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Leitartikel Kiezkneipe oder Business-Club: Die Coronahilfe muss Gastro-Betriebe erreichen

Kaum eine Branche leidet so unter der Pandemie wie die Gastronomie. Die Branche braucht planbare Hilfen. An der Umsetzung hängt auch die Akzeptanz der gesamten Coronapolitik.
29.10.2020 - 18:14 Uhr Kommentieren
Nach vielen Einschränkungen kommt jetzt vier Wochen lang das komplette Aus für viele Kneipen. Die Entschädigungen müssen nun zielgerichtet ankommen. Quelle: dpa
Gastronomie während Corona

Nach vielen Einschränkungen kommt jetzt vier Wochen lang das komplette Aus für viele Kneipen. Die Entschädigungen müssen nun zielgerichtet ankommen.

(Foto: dpa)

Hamburg Der Komet in St. Pauli ist eine derjenigen Bars, derentwegen sich auch Hamburger auf den Reeperbahn-Kiez begeben: Laut, stickig und verraucht wie eine alte Seemannskneipe, zugleich ist der DJ am Puls der Zeit. Die Tanzfläche im Keller neben den Toiletten liegt jedoch brach: Ein eigens abgestellter Mitarbeiter sorgt den ganzen Abend mit einer Kordel dafür, dass jeweils nur ein Gast aus der Bar runtergeht. Das soll Begegnungen verhindern. Plexiglas schützt die Theke.

Am anderen Ende des Hamburger gastronomischen Spektrums steht die Hanselounge. In dem Business-Club an der noblen Einkaufsstraße Neuer Wall hören einige Dutzend ausgesuchte Gäste, darunter ein ehemaliger Dax-Chef, einen Vortrag zur US-Wahl. Feste Sitzplätze, Handdesinfektion und Masken sind Pflicht.

Ja, fast alle Gastronomen haben gewissenhaft Hygienekonzepte entwickelt, Umbauten vorgenommen, investiert. Und doch half es wenig. Die Kordel im Komet hält keine Aerosole ab. Die Regeln in der Hanselounge verhindern nicht, dass der Dax-Manager nach dem Vortrag von etlichen Bekannten angesprochen wird – von denen viele wohl den Abend zu Hause verbracht hätten, wenn ihr Club geschlossen geblieben wäre. Statistiken belegen die anekdotische Evidenz: In den USA etwa waren Infizierte doppelt so häufig kurz zuvor im Restaurant wie Nichtinfizierte.

Viel Geld ist besser als wenig Gäste

Gastronomen und Hoteliers leisten also mit den Schließungen im kommenden Monat mit den größten Beitrag für die Pandemiebekämpfung – und dafür, dass 98 Prozent der Wirtschaft unbehelligt weitermachen können. Es gibt also gute Gründe, die Branche zu unterstützen – und zwar großzügig. 

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    Der Widerstand der Branche gegen Schließungen speist sich aus dem Zweifel daran, dass die versprochene Hilfe wirklich kommt. Die Politik muss die Gastronomen überzeugen: Ökonomisch sind die Hilfen wertvoller als die Öffnung unter den Bedingungen steigender Infektionszahlen, bei denen viele Menschen sowieso zu Hause bleiben. Einst belebte Gastro-Meilen boten schon am vergangenen Wochenende ein tristes Bild.

    Jetzt braucht die Gastronomie Planungssicherheit für die kommenden Monate. Die Regierung sollte die Zusage an Unternehmen mit bis zu 50 Mitarbeitern über den November hinaus verlängern, dass sie bei Schließungen 75 Prozent des Vorkrisenumsatzes erstattet bekommen. Das genügt, weil ja viele Kosten wegfallen.

    Ähnliche Regelungen braucht es aber für den Fall neuerlicher Sperrstunden. Das würde auch die Rechtssicherheit solcher Maßnahmen erhöhen, die in der Summe wirken, im Einzelfall jedoch wegen des jeweils geringen Risikos schwer zu begründen sind.

    Die Hilfen müssen differenziert geplant werden. Von pauschaler Unterstützung würden besonders Systemgastronomen profitieren, die sowieso schon stärker sind. Sie schaffen es wie etwa die Burgerkette Peter Pane, eigene Lieferdienste aufzubauen – oder zumindest ihre Banken von der Kreditwürdigkeit zu überzeugen.

    Doch ihren auch kulturellen Wert haben die deutschen Küchen, Kneipen und Klubs durch ihre Kleinteiligkeit, die anders als etwa in Großbritannien noch nicht verloren ist. Hilfen für familiengeführte Restaurants und Veranstaltungsräume von Szene-Initiativen haben jedoch ihre Tücken.

    Quelle: Kostas Koufogiorgos
    (Foto: Kostas Koufogiorgos)

    Schnell wirksam war schon im Frühjahr die Kurzarbeit. Aber: In der Gastronomie sind Trinkgelder wichtiger Teil des Einkommens. Daher kommen viele Mitarbeiter langfristig nicht mit dem Kurzarbeitergeld aus. Für Betriebe, in denen die ganze Familie mitarbeitet, ist das Trinkgeld sogar Teil des Gewinns.

    Zudem ist in der Branche ein offenes Geheimnis, dass große Teile der Gastronomen nicht alle Umsätze über die Kasse laufen lassen. Bei der Berechnung von Hilfsgeldern rächt sich der Steuerbetrug. Moralisch mag das eine Genugtuung sein, doch zu geringe Hilfen verschärfen die Krise der Einzelgastronomen.

    Verlässlichkeit wieder herstellen

    Schon vor Corona verdrängten Ketten Einzelgastronomen. Dabei sind die einzigartigen Bars und Clubs der Grund, weshalb viele junge Touristen etwa aus Großbritannien und Spanien nach Berlin und Hamburg kommen.

    Familiengeführte Gasthäuser bilden den sozialen Mittelpunkt vieler kleiner Orte in Bayern und Niedersachsen. Einzelgastronomen pflegen das kulinarische Erbe der Sorben und der Schwaben oder bringen die Raffinesse der griechischen und japanischen Küche nach Mittelhessen.

    Die Politik hat in den vergangenen Tagen viel Vertrauen in der Branche verspielt. Das Versprechen, dass sie weiter öffnen darf, wenn bloß die Hygienepläne umgesetzt werden, ließ sich nicht halten.

    Jetzt müssen Bund und Länder der Branche beweisen, dass wenigstens die Hilfszusagen verlässlich und wirtschaftlich planbar gelten – selbst wenn die Krise noch Monate dauern sollte und die Kassen knapper werden.

    Auf dem Spiel steht nicht nur die Vielfalt der Gastronomie, sondern auch die Akzeptanz der Coronamaßnahmen insgesamt. Wirte haben zwar wenig Lobby in Berlin, aber ziemlich gute Netzwerke in ihrer jeweiligen Heimat an der Theke und dem Stammtisch.

    Mehr: Der Gaststättenverband Dehoga prüft eine Klage gegen die Corona-Maßnahmen.

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