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Pro und Contra Negativzinsen: Krieg gegen den Sparer oder purer Populismus?

Die Politik prüft ein Verbot von Strafzinsen für Kleinsparer. Thomas Sigmund fordert den Schutz, der Sparer werde kalt enteignet. Jan Hildebrand hält die Debatte für populistisch.
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Die Meinung zum Verbot von Negativzinsen für Sparer ist gespalten. Quelle: dpa
Negativzinsen

Die Meinung zum Verbot von Negativzinsen für Sparer ist gespalten.

(Foto: dpa)

Pro: Krieg gegen den Sparer

Banklobbyisten und Ökonomen sind entsetzt über ein Verbot von Negativzinsen für Kleinsparer. Gerade die Volkswirte müssten sich jedoch an ihren Gründervater Adam Smith erinnern. Der bezeichnete Verschwender als Staatsfeinde und jeden Sparer als öffentlichen Wohltäter. Diese Wahrheit haben diese Ökonomen vergessen. Sie vertreten mit den Interessenvertretern der Geldinstitute das Gegenteil. Man kann es auch so sagen: Die Banken wollen Kasse machen.

Dabei sollten alle an die Akzeptanz von Entscheidungen in der Bevölkerung denken. Der Staat profitiert von der Nullzinspolitik der EZB seit einem Jahrzehnt. Die Zeche zahlen bis heute die Sparer, die kalt enteignet werden. Jetzt wird ihnen mit den Negativzinsen endgültig der Krieg erklärt. Die Geldprofis sagen schlau, die Bürger hätten ihr Erspartes ja in Aktien investieren können.

Manchmal sind es dieselben, die vor zehn Jahren wertlose Lehman-Zertifikate empfohlen haben. Die deutsche Sparkultur spielt da keine Rolle mehr. Die bevorzugt Sparbücher, Tagesgeld und Lebensversicherungen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als Schuljunge mein erstes Sparbuch bekommen habe. Es war ein „Jeans-Sparbuch“ der Volksbank. Jeden Monat ging ich auf die Bank, und der Mitarbeiter trug meine Taschengeldbeträge feinsäuberlich mit Kugelschreiber in das mit Jeansstoff versehene Büchlein ein. So etwas prägt sich in die persönliche DNA ein – und viele, viele andere dürften ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Trotzdem wollen Wissenschaftler wie der DIW-Ökonom Marcel Fratzscher aus dem Elfenbeinturm heraus im Eilverfahren das Verhalten ganzer Volkswirtschaften umkrempeln. Klar, es wäre schöner, wenn der Zinsmechanismus wieder greifen würde und man nicht an den Symptomen kurieren müsste. Bis es aber so weit ist, sollten Politiker wie Markus Söder oder Olaf Scholz sich Gedanken darüber machen, wie sie einen Schutzschirm für den Sparer aufspannen. Schutzschirme für Banken gab es bereits, warum also nicht für den Steuerzahler, der hier alles finanziert.

Die Bürger fragen sich zu Recht: Wo bleiben wir? Otto Normalverbraucher versucht, alles richtig zu machen. Er legt, wie von allen Seiten eingefordert, sein sauer verdientes Geld fürs Alter auf die hohe Kante. Jetzt soll er dafür bestraft werden. Nebenbei gesagt: Die Banken verdienen sich schon mit den Kontoführungsgebühren eine goldene Nase. Wenn die Politik auf die Negativzinsen jetzt nicht reagiert, muss sie sich nicht wundern, wenn die Bürger das an der Wahlurne tun. Thomas Sigmund

Contra: Populismus pur

Ein wenig schizophren ist das schon: Am Mittwoch hat der Bund erstmals eine 30-jährige Anleihe ohne Zinsen ausgegeben. Finanzminister Olaf Scholz kann sich langfristig Geld umsonst leihen. Eine gute Nachricht für den Haushalt, eine schlechte für Sparer. Das hielt Scholz aber nicht davon ab, fast zeitgleich ein Verbot von Minuszinsen bei Banken ins Spiel zu bringen. Das prüfe man, sagte er, nachdem CSU-Chef Markus Söder die Forderung erhoben hatte.

