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Pro und Contra Braucht Europa einen digitalen Euro?

Die EZB will Mitte 2021 über eine neue Form von Geld entscheiden. Sollte sie die Entwicklung vorantreiben, oder sind die Gefahren zu groß? Ein Pro und Contra.
05.10.2020 - 19:47 Uhr Kommentieren
EZB-Chefin Lagarde mit einem übergroßen Euro-Schein. Bargeld könnte in Zukunft überflüssig werden. Quelle: Reuters
Unterschrift auf Papier

EZB-Chefin Lagarde mit einem übergroßen Euro-Schein. Bargeld könnte in Zukunft überflüssig werden.

(Foto: Reuters)

Pro: Abwarten wäre zu riskant

Die EZB forciert ihre Arbeit an einem digitalen Euro, also Geld, das sie direkt in elektronischer Form ausgibt. Dazu tritt sie nun in Dialog mit Bürgern und Vertretern der Zahlungsbranche und führt interne Tests durch. Mitte nächsten Jahres will sie über das Projekt entscheiden. Sie täte gut daran, sich für den digitalen Euro zu entscheiden und die Entwicklung voranzutreiben.

Gewiss sind momentan noch viele Fragen offen, etwa was die Ausgestaltung angeht. Dennoch lohnt es sich, das Wagnis einzugehen. Weitaus riskanter wäre es, wenn Europa bei dieser potenziellen Schlüsseltechnologie den Anschluss verliert.

Denn aufgrund der Struktur des Zahlungsverkehrs erreichen Vorreiter schnell eine Vormachtstellung. Je mehr Nutzer eine Digitalwährung hat, desto attraktiver wird sie. Daher wäre es naiv, allein auf die Kräfte des Marktes zu vertrauen.

Die chinesische Notenbank arbeitet bereits seit dem Jahr 2014 an einer eigenen Digitalwährung. Im April hat sie damit begonnen, sie lokal begrenzt zu testen. Auch Facebook möchte noch in diesem Jahr mit seiner Zahlungslösung Libra an den Start gehen. Wenn Europa jetzt nicht ebenfalls die Planungen vorantreibt, hat es diesen Entwicklungen nichts mehr entgegenzusetzen.

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    Außerdem gibt es im Zahlungsverkehr offensichtlich viel Verbesserungebedarf. Zum Beispiel sind vor allem grenzüberschreitende Transaktionen noch immer teuer und zeitaufwendig. Auch könnte ein digitaler Euro die Digitalisierung der Wirtschaft voranbringen, indem er Geld programmierbar macht und so neue Automatisierungsmöglichkeiten bietet.

    Bei der Entscheidung für einen digitalen Euro geht es nicht zuletzt auch darum, die eigene Souveränität zu schützen. Überlässt Europa ausländischen Digitalwährungen oder Bezahlsystemen von Tech-Konzernen aus China oder den USA das Feld, besteht die Gefahr, dass es sich abhängig macht. Schon jetzt setzen zum Beispiel die USA die Stärke des eigenen Kapitalmarkts und ihrer Währung als Waffe ein.

    Im Konflikt mit dem Iran hat US-Präsident Donald Trump jedem Unternehmen und jeder Bank mit der Abkoppelung vom US-Finanzsystem gedroht, sollten sie gegen Sanktionen nach US-Recht verstoßen. De facto haben die USA es so geschafft, ihr eigenes Recht auch anderen Ländern aufzuzwingen. Eine Digitalwährung könnte zu einer ähnlich wirksamen Waffe werden.

    Damit verbunden ist auch der Zugang zu sensiblen Transaktionsdaten. Durch eine Digitalwährung könnten ausländische Notenbanken oder private Anbieter wie Facebook Einblick in die Zahlungsdaten von Bürgern und Unternehmen erlangen. Europa wird eigene Standards im Datenschutz nur dann durchsetzen können, wenn es durch die Entwicklung eines digitalen Euros selbst eine Rolle spielt.

