Leserdebatte: Wie sinnvoll sind die EU-Pläne, Investitionen in Atomkraft und Erdgas als nachhaltig einzustufen?
Nach knapp 35 Jahren Betriebszeit wurde das Atomkraftwerk Ende 2021 abgeschaltet. Während Deutschland aus der Atomenergie aussteigt, setzen andere europäischen Ländern noch auf sie.
Foto: dpaEs war der große Aufreger zu Jahresbeginn: der Entwurf der EU-Kommission, Investitionen in Gas- und Atomkraftwerke unter bestimmten Bedingungen als klimafreundlich einzustufen. Klimaschutzorganisationen sind entsetzt, die Ampelparteien streiten noch über eine gemeinsame Haltung, und Österreichs Klimaschutzministerin Leonore Gewessler (Grüne) kündigte auf Twitter sogar an, gegen die Pläne klagen zu wollen.
Doch nicht nur auf der politischen Bühne sorgt das Thema für eine hitzige Debatte, sondern auch unter den Handelsblatt-Leserinnen und -Lesern, die wir nach ihrer Meinung gefragt haben.
Aus einer Vielzahl an E-Mails haben wir die interessantesten Beiträge hier für Sie zusammengestellt.
Zutiefst beunruhigt
„Mich beunruhigt es zutiefst, dass die EU-Kommission diesen Schritt in Erwägung zieht, denn dies entzieht sich meiner Meinung nach dem gesunden Menschenverstand. Atomkraft mag zwar CO2-arm bis -neutral sein, kein Land dieser Erde hat aber die Frage der Endlagerung abschließend geklärt; so wird das Problem hier (wieder einmal) auf künftige Generationen geschoben. Erdgas erscheint mir aber um ein Vielfaches problematischer. Es wird massiv CO2 freigesetzt und treibt uns als EU weiter in die Abhängigkeit von höchstwahrscheinlich russischen Lieferungen, beziehungsweise verstärkt unsere Rohstoffabhängigkeit. Das kann nicht in unserem Interesse sein. Nutzen wir die Kraft der Sonne und des Windes endlich sinnvoll!“
Michael Beyer
Der finale Stoß in die globale Wettbewerbsunfähigkeit
„Die Uneinigkeit in der Energiepolitik wird zu einer weiteren Achillesferse der Idee einer starken multilateralen Union. Für uns energieintensive Mittelständler wird diese Uneinigkeit der finale Stoß in die globale Wettbewerbsunfähigkeit. Wir produzieren mit den höchsten Strompreisen im europäischen Raum, und das mit stark wachsender Tendenz. Wenn wir in der Europäischen Union keine energetische Kongruenz erreichen, werden die Lichter der deutschen energieintensiven Mittelständler auf lange Sicht erlöschen.“
Max Jankowsky
Damit jedes Land seinen eigenen Weg gehen kann
„Die Pläne der EU-Kommission, Investitionen in Atomenergie und Erdgas als nachhaltig einzustufen, sind sinnvoll, damit jedes Land seinen eigenen Weg bei seiner Versorgung mit sicherer, quantitativ ausreichender und wirtschaftlich wettbewerbsfähiger Energie und beim Klimaschutz gehen kann.
