Pro Unnötige Panikmache

Das hysterische Gerede von „Timeline-Zwang“ und den „schlimmen Folgen für alle“ zeigt vor allem eins: Viele Menschen haben Angst vor Veränderungen - und sind schlecht informiert über Datenschutz im Netz.
  • Tina Halberschmidt
10 Kommentare
Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin von Handelsblatt Online. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt

Tina Halberschmidt, Social-Media-Redakteurin von Handelsblatt Online.

(Foto: Frank Beer für Handelsblatt)

Die Nachricht, dass Facebook die neue Timeline für alle Nutzer einführt, hat sich in der Web 2.0-Welt wie ein virtuelles Lauffeuer verbreitet. In Sekundenschnelle wurden Anti-Timeline-Gruppen gegründet, auf ihren Pinnwänden erklärten zahlreiche Facebook-Mitglieder kurzerhand ihren Austritt aus dem weltweit größten Netzwerk. Hysterie pur. Panik! Unnötig.

Zugegeben – Facebook geht nicht gerade sensibel mit unseren Daten um. Das ist eine Tatsache – aber doch bitteschön nicht erst seit Einführung der neuen Chronik! Jedem Facebook-Mitglied sollte bekannt sein, dass man im Netz nicht alles preisgeben sollte. Wer vor Jahren leichtsinnig eine Beschimpfung des Chefs eingestellt und öffentlich geteilt hat, der ist – mit Verlaub – selber schuld, wenn die neue Timeline dies nun wieder an die Öffentlichkeit bringt. An genau die Öffentlichkeit übrigens, die man selber vor Jahren nicht von seinem Profil ausgeschlossen hat.

Nun kann es natürlich sein, dass ich vor Jahren einfach noch nicht so Facebook-schlau war wie heute und damals wirklich aus Unwissenheit das schlimme Foto vom Pokalfinale gepostet habe, das mir heute peinlich ist. Aber auch das ist kein Problem: Ich kann jeden Eintrag, der ungewünscht in meiner neuen Chronik aufpoppt, löschen. Jeden. Sieben Tage lang sogar ohne dass mir dabei jemand zuschauen kann. Denn Facebook hat seinen Nutzern eine Art „Karenzzeit“ eingeräumt. Sie möchten nicht jeden Beitrag einzeln durchgehen und anklicken? Auch kein Problem – in den Privatsphäre-Einstellungen gibt es eine Funktion, mit der man die Sichtbarkeit aller Beiträge auf einmal einschränken kann. Ach, Sie wissen nicht, wo sich die Privatsphäre-Einstellungen bei Facebook befinden? Tja, da kommen wir dem eigentlichen Problem wohl etwas näher. Sie glauben wahrscheinlich auch, dass irgendwelche bösen Apps selbstständig und ohne Ihr Zutun auslesen, welche Musik Sie gerade hören oder welche Jogging-Strecke Sie gerade gelaufen sind.

Das hysterische Gerede von „Timeline-Zwang“ und den „schlimmen Folgen für alle“ zeigt vor allem eins: Viele Menschen haben Angst vor Veränderungen; Neuerungen erstmal abzulehnen, ist für sie ein Reflex. Und – was schlimmer ist: Viele Facebook-User sind schlecht informiert.

Sollte nicht jeder, der sich – freiwillig übrigens – bei Facebook anmeldet, auch die Pflicht haben, sich gegen ungewünschte Blicke von Profil-Stalkern oder Personalchefs zu schützen? Zugegeben, es ist nicht immer einfach, an der richtigen Stelle das richtige Häkchen zu setzen. Sollte man von einem (mündigen) Facebook-User nicht erwarten können, dass er sich auf dem Laufenden hält? Andersherum gefragt: Ist Facebook schuld, wenn User zwar die Vorzüge des Netzwerkes für sich in Anspruch nehmen, sich aber nicht über die Risiken und Nebenwirkungen, die dieses Netzwerk zweifelsohne mit sich bringt, informieren?

In der Tat erlaubt die neue Chronik, ganz vereinfacht gesprochen, eigentlich nur eine neue (sicher gewöhnungsbedürftige) Darstellungsform von Inhalten, die ohnehin schon auf Facebook vorhanden waren. Zudem bietet die Timeline einen schönen Mehrwert, zum Beispiel weil man ein schickes, individuelles Profilbild einbauen kann. Natürlich profitieren auch Mark Zuckerberg und Konsorten von der Neuerung. Sie können noch genauer auswerten, wer mit wem worüber spricht, um dann entsprechend Werbung einzublenden. Aber erstens waren die Daten für eine solche Marktanalyse schon vorher vorhanden (siehe oben). Und zweitens ist Facebook ein Unternehmen und nicht die Heilsarmee. Glauben Sie wirklich, dass Zuckerberg und Co. irgend etwas tun, weil es die Allgemeinheit glücklich macht? Die Wahrheit ist: Wenn Sie für ein Produkt nicht bezahlen müssen, sind Sie das Produkt. Gerade auch bei Facebook. Und zwar nicht erst seit Einführung der Timeline.

