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Das französische AKW Cattenom

Der Bau von neuen Kraftwerken ist oftmals unwirtschaftlich.

(Foto: dpa)

Kommentar Zurück zur Atomenergie? Solche Überlegungen sollte man getrost vergessen

Eine Renaissance der Atomenergie ist der falsche Ansatz, um die Klimaziele zu erreichen. Es müssen andere Lösungen her, denn Kernkraft hat mindestens zwei eklatante Schwachpunkte.
17.12.2019 - 17:37 Uhr 8 Kommentare

Die Ziele sind ehrgeizig, möglicherweise sind sie sogar unerreichbar: Deutschland, Europa und am besten die ganze Welt sollen bis 2050 klimaneutral werden. Diese Herausforderung lässt sich nur bewältigen, wenn möglichst alle Optionen gezogen werden, die bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen helfen. Einige Klimaschützer und manche europäische Länder setzen daher auf die Atomkraft. Doch sie laufen in eine Sackgasse.

Die Kernkraft hat mindestens zwei eklatante Schwachpunkte. Da ist zum einen das weltweit ungelöste Problem der Entsorgung. Kein Land der Erde kann bislang ein Endlager für hochradioaktive Abfälle vorweisen, das diesen Namen verdient.

Die ganze Hilflosigkeit der entsprechenden Bemühungen offenbart sich in Finnland, wo man in den kommenden Jahren zwar ein Lager in Betrieb nehmen will; die Genehmigung soll jedoch nur für 100 Jahre gelten. Der hochradioaktive Abfall muss aber für eine Million Jahre sicher verwahrt bleiben.

Dazwischen liegen 999.900 Jahre, die ungeklärt sind – eine Zeitspanne, die noch keine Zivilisation auch nur annähernd überdauert hat. Zur Einordnung: Der Mensch bevölkert die Erde seit 300.000 Jahren. Die Vorstellung, man könne aus heutiger Sicht gewährleisten, Atommüll für eine Million Jahre sicher zu verwahren und vor dem Zugriff folgender Generationen zu schützen, ist illusorisch.

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    In einem Land, in dem – völlig zu Recht – über das hohe Strompreisniveau geklagt wird, sollte auch der zweite Aspekt, der gegen die Kernkraft spricht, zu denken geben: Neue Kernkraftwerke lassen sich nicht wirtschaftlich betreiben.

    Neue Kraftwerke sind unwirtschaftlich

    Ein Blick nach Großbritannien verdeutlicht das. Die Kosten für die beiden in Bau befindlichen Reaktoren am Standort Hinkley Point steigen rapide, die Stromproduktion wird nur dank großzügiger staatlicher Alimentierung in Form gesicherter Einspeisevergütungen über Jahrzehnte sowie mittels staatlicher Kreditgarantien möglich sein. Der frühere EU-Energiekommissar Günther Oettinger hat diese Zusagen einmal als „sowjetisch“ bezeichnet.

    Hinkley Point ist kein Einzelfall. Im Lichte der Kostensteigerungen und Verzögerungen beim Neubau der Reaktoren im französischen Flamanville und im finnischen Olkiluoto erscheint der Berliner Flughafen BER als Erfolgsprojekt. Parallel sinken die Kosten für die Stromproduktion mittels Wind und Sonne rapide. Neue Kernkraftwerke sind vor diesem Hintergrund ökonomische Totgeburten.

    Die Kernkraft hat allenfalls noch in energiehungrigen Schwellenländern eine Zukunft, in denen autokratische Regierungen den Neubau von Reaktoren verordnen, ohne sich seriös mit den Folgekosten zu beschäftigen.

    Planung und Finanzierung solcher Vorhaben sind meist völlig intransparent und von westlichen Standards weit entfernt. Diese Vorhaben als Beleg für eine Renaissance der Kernkraft heranzuziehen ist nicht überzeugend. Es handelt sich dabei eher um abschreckende Beispiele.

