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Pro und Contra Frauenquote für Vorstände: Gefährliches Glatteis oder überfällige Maßnahme?

Die Bundesregierung plant ein Gesetz, das vorschreibt, wie hoch der Frauenanteil in Vorständen börsennotierter Konzerne sein soll. Die Handelsblatt-Redakteure streiten darüber.
25.02.2020 - 17:31 Uhr 1 Kommentar

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und Justizministerin Christine Lambrecht (beide SPD) machen Ernst mit der stärkeren Förderung von Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft. In Vorständen von Börsenkonzernen mit mindestens vier Mitgliedern muss künftig wenigstens eine Frau vertreten sein. So sieht es der gemeinsame Referentenentwurf beider Ressorts für das „Zweite Führungspositionen-Gesetz“ vor, der dem Handelsblatt vorliegt. Doch ist eine gesetzlich vorgeschriebene Frauenquote die Lösung? Die Handelsblatt-Redakteure Heike Anger und Dieter Fockenbrock stellen ihre Meinungen gegenüber.

Pro: Appelle gab’s genug

Der Schlendrian der Wirtschaft in Sachen Gleichberechtigung ist nicht länger akzeptabel, findet Heike Anger.

Es sorgte doch tatsächlich für Wirbel, als Jennifer Morgan jüngst zur Co-Chefin des Softwareunternehmens SAP und damit zur ersten Frau an der Spitze eines Dax-Konzerns avancierte. Das zeigt: Frauen in Führung sind hierzulande alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Angesichts des Potenzials an hochqualifizierten Frauen ist das ein Armutszeugnis.

Es ist also richtig, dass Frauenministerin Giffey und Justizministerin Lambrecht nun auf eine Frauenquote für Vorstände pochen. Es ist – nach der gesetzlichen Quote für Aufsichtsräte – ein weiteres Signal an die Wirtschaft, dass der Schlendrian in Sachen Gleichberechtigung inakzeptabel ist. Wenn Unternehmen die freiwillige Selbstverpflichtung zu mehr Frauen in Führungspositionen nur beschwören, aber keinen ernsthaften Wandel einleiten, dann wird der Gesetzgeber eben tätig. Das ist die Botschaft. Und die ist notwendig.

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    Das beweist der Blick zehn Jahre (!) zurück. Schon seinerzeit drohte die damalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger – die als Liberale nun wirklich nicht im Verdacht stand, Eingriffe ins Eigentumsrecht zu propagieren und zum Angriff auf die unternehmerische Freiheit zu blasen –, gesetzgeberische Maßnahmen seien nur so lange verzichtbar, wie freiwillige Lösungen zu signifikanten Veränderungen führten. Sie appellierte freilich an die ökonomische Einsicht und die Selbstregulierungskraft der Unternehmen.

    Doch die Zeit der Appelle ist vorbei. Der Anteil von Frauen in Vorständen liegt seit Jahren unverändert bei rund zehn Prozent. Die Führungsetagen der meisten Konzerne sind Männerdomänen. Fortschritte vollziehen sich allenfalls im Schneckentempo.

    Die Allbright Stiftung hat ausgerechnet, dass es mit dem aktuellen Tempo noch 22 Jahre dauern würde, bis ein Frauenanteil von 40 Prozent in den Vorständen erreicht ist. Dass eine gesetzliche Quote Wirkung zeigt, belegen die Vorschriften für Aufsichtsräte, die seit 2016 für gut 100 Unternehmen in Deutschland greifen. In diesen Gremien liegt der Frauenanteil mittlerweile bei über 30 Prozent.

    Wenn die SPD-Ministerinnen Giffey und Lambrecht nun ein „Mindestbeteiligungsgebot“ schaffen wollen, bei dem der Vorstand eines börsennotierten und zugleich paritätisch mitbestimmten Unternehmens künftig mit wenigstens einer Frau besetzt sein muss, wenn er mehr als drei Mitglieder hat, dann wäre das ein für die Wirtschaft glimpflicher Eingriff. Er würde – so der Koalitionspartner mitmacht – nur rund 70 große Unternehmen treffen. Die sollten nicht protestieren, sondern ihre Chance nutzen, moderner und diverser zu werden.

