Multikulturalismus in der Krise Großbritannien: Neue Apartheid

Kein Terror werde die Briten dazu bringen, ihr Leben zu ändern, versicherte Tony Blair, als es in London von bewaffneter Polizei wimmelte und ein Unschuldiger erschossen wurde. Die sonst so sensiblen Briten nehmen das alles ohne Murren als Kollateralschaden im Kampf gegen den Terror hin, was zeigt, wie sehr sich ihr Leben in Wirklichkeit schon geändert hat.

Weitere weitreichende Umstellungen kommen auf das Land zu. Dazu zählt vor allem die Frage, wie die Briten in Zukunft mit den Muslimen in ihrer Mitte umgehen und wie die Muslime das Land betrachten, das sie zur Heimat gewählt haben. Das britische Innenministerium startete denn auch eine Serie von Konsultationsrunden mit acht muslimischen Zentren, um über die „gemeinsamen Herausforderungen“ zu diskutieren. Es geht um nicht weniger als um die britische Version des „Multikulturalismus“.

Die Debatte begann bereits 2001, als die schweren Rassenkrawalle in Bradford und anderen Städten zeigten, wie viel Augenwischerei zur britischen Konzeption des Multikultistaates gehört. Die jüngsten Selbstmordanschläge haben den Verdacht bestärkt, dass dieses Konzept vielleicht doch nicht ganz stimmt.

Man wollte einen Mittelweg steuern, der an Stelle des Assimilationszwangs, der Subordination der Einwanderer unter eine dominante „Leitkultur“, das Nebeneinander des Heterogenen stellt. Toleranz und gegenseitiger Respekt sollten die kittenden Elemente der Gesellschaft sein. Integration, so die Hoffnung, würde sich wie von selbst einstellen, ohne einen schmerzlichen Identitätsverlust oder -wandel.

Doch Toleranz allein kann eine Gesellschaft nicht verbinden. Sie trägt sogar Elemente der Polarisierung in sich. Muslimschulen, Straßenschilder auf Arabisch: Im Zeichen des Laisser-faire wuchs eine Apartheidgesellschaft ohne Kohärenz heran. Multikulturalismus, gedacht als Konzept für eine heterogene, ihrer Werte und Identitäten ungewissen Gesellschaft, beschleunigte die Fragmentierung.

Vor allem Muslime haben die Toleranzgesellschaft als Kultur ohne Selbstrespekt und Solidarität, ohne Glauben an sich selbst verstanden. Da war die Identifikation mit dem „globalen Islam“ attraktiver als die Integration in eine neue Kultur mit ihrem vagen Wertesystem und als das Nationalgefühl der neuen Heimat. Dies umso mehr, als es diese britische Toleranzgesellschaft radikalen Gruppen wie Hizb ut-Tahrir mit Zehntausenden Anhängern erlaubt, für einen islamischen Gottesstaat und für die Abschaffung genau dieser Toleranz zu agitieren.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%