    So spiegelt die aktuelle Debatte über den möglichen Beitrag der Kernkraft zum Klimaschutz ein Grundproblem wider: Die Politik definiert mit leichter Hand Ziel um Ziel. Die Latte wird mit schöner Regelmäßigkeit noch ein paar Prozentpunkte höher gelegt.

    Wie und ob sich die Ziele überhaupt erreichen lassen, bleibt offen. Daraus ergeben sich dann auf den ersten Blick neue Chancen für die Kernkraft, die aber einer genaueren Prüfung nicht standhalten.

    Klimaneutralität ist nicht allein eine Frage des guten Willens

    Es ist an der Zeit, innezuhalten und sich einzugestehen, dass die Erreichung ehrgeiziger Klimaziele nicht allein eine Frage des guten Willens ist. Wer Klimaneutralität will, stößt an Grenzen. An Grenzen, von denen heute niemand weiß, wie sie sich überwinden lassen werden. In der Not auf die Kernkraft zu setzen erscheint indes nicht sinnvoll.

    Zum kompletten Bild gehört ein Blick auf die Sondersituation hierzulande. Deutschland bürdet sich mit dem gleichzeitigen Ausstieg aus der Kohle und der Kernkraft eine Last auf wie kein anderer Industriestaat. Schon zu Beginn des kommenden Jahrzehnts könnte die Situation eintreten, dass aus den Kraftwerksüberkapazitäten der vergangenen Jahre eine Unterdeckung wird.

    Mit anderen Worten: Deutschland schwimmt nicht mehr im Stromüberfluss, Strom könnte vielmehr knapp werden. Gleichzeitig kann man schon heute sicher sagen, dass bis zur Abschaltung der letzten drei Kernkraftwerke in Deutschland Ende 2022, von denen zwei im Süden des Landes stehen, die Stromleitungen nicht fertiggestellt sein werden, die den Windstrom aus dem Norden nach Bayern und Baden-Württemberg bringen sollen. Teure Übergangslösungen müssen her, um akute Engpässe zu vermeiden.

    Es könnte energiewirtschaftlich sinnvoll sein, einen oder zwei Reaktoren für einen sehr begrenzten Zeitraum länger laufen zu lassen. Politisch durchsetzbar ist das jedoch nicht. Man sollte solche Überlegungen, mögen sie noch so vernünftig erscheinen, daher getrost vergessen.

    Mehr: Nach dem Atomausstieg will Deutschland auch aus der Kohle aussteigen. VW-Chef Diess kritisiert mit Blick auf den Klimaschutz den Zeitplan der Regierung.

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    8 Kommentare zu "Kommentar: Zurück zur Atomenergie? Solche Überlegungen sollte man getrost vergessen"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Selbst die Klimaheilige "Greta" setzt sich für Kernkraftwerke ein.
      Aktuell sind weltweit über 105 Kernkraftwerke im Bau oder Planung, selbst in Japan. In Europa, also um Deutschland herum massenhaft Kernkraftwerke die für die Grundlast sorgen. Nur Deutschland, das Land in ideologischer Verblendung glaubt, dass Strom aus der Steckdose kommt. Der Stromverbrauch wird weiter steigen durch E-mobilität, Streaming, Bargeldlose Zahlungssysteme usw.
      Deshalb liegt die Zukunft bei Kernkraft mit Reaktoren der IV Generation.
      Ein Gastbeitrag von Rainer Klute auf Zeit Online
      "Atomkraft, ja bitte! Wie bitte?
      Wer Klimaschutz will, sollte auf eine neue Generation von Kernreaktoren setzen. Sie würden nicht nur CO₂-arm Strom liefern, sondern könnten sogar den Atommüll selbst verbrennen."

      Mit diesen Reaktoren wäre somit eine günstige und sichere Stromversorgung möglich und würde das Endlagerproblem lösen.
      Wie es schon hier v. Hr. Wilfried Stelling richtig gesagt wurde: " Technik schreitet voran und löst Probleme. Ideologie bleibt stehen und schafft Probleme."