Dass sich Scholz und Söder einig sind, kommt selten vor. Aber Deutschland ist ein Land der Sparer und das Wettern gegen eine vermeintliche Enteignung maximal populär. Und so bekommen Scholz und Söder viel Applaus, vom CDU-Wirtschaftsrat bis zur Linkspartei. Die einen arbeiten sich am Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, ab, weil sie dem Missverständnis aufsitzen, er allein entscheide über die Zinshöhe. Die anderen ziehen für Kleinsparer gegen die geldgierigen Banken zu Felde. Populistischer Unsinn bleibt es in der einen wie der anderen Ausprägung.

Die Strafzinsen für Kleinsparer, gegen die man vorgehen will, gibt es so noch gar nicht. Und ob sich diese so einfach einführen ließen, ist fraglich. Derzeit wird also eine Scheindebatte geführt. Aber selbst wenn die Strafzinsen kämen, würde sich die Frage stellen, warum der Staat eingreifen soll. Preise bestimmen in Deutschland gewöhnlich die Unternehmen, in diesem Falle die Banken.

Ein Recht auf positive Rendite gibt es so wenig wie ein Recht auf billige Immobilienkredite. Es ist erstaunlich, dass nun jene, die sonst die Marktwirtschaft hochhalten, für einen amtlich verordneten Mindestzins plädieren. Dabei wäre ein solcher staatlicher Eingriff in die Preisgestaltung nicht weniger gravierend als etwa der in der Wohnungspolitik diskutierte Mietendeckel.

In Deutschland herrscht durch das Nebeneinander von Privatinstituten, Volksbanken und Sparkassen ein harter Wettbewerb. Deshalb sind Finanzdienstleitungen hierzulande vergleichsweise günstig. Gleichzeitig kann sich keine Bank vom Niedrigzinsumfeld, das Scholz die kostenlose Schuldenaufnahme ermöglicht, abkoppeln.

Auch Geldinstitute haben Kosten, die sie decken müssen. Wo soll der Mindestzins für Sparer herkommen? Ein staatlicher Eingriff würde entweder die ohnehin angeschlagenen Banken weiter schwächen und damit krisenanfälliger machen. Oder – und das ist wahrscheinlicher – zu Ausweichreaktionen führen. Statt Minuszinsen müssten Sparer höhere Kontoführungsgebühren zahlen. Geholfen wäre ihnen damit nicht. Jan Hildebrand

Mehr: Banken leiden unter dem Niedrigzins – der Verband der Volksbanken denkt über Minuszinsen für Privatkunden nach. Rechtlich könnte das problematisch werden.

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2 Kommentare zu "Pro und Contra: Negativzinsen: Krieg gegen den Sparer oder purer Populismus?"

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  • Sowohl Herr Sigmund als auch Herr Hildebrand haben Recht. ;-)
    Herr Hildebrand deshalb, weil die Politik den "Schwarzen Peter" der EZB alleine zuschiebt.
    Aber sich dermaßen verschuldet, dass man die vom Markt geforderten Zinsen nicht mehr bezahlen kann, wenn die Zentralbank nicht "intervenieren" würde, das hat nun einmal die Politik getan (bzw. die Regierungen vieler Euro-Staaten).
    Die Alternative zu Niedrig- bis Negativzinsen für die Zentralbank heißt auf gut Deutsch: "drucken". Dazu müsste dann aber wiederum die Politik u.a. den Euro-Stabilitätspakt und die Maastricht-Kriterien abschaffen. Das aber will man auch nicht - obwohl man sowieso schon fast alle EU-Abkommen gebrochen hat. ;-)

  • Kennen Sie noch den Hit "und jetzt wird wieder in die Hände gespuckt"? Wenn Sie Arbeiter oder Kleinunternehmer sind tun Sie es nicht! In diesem Land werden Sie nämlich dafür bestraft. Die Politik der EZB enteignet mit Niedrigzinsen alle Sparer. Private Altersversorgungen werden zestört. Die Immobilienpreise explodieren. Die Target 2 Salden der Bundesbank belaufen sich fast auf eine Billion Euro und unser Finanzminister führt genau die Arbeit weiter die Herr Schäuble begonnen hat. Bringen Sie das sauer ersparte in sichere Häfen weil das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht! Es sei denn Sie haben 1.000 Euro Rente pro Tag???

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