Wenn Deutschland Frankreich die Möglichkeit einräumt, sich weiter mit Nuklearstrom wettbewerbsfähig versorgen zu können, wäre Frankreich im Gegenzug befähigt, Deutschland mit seinem Nuklearstrom zu versorgen. Das wird wichtig, wenn der Klimawandel die planetarische Zirkulation ändert, folglich in Deutschland längere Zeit Windstille herrschen wird und wir dann dringend auf Nuklearstrom aus Frankreich angewiesen sein werden.“
Ludwig Preiser
Nur Wind und Sonne sind wirklich nachhaltig
„Wie kann Atomstrom nachhaltig sein, wenn wir noch immer keine Lösung für die Endlagerung haben? Welche Katastrophe gäbe es bei einem Atomunfall mitten im dicht besiedelten Europa? Selbst die Energiekonzerne haben sich schon von Atomenergie abgewendet, da zu teuer und zu ineffektiv. Nur Wind und Sonne sind umsonst und schaden niemandem, sind also wirklich nachhaltig.“
Berndt Lohmüller
Der Schritt zurück
„Diese Einstufung ist der Schritt zurück: Unternehmen und Gesellschaft brauchen eine klare und auch langfristige Zielvorgabe! Wer auf Erdgas oder Atomstrom setzt, denkt immer noch kurzfristig. Und dieses kurzfristige Denken und Handeln hat uns doch erst in die heutige katastrophale Situation der Menschheit gebracht. Wenn etwas heute gefördert wird, dann muss es unbedingt nachhaltig sein.“
Miriam Thormählen
Zu sehr Schwarz-Weiß-Denken
„Nachhaltig oder nicht ist mir zu sehr Schwarz-Weiß-Denken. Die Atomenergie von heute ist nicht mit der Atomenergie von gestern zu vergleichen, aber auch nicht mit der nachhaltigen Wind- und Solarenergie. Warum nicht abgestufte Nachhaltigkeitsklassen wie bei der gewährten Energieeffizienzklassifizierung? A für Wind- und Solarenergie, B für Biogas und Bioethanol, C für Atomenergie, D für Erdgas, E für Öl- und Kohle, etc.“
Jaska Herbert Harm
Abhängig von unseren Nachbarn
„Es braucht nicht das Etikett ‚nachhaltig‘, um Atomenergie für sinnvoll, effizient, ja sogar alternativlos zu halten. Der Altkanzlerin war dies natürlich auch bewusst, aber sie orientierte sich wie so oft an der gefühlten Mehrheitsmeinung. Denn nur die sicherte ihr eine weitere Legislaturperiode! Sie als Physikerin und Dienerin des deutschen Volkes hätte uns allen, Unternehmen und privaten Haushalten, viele Kosten ersparen können, wenn wir weiter auf unseren eigenen Atomstrom gesetzt hätten. Nirgendwo waren die Atomkraftwerke neuer und sicherer als in Deutschland. Stattdessen machen wir uns abhängig vom Atomstrom unserer europäischen Nachbarn!“
Monika Degen
Es muss konsequent auf erneuerbare Energien umgestellt werden
„Solange es keine Technologie gibt für die Endlagerung oder Verwertung von Atommüll, kann diese Technologie nicht nachhaltig sein. Sollte es hierauf eine Antwort geben, ist Atomstrom eine der besten Technologien zur Energiegewinnung, sofern die Atomwerke bestmöglich sicher betrieben werden.
Da das aber nicht der Fall ist, muss konsequent umgestellt werden auf erneuerbare Energien. Die langfristigen Kosten der Kernenergie müssen in einer Vollkostenrechnung miteinbezogen werden bei einem Vergleich mit dem Aufbau von erneuerbaren Energien.“
Heiner Hutmacher
Teuerste und gefährlichste Energie
„Investitionen in Atomenergie zur Erreichung der Klimaziele sind nicht nur Hohn, sondern ein Vernichtungsschlag gegen alle, die sich für Nachhaltigkeit und Verantwortung für kommende Generationen und Natur einsetzen. Heute hoher Profit aus Investitionen, was kümmern die Fragen nach Kosten für Rückbau und Endlagerung, die zahlen die Kinder der Kinder. Tschernobyl? Atomstrom war schon immer die teuerste und gefährlichste Energie. Gaskraftwerke sind aus meiner Sicht für eine Übergangsphase durchaus sinnvoll.“
