Mein Kopf gehört mir Statements aus Wissenschaft und Recht

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Ingo Krampen, Natalie Marth, Karl-Nikolaus Peifer, Peter Raue, Volker Rieble

Den Geist kann man nicht besitzen

Geistiges Eigentum kann es nicht geben? Natürlich, den Geist kann man nicht besitzen oder bewahren. Er ist entweder gegenwärtig oder nicht. Aber: was wäre unsere Zivilisation ohne Musiker, Schriftsteller, Maler und andere Kreative? Und warum sollen Wasser, Luft und Grundstücke Eigentum sein können, Bilder und Kompositionen aber nicht? Eigentlich steht alles im Grundgesetz: Eigentum verpflichtet. Das gilt nicht nur für geistiges Eigentum. Die Kultur gilt es zu fördern, auch mittels des Rechts; der Kommerz sorgt für sich selbst und braucht keinen Schutz durch Eigentumsrechte.

INGO KRAMPEN, Rechtsanwalt, Notar und Mediator

Wertlos und schließlich substanzlos

Medien und Kreativwirtschaft leben von sprühenden Ideen und ihrer spannenden Umsetzung. Von Autoren und Journalisten erwarten wir eine anspruchsvolle und saubere Aufbereitung der täglichen Ereignisse, von Kreativen eine überraschende visuelle Umsetzung der Informationen. Eine originelle Berichterstattung, die in ihrer besten Ausprägung auch noch gesellschaftliche Orientierung gibt. Das ist sinnstiftend und kann von allen genutzt werden. Aber nicht kostenlos, dann wird es schnell wertlos und schließlich substanzlos. Das darf in einer Wissensgesellschaft nicht das Ziel sein.

NATALIE MARTH, Rechtsanwältin und Medienberaterin

Rechteklärung wird komplexer

Die Debatte um das sogenannte „geistige Eigentum“ wird sehr polarisiert geführt, so dass unterbelichtet bleibt, dass das Recht Interessen der Kreativen und der Nutzer zum Ausgleich bringen soll. Der Begriff des Geistigen Eigentums ist unscharf, aber plakativ und richtig, wenn man darunter versteht, dass es Rechte an unkörperlichen Leistungen gibt. 

Das es solche Rechte und eine rechtliche Anerkennung der Urheberschaft gibt, ist eine wichtige kulturelle Errungenschaft. Unsere die Persönlichkeitsentfaltung und das Privateigentum schützende Verfassung gebietet einen solchen Schutz, ohne bereits vorzugeben, für welche Gegenstände, in welchem Umfang und mit welcher Dauer eine Kontrollbefugnis der Kreativen bestehen soll. Das einfache Recht hat allerdings - mit Unterstützung des Internationalen Rechts - mittlerweile immer mehr auch banale Gegenstände mit einem starken und langdauernden Schutz versehen. Das schafft Probleme in Zeiten, in denen die Bausteine einer Kultur, wie Fotos, wissenschaftliche Äußerungen, aber auch Alltagsformulierungen zunehmend nur noch in digitaler Form vorhanden sind. Man könnte diese Gegenstände intensiver nutzen, die Rechteklärung wird damit aber immer komplexer, so dass eine massive Unternutzung, etwa bei verwaisten Inhalten, droht. Der richtige Kern einer Forderung nach „allgemeiner Verfügbarkeit von Werken“ liegt darin, dass im digitalen Zeitalter der Zugang zu Inhalten durch Ausschließlichkeitsbefugnisse nicht übermäßig behindert werden darf. Falsch ist es dagegen zu behaupten, Ideen gehörten einer Person oder sie seien geistiges Eigentum. Das Recht hat diese Meinung nie geäußert oder verteidigt. Wissenschaftlich geklärt ist, dass Ausschließlichkeitsrechte nur erforderlich sind, wenn Leistungen ohne einen solchen Schutz nicht produziert würden. Das lässt es in vielen Bereichen, etwa bei der Produktion aufwändiger und teurer Kulturgüter (Film, Musik) als richtig erscheinen, auch die nichtkommerzielle Nutzung von der Einwilligung und einer angemessenen Vergütung des Kreativen abhängig zu machen.

KARL-NIKOLAUS Peifer, Professor für Urheberrecht an der Uni Köln

Peter Raue ist Honorarprofessor für Urheberrecht an der FU Berlin, Kunstliebhaber und ehemaliger Vorsitzender der „Freunde der Berliner Nationalgalerie“. Quelle: ap

Peter Raue ist Honorarprofessor für Urheberrecht an der FU Berlin, Kunstliebhaber und ehemaliger Vorsitzender der „Freunde der Berliner Nationalgalerie“.