    Bei Digitalwährungen geht es um ein potenziell sehr mächtiges Instrument. Auch wenn bei der Ausgestaltung noch vieles offen ist, wäre es riskant, darauf zu warten, dass anderswo der technologische Durchbruch gelingt. Zu groß ist die Gefahr, dass Europa dann schon abgehängt ist. Die EZB sollte daher durch einen digitalen Euro selbst technologisch vorangehen. (Jan Mallien)

    Contra: Neu heißt nicht innovativ

    In Amerika gibt es den Spruch: „Wenn es nicht kaputt ist, dann repariere es nicht.“ Ist unser Zahlungsverkehr kaputt? Jedenfalls nicht so, dass man ihn von Grund auf umkrempeln muss. Aber wie steht es mit der Innovation? Was heute richtig ist, muss ja nicht für alle Zeiten passen.

    Wo stehen wir also heute? Brauchen wir wirklich ein ganz neues Zahlungssystem? Oder ist der E-Euro, zu dem die EZB eine umfangreiche Studie mit verschiedenen Optionen veröffentlicht hat, eine Lösung auf der Suche nach einem Problem, getrieben allein von der Sorge, nicht modern genug zu sein? Vieles spricht dafür, dass eine skeptische Haltung die bessere ist.

    Wir leben in einer Welt, in der noch viel bar bezahlt wird, aber mit abnehmender Tendenz. Daneben gibt es eine Menge elektronischer Angebote, die allerdings meist aufgesetzt sind auf eine überkommene und oft sogar mehrschichtige Infrastruktur. Bitcoins, die eine große Alternative zu traditionellen Strukturen sein sollen, sind über zehn Jahre nach Start zwar ein Spekulationsobjekt, aber spielen mengenmäßig im Zahlungsverkehr keine Rolle.

    Ethereum, das eine ganz neue Welt mit eingebauten automatischen Verträgen schaffen wollte, wartet immer noch auf den großen Durchbruch. Libra, die Zukunfts-Kryptowährung von Facebook, ist immer noch nicht gestartet. Und Versuche in Ländern wie Schweden und China, die eigene Währung als Kryptovariante anzubieten, stecken nach vielen Ankündigungen erst im Versuchsstadium.

    Was in der heutigen Welt und ebenso in absehbarer Zukunft fehlt, ist eine klare Notwendigkeit, Geld in einer neuen Form anzubieten. Vielleicht könnte ein E-Euro etwas kostengünstiger den geschmeidigen Zahlungsverkehr anbieten, der sonst mehrstufig über Bankkonten, Kreditkarten und darauf aufbauenden weiteren Schichten funktioniert. Vielleicht würde dieser E-Euro auch Leute erreichen, die zum Beispiel gar keine Kreditkarte bekommen. Vielleicht ließe dieser E-Euro sich sehr gut weltweit nutzen.

    Aber gibt es nicht für diese Probleme einfachere Lösungen? Innerhalb von Schweden sind zum Beispiel Sofortüberweisungen schon lange problemlos möglich, ohne über Kreditkarten zu gehen; die Euro-Zone zieht gerade nach. Und sind die möglichen Probleme so drängend, dass die EZB ein großes Experiment starten sollte, das möglicherweise die Stabilität der Banken gefährdet? Denn wenn der E-Euro unabhängig von Bankkonten funktioniert, braucht niemand mehr diese Konten.

    Außerdem: Hat es nicht unzählige Fälle gegeben, in denen aus Wallets Millionenbestände an Kryptowährung von Hackern entwendet wurden? Und wenn man die Wallets zum Schutz davor von Banken oder der EZB selbst anbieten lässt, nimmt es der ganzen Sache ja schon wieder den Reiz, dezentral und grenzenlos verfügbar zu sein.

    Das ist das Grundproblem des E-Euros: Er bringt wahrscheinlich mehr Probleme, als er löst. Daher ist Vorsicht geboten. Nicht alles Neue ist eine Innovation. (Frank Wiebe)

    Mehr: China testet seine staatliche Digitalwährung in der Praxis.

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