.

Ob das Konzept aufgeht, muss die Deutsche Messe AG noch beweisen, wenn sich diese Woche die Tore für die Besucher öffnen. Doch das Unternehmen weist die richtige Richtung: Digital sein, das heißt nicht allein, bestimmte Technologien einzusetzen, es geht auch um eine Haltung, ja: einen Lebensstil.

Was Letzteres angeht, haben viele deutsche Unternehmen allerdings noch erheblichen Nachholbedarf. Ebenso wie die Cebit, die die Realität in der deutschen IT-Landschaft in dieser Hinsicht widerspiegelt.

Dass die Digitalisierung von existenzieller Bedeutung ist, bestreitet kaum ein Manager. 78 Prozent der Unternehmen haben laut einer Bitkom-Umfrage eine Digitalstrategie, wenn auch in vielen Fällen nur in einzelnen Bereichen. Darunter verstehen sie jedoch sehr unterschiedliche Dinge, von Effizienzsteigerungen in Prozessen über Smartphones für die Außendienstler bis hin zu neuen Geschäftsmodellen wie dem Verkauf von Maschinenstunden statt Geräten.

Trotz aller Maßnahmen und Masterpläne tun sich viele Unternehmen schwer, sie vernachlässigen eines: den Faktor Mensch. So empfinden Mitarbeiter die Digitalisierung häufig als Bedrohung, zum Beispiel für den eigenen Arbeitsplatz. Kein Wunder also, dass 58 Prozent der Firmen bei der digitalen Transformation die „Verteidigung bestehender Strukturen“ durch eigene Mitarbeiter als größte Hürde sehen, wie der Marktforscher GfK für das Beratungsunternehmen ET Ventures ermittelt hat.

Das digitale Zeitalter erfordert eine neue Führungskultur

Der Mangel an digitaler Kultur macht sich auch darin bemerkbar, dass es vielen an Erfahrung beim „nutzerzentrierten Vorgehen“ fehlt, also dem Prinzip, das viele Gründer und Digitalberater predigen. Gemeint sind Methoden wie Design Thinking, die den Kunden in den Mittelpunkt stellen.

Firmen wie Google, Bosch oder SAP prüfen so schnell neue Ideen auf ihre Stichhaltigkeit, bevor sie mit der aufwendigen Entwicklung von Produkten beginnen.

Das ist an sich nichts Neues. Viele große Unternehmen lassen kreative Köpfe in Laboren an neuen Ideen arbeiten und investieren in Start-ups. Der Innovation Raum zu geben ist allemal sinnvoll. Häufig sind diese Ausgründungen allerdings weit vom Tagesgeschäft entfernt. Die Krux: Je weiter die Freidenker weg sind, desto höher der Innovationsgrad, aber desto geringer die Chancen, dass sich im Mutterkonzern wirklich etwas ändert.

Unternehmen können Innovation nicht auslagern, zumindest nicht vollständig. Sie müssen der Kreativität auch im Kerngeschäft einen Rahmen schaffen. Das geht durchaus: Digitale Arbeitsweisen sind keine Zauberei, sondern Handwerk, das jeder erlernen kann. Wenn er oder sie denn die nötige Zeit dafür bekommt, die vermutlich deutlich über einen eintägigen Workshop einmal im Jahr hinausgeht.

Für eine radikale Kundenorientierung, wie sie das Design Thinking fordert, muss man keine Zeile programmieren können.

Das digitale Zeitalter erfordert zudem eine neue Führungskultur. Die Produktentwicklung wird immer komplexer, selbst eine Türklingel kommt heute kaum ohne Software aus. In der Wissensökonomie bedarf es einer Zusammenarbeit über Grenzen von Professionen und Firmen hinweg. Schon heute verbringen die Beschäftigten mehr als ein Drittel ihrer Arbeit in fachübergreifenden Projekten.

Führungskräfte müssen ihre Arbeit daher in den Dienst ihres Teams stellen. Mehr wissen als die Untergebenen können sie ohnehin nicht mehr, dafür ist die Arbeitswelt zu komplex. Und sie müssen überzeugen statt befehlen. Um die Ängste vor Umbrüchen zu nehmen, die nicht zu vermeiden sind. Und um hochqualifizierte Wissensarbeiter zu binden, die sich ihre Jobs praktisch aussuchen können.

Technologischer Fortschritt, moderne Arbeitsmethoden, eine digitale Kultur: Dieser Dreiklang ist es, der die starken Unternehmen von den schwachen unterscheidet. Im Falle vieler etablierter Konzerne kommt einem das Bild eines rüstigen älteren Herren in den Sinn, der sich die neueste Technik zugelegt hat, sie aber leider nicht bedienen kann.

Die Deutsche Messe AG bietet mit der Neuausrichtung der Cebit ein Beispiel dafür, wie ein Unternehmen im Zeitalter der Digitalisierung ein Produkt und gleichzeitig sich selbst neu erfinden will – die digitalen Methoden, über die auf der Veranstaltung geredet wird, kommen nun auch intern zum Einsatz. Ob der Neustart gelingt, werden die nächsten Tage zeigen. Falls nicht, steckt auch darin eine Lehre: Wer zu lange wartet, geht ein hohes Risiko ein.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite

Mehr zu: Kommentar zur Cebit - Digitalisierung ist ein Lebensstil

0 Kommentare zu "Kommentar zur Cebit: Digitalisierung ist ein Lebensstil"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.