(Foto: ap)

Auch Schauspieler müssten umsonst arbeiten

Wer die freie Nutzung von urheberrechtlich geschützten Werken fordert, könnte (und müsste!) mit gleichem (Un-)Recht fordern, dass jeder Redakteur, Techniker, Schauspieler umsonst arbeitet. Denn der Autor eines Buches, der Drehbuchschreiber, Produzent eines Filmes lebt von den Tantiemen wie der Angestellte von seinem Lohn. Der Irrsinn dieser Piraten-Forderung hat Methode. Das ist das Schlimmste an ihr. Sie ist geistiges Kidnappen und deshalb kriminell.

PETER RAUE, Honorarprofessor für Urheberrecht an der FU Berlin

Ich gehöre nicht allen

Ich bin Autor und schreibe wissenschaftliche Texte – daneben auch für Zeitungen. Ich entscheide selbst, wie und wo meine Arbeit publiziert wird, ob online oder auf Papier, und ich möchte mir Verlag und wissenschaftliche Zeitschrift aussuchen. Es ist meine Arbeit, meine Leistung. Ideen und Wissen sind urheberrechtlich ohnehin nicht geschützt, mein konkreter Text schon. Jeder Kopierfreudige ist eingeladen, meine Ideen in einem eigenen Text aufzugreifen, doch das bedeutet ja Arbeit. Deswegen habe ich etwas dagegen, wenn andere mich als Hochschullehrer verpflichten wollen, online zu publizieren – das will ich nur freiwillig tun (und stelle meine Aufsätze nach einem Jahr ins Netz, meine Bücher aber nicht). Und erst recht habe ich etwas dagegen, wenn jemand meine Schriften scannt und ins Netz stellt. In meinen Texten drücke ich mich als Person aus – ich gehöre nicht der Öffentlichkeit, sondern nur mir selbst. Jeder Zwang beschädigt meine Wissenschaftsfreiheit.

VOLKER RIEBLE, Rechtsprofessor

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9 Kommentare zu "Mein Kopf gehört mir: Statements aus Wissenschaft und Recht"

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  • Sie verstecken sich selbst hinter einer Pseudonymität. Im übrigen spricht das nicht gegen die Kommentatoren, weil diese glauben, dass das ihr gutes Recht ist (Sie eingeschlossen). Googeln Sie doch mal Crowdfunding. Dies wäre ein funktionierendes Marktmodell, welche in einem offenen Netz funktioniert. Schauen Sie sich doch mal den Vorschlag des CCC der Kulturwertmark an. Alles Projekte, welche Künstler unterstützen ohne die Verbraucher zu entrechten.

  • Was glaubst du denn, warum der Begriff geistiges Eigentum geprägt wurde, damit Leute wie du diesen Begriff dem Eigentum zuordnen. Bei geistigem Eigentum handelt es sich um kein Eigentum, weil die Ware immer ferfügbar ist und nie knapp zu werden droht. Bei Eigentum macht daher Regulierung Sinn, bei virtuellen Gütern eben nicht.

  • Liebe Leserinnen und Leser, sorry, es ist doch selbstverständlich, dass geistiges Eigentum ganz einfach Eigentum darstellt. Was soll daher die verbogene Diskussion darüber, nur weil einige Leute der Meinung sind, dass dies nicht so sei. Daher schlage ich vor das Eigentumsrecht im Rahmen der Gesetzte und der rechtsstaatlichen Mittel einfach durchzusetzten. Gruß D. Schmidt

  • Alleine die Feigheit, sich hinter anonymen Namenskürzeln zu verstecken, spricht gegen alles, was diese "Kommentatoren" denken. Und dieses Denken gerät auch noch zu kurz. Denn wer wird noch eine Buch oder Musikstück in oft jahrelanger Arbeit schreiben, wenn er dafür kein Einkommen erzielen kann. Wir sitzen ja nicht im Paradies! Und schließlich: Die "Rechteverwerter" werden als Filter und Transmissionsriemen in die Gesellschaft benötigt. Kein Urheber kann das leisten, zumindest so lange er nicht bekannt ist. Hans-Jürgen Breidenstein