    • Technik schreitet voran und löst Probleme. Ideologie bleibt stehen und schafft Probleme.
      Warum wir kein Endlager brauchen. „Reactor Safety Research-Project No.: 1501535“
      https://www.welt.de/wissenschaft/plus197341485/Nukleare-Muelltrennung-Warum-wir-kein-Endlager-brauchen.html

    • Kernkraft ist politisch umstritten, so wie auch Fleischkonsum und Auto fahren. Wer legt denn fest bei welchen Themen wir ‚nur überleben wenn wir umdenken‘ und welche Themen ‚nicht vermittelbar‘ sind? Die bestehenden Kernkraftwerke vor Ende ihrer Laufzeit abzuschalten ist wirtschaftlich und ökologisch nicht sinnvoll und nur als -aus meiner Sicht irrationale- Reaktion auf Fukushima einzuordnen. Erstaunlich auch das Argument Kernkraftwerke könnten nicht wirtschaftlich betrieben werden und es fehle die Langfristlösung für die Lagerung: Beides ist zwar richtig und auch bei jeder anderen fossilen Energieart ist das so wenn man bei Kohle z.B. die langfristigen und irreversiblen Folgeschäden der Erderwärmung einrechnete, wäre die Kohle völlig unwirtschaftlich.... Am Ende bleibt uns nur der Mix aus verschiedenen Energieerzeugungen, mit Kernkraft und Kohle, ein Streben nach Reduktion des Verbrauches über Effizienz und eine bessere Möglichkeit Wind und Sonne zu nutzen. Dazu braucht es vor allem bessere Speicher. Bis dahin....

    • Ausstieg aus der Kernkraft - Einstieg in die Kernkraft!
      Die derzeit genutzten Reaktoren sollten sukzessive ausphasen, denn sie sind potentiell gefährlich im Betrieb und hinterlassen eine Hypothek, die niemand stemmen kann! Wer, der bei klaren Verstandes ist, kann denn ernsthaft sagen, dass man Atommüll 1 Mio. Jahre "sicher" endlagern kann?! D.h. wir müssen die Dinger abstellen, die uns das aufbürden!
      Gleichzeitig müssten wir ein paar neue AKW's bauen und die Kernkraft nutzen - und zwar genau diejenige, die sich im "Atommüll" befindet! Die Lösung heißt MSR = Molten Salt Reactor (Flüssigsalzreaktor)! Ja, die Technik ist noch nicht zu 100% ausgereift, aber das kann man binnen kurzer Zeit schaffen. MSR sind sicher, es kann keinen GAU geben. Wir können unseren Atommüll da reintun und so lange zirkulieren lassen, bis das Zeug - all die Actinide - fast vollständig abgebaut sind.
      Als Brückentechnologie ist diese Maßnahme für ein paar Jahrzehnte meiner Meinung nach geboten und nicht fakultativ: 1. Um die Hypothek verantwortungsvoll zu beseitigen, 2. um Engpässe zu verhindern.
      Langfristig sind es dann die erneuerbaren sowie die Kernfusion!

    • - Fortsetzung -

      Da man von Öko- Ideologen und Gehirngewaschenen keine braucbare Antwort bekommen kann, hier einmal eine fachkundige Antwort von ideologiefreien "Stromern":
      "Es gibt nur die vage Hoffnung der Akteure, es komme ausreichend und nachfragegerecht grüner Strom aus der Steckdose, wenn die Windanlagen und Solaranlagen verdreifacht werden.
      Ob das überhaupt möglich ist, wird verdrängt. Man verlässt sich auf Ingenieure, die das schon "schaffen werden". Aber kein einziger Ingenieur kann zaubern! Naturgesetze setzen unüberwindliche Grenzen! Eine sichere und bezahlbare Versorgung aus Windstrom und Solarstrom ist unmöglich! Das gilt auch, wenn die Anlagen verdreifacht werden. (...)
      Jederzeit können alle Ökostromanlagen abgeschaltet, ohne die Stromversorgung zu gefährden. Werden nur 10 Prozent der Dampfkraftwerke stillgelegt, steigt die Anzahl notwendiger Lastabwürfe bei Bedarfsspitzen erheblich an. Sichere Arbeitsplätze können nur erhalten werden, wenn die unsinnige teure Zwangseinspeisung mit Fakepower gestoppt wird und die preiswerten grundlastfähigen Kohlekraftwerke Basis der Stromversorgung bleiben. (...)
      Es ist eine Utopie, die BRD mit 65, 80 oder gar 100 Prozent Fakepower versorgen zu wollen.
      Bereits seit vielen Jahren wird bei Starkwind und hellem Sonnenschein bei gleichzeitig geringer Nachfrage das technisch mögliche Maximum von 55 Prozent Fakepower erreicht! Ohne Kohlekraftwerke existiert kein stabiles Stromnetz!"
      https://www.dz-g.ru/Kohlestrom-ist-unverzichtbar