    Contra: Die Bundesregierung begibt sich auf gefährliches Glatteis

    Die Regierung sollte nicht mit dem Kopf durch die Wand wollen, sondern rechtlich unbedenkliche Alternativen wählen, empfiehlt Dieter Fockenbrock.

    Bundesfamilienministerin Franziska Giffey sieht die Frauenquote für Vorstände per Gesetz nicht als einen „Angriff auf die unternehmerische Freiheit“. Nein, ein Angriff ist das nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man vernünftigerweise die Männerdominanz in den Führungsetagen der Wirtschaft brechen will. Aber ein Eingriff in die Vertragsfreiheit ist es sehr wohl – und zwar ein massiver. Deshalb wäre die Bundesregierung auch gut beraten, die Finger davonzulassen.

    Dieses Gesetz dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach vor dem Verfassungsgericht landen. Und dort könnten die höchsten Richter einmal mehr bescheinigen, dass gut gemeint eben nicht gut gemacht bedeutet. Viel wichtiger aber: Die Hüter der Verfassung könnten dem Gesetzgeber klarmachen, dass er ganz andere, womöglich effektivere Instrumente in der Hand hätte, um sein unbestreitbar berechtigtes Ziel durchzusetzen, mehr Frauen in Führungsverantwortung zu bringen.

    Zum Beispiel über die Auftragsvergabe. Der Staat zählt mit Abstand zu den größten Auftraggebern des Landes. Milliarden Euro werden jedes Jahr von Bund, Ländern und Gemeinden ausgegeben für Infrastruktur, Verwaltung und Versorgung. Warum werden solche Staatsaufträge und -einkäufe künftig nicht mit einem Quoten-Bonus für diejenigen Unternehmen verknüpft, die dem politischen Ideal entsprechen? Der Staat schließt ja auch Unternehmen von der Auftragsvergabe aus, die durch unsaubere Geschäftspraktiken – sprich Bestechung – oder Missachtung von Sozialstandards aufgefallen sind.

    Eine gesetzliche Frauenquote überschreitet schlicht das Primat der Politik – jedenfalls solange wir uns der freiheitlichen Grundordnung verpflichtet fühlen. Umso unverständlicher ist die Reduzierung auf börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen. Wieso eigentlich nur die? Nur dort traut sich Frau Giffey den großen Rundumschlag. Eben nur Symbolpolitik.

    Aber wie wäre es, wenn der Staat auch endlich seiner Vorbildfunktion nachkäme? Es ist richtig: In Führungsgremien öffentlicher Unternehmen – von den Bundesministerien bis zu den Stadtwerken – ist die Frauenquote schon heute besser als in der privaten Wirtschaft. Aber das ist eben nur ein Durchschnitt. Es gibt öffentliche Unternehmen, da ist die Quote schlichtweg null.

    Die von Giffeys Gesetzentwurf betroffenen 70 privaten Aktiengesellschaften dürften wohl kaum die Hoffnung haben, durch einen kollektiven Durchschnitt mildernde Umstände geltend zu machen.

    Mehr: Die Bundesfrauenministerin Giffey im Interview über eine Frauenquote für Vorstände.

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    1 Kommentar zu "Pro und Contra: Frauenquote für Vorstände: Gefährliches Glatteis oder überfällige Maßnahme?"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Erstens gibt es keinen Grund nach Geschlecht zu quotieren und nicht nach Herkunft, Alter, Ausbildung, Firmenzugehörigkeit etc.... Wo also anfangen und wo aufhören? Zweitens sind Vorstandsgremien selbst weder nach Zahl oder Struktur reglementiert. Eine Quote führt dann zu einer erstaunlich großen und machtlosen Zahl von Personalvorständinnen, Kommunikationsvorständinnen etc. Gesetzgeber, Finger weg!

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