  • Der Urheberschutz, wie er bisher Gültigkeit hatte, hat sich selbst überlebt. Die Erfahrung zeigt, dass wir alle - das Individuum, wie auch die Gesellschaft, profitieren, wenn wir unser Wissen teilen.
    I-Tunes gehört heute vor allem deshalb zu den erfolgreichsten Webapllikationen, weil dort ein FAIRER Weg gefunden wurde, Urheber, wie auch den Handel zufriedenzustellen.
    Schon vor 35 Jahren habe ich jede Schallplatte, die ich mir leihen konnte, auf Cassette überspielt, da war ich 12 Jahre alt und als Konsument noch nicht geboren. Heute schaue ich auf meine Plattensammlung, sehe ich da mehr als 2.500 legal erworbene Alben und behaupte, dass ich keine 100 hätte, hätte ich damals nicht kopieren können...
    Dieses Phänomen erlebe ich auch bei anderen Bekannten, viele von ihnen haben schon Filme und Musik aus einer Tauschbörse geladen, dann festgestellt, dass man auch zu schnell zu viel haben kann und die Qualität oftmals zu wünschen übrig lässt... sie alle kaufen nun ihre Medien - vor allem, weil es einfach einfach ist,

    Urheberrecht aus anderen Bereichen ist kaum greifbar - wäre der Otto-Motor ohne die Erfindung des Rades möglich gewesen? Wie sieht hier aus heutiger Sicht das Lizenzmodell aus?
    Kann eine Kartoffelsorte tatsächlich patentiert werden?

    Wir sind auf dem Weg, als Individuen zunehmend mit der digitalen Welt zu verschmelzen - das kann man sicher euphorisch bejubeln, wie auch verängstigt ablehnen, einen Einfluss auf die Entwicklung hat es nicht - am Ende werden die Menschen ihr Wissen und Können miteinander teilen - und am ende wird so ein jeder vom anderen profitieren - auch ohne ausgeweiteten Urheberschutz.

    Lasst die Wirtschaft hier geeignete Zahlmethoden finden - Micropayment wurde ja bereits vorgeschlagen - und alles wird gut.

  • Die Debatte zwischen "free and open source" ist eine Debatte rund um die Gesellschaft, in der wir langfristig leben wollen - und nicht vorwiegend eine Debatte um Urheberrechte. Es geht um die Frage von freiem Saatgut, die Patentierbarkeit von Lebewesen - und letztlich auch Menschen, den freien Zugang zu Medikamenten (wer erinnert sich nicht an Südafrika und Indien, denen die Pharmakonzerne die Produktion von Generika untersagten und damit Menscheleben bedrohten) und ähnliche Themen - nicht darum, ob der nächste Kommerzhit nicht nur 10 Mal auf unterschiedlichen Ebenen verwertet wird, sondern auch von ein paar Kids heruntergeladen wird.

    Im Namen des "Schutzes der Autoren" werden so schon seit Jahren Gesetze erlassen und Entscheidungen getroffen, die die rechtsstaatliche Balance massiv gefährden.

    Schutzrechte sollen Autoren (ich sage bewußt nicht Rechteverwertern) ermöglichen, von ihrer Arbeit zumindest teilweise zu leben. Hier muß der Schutz gewährleistet sein. Das Urheberrecht gewährt in diesem Sinn sowieso schon weitaus mehr Rechte - bis zu 70 bzw. 90 Jahre NACH dem Tod des Autors.

    Wenn wir die Urheberrechte konsequent umsetzen, dürften wir auch nicht Kafka in der Schule lesen. Er selber wollte, daß sie verbrannt werden - und so hätten sie nie in die Public Domain kommen können - ein Schicksal, daß insbesondere kopiergeschützte Werke in Zukunft erleiden werden. Damit nützen "harte Regelungen" aufbauend auf einem Eigentums- und Rechtsverständnis, daß nicht an die digitale Realität angepasst ist, niemanden, weil sie ins Leere greifen.

    So kann ich auch nur darauf hinweisen, dass jeder kleine "Sieg" zu strengeren Kontrollen und Regelungen so große Kollateralschäden mit sich bringt. Gerade die kleinen und mittleren Unternehmer werden so für Gesetze streiten, die multinationale Konzerne gegen sie so ausnutzen werden - und die ihre Existenz weit mehr bedrohen als eine Einigung und ein Dialog mit den Downloadern.

    -gh

  • Zu allem Überfluss müssen jetzt Rürup/Maschmeyer ihren Senf dazugeben! Gehts noch peinlicher!?

  • Ja, das ist erschreckend! Deshalb keine Abos vom Handelsblatt.

  • zum Urheberstreit kann man stehen wie man will, ich finde es allerdings erschreckend in welchem Umfang das Handelsblatt sich für eine Lobbykampange instrumentalisieren lässt...

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