    • Nicht nur zurück zur Atomernergie, sondern als weitere Maßnahme SOFORT WIEDER DIE BAGGER RAUSHOLEN!!!
      Siehe dazu meinen Kommentar zur Inbetriebnahme von Datteln 4:

      "Die wirtschaftszerstörerischen "Klimaschützer" wollen doch, wenn ich richtig liege, deutlich mehr Menschen vom Auto zum Umstieg auf die Bahn bewegen. Ich verfolge deren Ergüsse nicht mehr regelmäßig, weil ich auf meine eigene Gesundheit achte, aber die wollen glaube ich ja auch die Bahntickets quersubventionieren.
      Dummerweise benötigt die Bahn zum Fahren entweder Strom oder Diesel (= gaaaanz böse!).
      Und ich habe bis jetzt noch keinen ICE gesehen, der mit Windmühlen oder Solarpaneelen auf dem Dach angetrieben wird. Und Datteln 4 soll nun einmal Strom vor allem für das Bahnnetz produzieren.
      Kognitive Dissonanz der Grünen: leistungsfähiges Stromnetz der Bahn zerstören und Diesel dämonisieren, aber gleichzeitig mehr Menschen zum Bahnfahren "bewegen" wollen. ;-)
      Was müsste man also IDEOLOGIEFREI in Deutschland tun, um einmal Infrastruktur / flächendeckende Ladestationen für E-Mobilität möglich zu machen und der Bahn gleichzeitig ein leistungsfähiges Stromnetz zur Verfügung zu stellen??
      Einmal die Bagger rausholen und wieder das abbauen, was es in Deutschland genug gibt, nämlich Steinkohle, und gleichzeitig ein paar neue AKW´s errichten - und das für die Züge der Bahn ziemlich zügig..."
      Bitte schreiben Sie doch einmal, welche Kraftwerke Sie errichten wollen, um MEHR Züge anzutreiben (wenn tatsächlich nämlich MEHR Menschen auf die Bahn umsteigen würden!
      Ob Sie so denken weiß ich nicht, aber ich sage Ihnen, wie die "Klimaschützer" in ihrer kognitiven Dissonanz vermutlich denken: in Deutschland die "bösen" Kraftwerke abschalten, aber dafür etwa aus Frankreich Atomstrom und aus Polen Kohlestrom importieren!!"
      https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-die-inbetriebnahme-des-kraftwerks-datteln-4-ist-kaum-zu-vermitteln-aber-vernuenftig/25221332.html

    • Die Atomenergie abzuschreiben ist ein schwerer Fehler. Flüssigsalzreaktoren bieten viele entscheidende Vorteile. Ein Industrieland ohne Kernenergie ist nur schwer vorstellbar. Klimaneutralität bis 2050 ohne Kernenergie ist physikalisch unmöglich.

    • Auch ich gehe davon aus, dass unsere Stromversorgung nicht generell auf auf Dauer gesichert ist. Da recht sich auch, dass z.B. Bayern den Bau der Strom-Trassen eklatant behindert hat. Ausserdem gehe ich davon aus, dass die Strom-Preise auch weiterhin steigen werde - dass sagt nur bisher keiner.

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