Maren Haartje
Atomkraft wird Boom erleben
„Die Deutschen werden auch diesmal daran scheitern zu meinen, man könne die Welt (wieder einmal) verbessern. Atomkraft wird dank ihrer CO2-Bilanz in den meisten Ländern der Welt einen Boom erleben, den Deutschland mit guten Argumenten für verwerflich halten wird. Das zu Recht platzierte Argument der nicht geklärten Endlagerung wird zwangsweise aber dazu führen, dass dies innovativ-technisch gelöst werden wird, aber dann mit Sicherheit nicht durch die Industrien der Länder, die sich der Anwendung der Atomkraft verschlossen haben.“
Klaus Raps
Ein weiterer Irrweg
„Dieses Vorgehen ist ein fataler Schritt hinsichtlich des stark fortschreitenden Klimawandels und ein rein politisches/lobbyistisches Zugeständnis an Länder, die zu wenig für Klimaschutz getan haben und wie in der Vergangenheit den bequemen Weg gehen wollen. Das Signal und die Lenkungswirkung ist europaweit aber auch in Deutschland fatal und bremst den Ausbau der Erneuerbaren durch einen weiteren Irrweg! Atomkraft ist weder erneuerbar noch sauber, ganz zu schweigen vom Problem des strahlenden Mülls und der Risiken – günstig ist sie auch nicht. Gas als grün zu bezeichnen grenzt an einen Skandal. Die Länder brauchen sinnvolle Anreize, um wirkliche Erneuerbare stark und schnell auszubauen, um die Ziele erreichen zu können – nicht durch Pseudolösungen!“
Peter Goblirsch
In grünen Technologien liegt die Zukunft
„Es werden inzwischen vier Generationen von Atomreaktoren unterschieden. Fukushima und Tschernobyl waren Reaktoren aus der zweiten Generation. Die in den Startlöchern stehende vierte Generation kann je nach Technologie Atommüll als Brennstoff verwenden wie der SFR (Sodium-Cooled Fast Reactor). In grünen Technologien liegt die Zukunft. Die Bundesregierung sollte Solar- und Windkraft deutlich stärker fördern, um die Innovation voranzutreiben. Als Alternative zu Kohle und für eine Grundabsicherung sind Atomreaktoren der vierten Generation ab 2030 eine Alternative. Das sollten wir uns nicht von Ideologien verbauen, die auf alten Annahmen fußen. Erdgas ist genauso schädlich wie Kohle und Öl und sollte nicht verbrannt werden.“
Dominik Rau
Ein vorgezogener Aprilscherz
„Meiner Meinung nach sendet die vorläufige Taxonomie ein falsches Signal. Denn die fortlaufende Förderung des Baus und Betriebs von Kernkraftwerken sowie Gaskraftwerken kann dazu führen, dass sich manche Länder auf einem vermeintlichen Erfolg ausruhen. Hierdurch könnte der Ausbau regenerativer Energien weiter verschleppt werden. Unter dem Gesichtspunkt der CO2-Emissionen lässt sich über die Kernkraft vielleicht noch diskutieren. Die Aufnahme von Gaskraftwerken klingt hingegen eher wie ein vorgezogener Aprilscherz.“
Henrik Magnus Harmeling
Öffnet den Weg zu Realismus und Pragmatismus
„Die Pläne der EU-Kommission sind wichtig und notwendig für den Klimaschutz.
Der Weg, den Deutschland geht, ist riskant, teuer und gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Wirtschaft. Er ist ideologisch geprägt. Es ist höchst zweifelhaft, ob damit die Klimaziele 2030 erreicht werden können. Der Beschluss der EU-Kommission öffnet den Weg zu Realismus und Pragmatismus in der zukünftigen Diskussion. Er verhindert die Spaltung der EU.
Es ist zu hoffen, dass Deutschland zu einer konstruktiven Rolle bei der Kernenergie finden wird.“
Manfred Schroeder
Zuletzt debattierte die Handelsblatt-Leserschaft, ob das Böllerverbot an Silvester eine sinnvolle Maßnahme sei. Welche Meinungen vertreten waren, können Sie hier nachlesen.
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