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10 Kommentare zu "Pro: Unnötige Panikmache"

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  • Hier übrigens noch etwas Lustiges zum Thema. Besonders Punkt neun. :-) Viel Spaß. http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=flRg9Q1d3kY

  • Sorry, doppelt...

  • Gern geschehen und danke auch für Ihre Meinung. :-)

  • Gern geschehen und vielen Dank auch für Ihre Meinung. :-)

  • Klasse das auch einmal ein/e Redakteur/in hier antwortet!!
    Ich finde Sie haben den Nagel auf dem Kopf getroffen. Als IT-Spezialist bin ich verwundert, wie naiv die Menschen mit solchen Programmen umgehen. Was einmal in der Datenbank von Facebook steht, kann auch nach 50 Jahren noch ausgewertet werden, auch wenn man es gelöscht hat. Über die Google-Nutzung läßt sich ein fast vollständiges und exaktes Persönlichkeits-Profil von dem Nutzer erstellen. Nachdem Facebook weiß, mit wem Sie über was sprechen, wertet Google ihre Interessen aus, was Sie lesen, kaufen und auch ob Sie gesundheitliche Probleme haben usw. Gekrönt wird das ganze noch von einem Foto ihrer Wohnung und Ihres Umfeldes per Google Streetview. Wenn Sie einen Blackberry haben, geht ihr gesamter Maillverkehr auch noch in die USA über den Blackberry-Server. Inwieweit diese Informationen für Geheimdienste und für Wirtschaftsspionage von Interesse sind? Ich glaube schon. Jedenfalls sind wir schon lange in der Zukunft angekommen und der gläserne Mensch ist Realität geworden. Der Artikel ist Klasse und die Reaktionen einiger Leser sind nicht verständlich aber doch recht amüsant.

  • Genau deshalb sollte Facebook auf die Liste der Gefährlichen Seiten! Noch bevor den im Vergleich harmlosen "Pornoseiten"!

  • Diesen Gefallen werde ich @ignoranzhochdrei leider nicht tun. Ich fühle mich in der Online-Redaktion dieser tatsächlich "großen und bedeutenden deutschen Tageszeitung" nämlich sehr wohl. :-)

    Aber im Ernst: In der Tat ist mein Kommentar sehr provokant geschrieben.

    @VHSchmidt: Interessanter Punkt. Wahrscheinlich kommen Facebook die Konfigurationsfehler der Nutzer wirklich nicht ungelegen.

    Es ging mir übrigens nicht darum, Facebook zu verteidigen. Wie ich ja schreibe: Zuckerberg und Co. gehen alles andere als sensibel mit unseren Daten um. Ich kritisiere das ebenfalls.

    Ihre Entscheidung, alle Social-Media-Dienste zu meiden, finde ich persönlich schade, aber auch nachvollziehbar und von Ihrem Standpunkt aus gesehen auch sicher gerechtfertigt.

    @Barbara.Benko: Sie haben Recht: Bei Facebook ist der Kunde tatsächlich nicht König. Er ist - wie ich auch in meinem Kommentar schreibe - das Produkt. Weil er nicht bezahlt für die Dienste, die er bei Facebook in Anspruch nimmt.

    In der Logik verwundert es dann auch nicht, dass der Service bei Facebook schlecht ist. Und natürlich nervt die Umstellung. Aber sie ist nicht so schlimm, wie manche meinen - wenn man seine Daten gut schützt. Und das sollte man immer. :-)

    Wünsche noch einen schönen Abend und ein ebenso schönes Wochenende.

  • Kein Mensch ist hysterisch und niemand hat "Angst" vor der Timeline. So ein Unsinn. Aber die Gegner des Timeline-Zwangs nervt eben, dass Facebook seine Kunden nicht als Könige, sondern zunehmend als variable Masse sieht. Dass man sich permanent darüber Gedanken machen muss, was vor wem verbogen oder sichtbar gemacht werden muss. Es nervt, dass nun erneut geprüft werden muss, was für wen sichtbar ist oder nicht. Das ist verdammt schlechter Service im 21. Jhd. Ich will das Ding verwenden und nicht permanent an den Einstellungen schrauben müssen. Und, mit Verlaub, es ist eine komplett unsinnige Unterstellung, dass Gegener der Timeline ahnungslose Internet- und Technikfeinde wären. Welch schlichte Denke: Wer nicht augenblicklich Hurra schreit, ist ein blöder Internet-Feind und hats einfach nicht kapiert. Natürlich ist die Aktion keineswegs nur eine Formalie, sondern mit handfesten Interessen verbunden. Facebook ist kein karitatives Unternehmen! Es wäre sehr naiv, dies anders zu sehen.

  • Tina Halberschmidt, was für ein erbärmlicher Kommentar. Warum und weshalb, darauf kommen Sie vielleicht eines Tages selbst. Bitte verlassen Sie die Redaktion einer der großen und bedeutenden deutschen Tageszeitungen. Sicher finden Sie einen PR- oder Lobbyisten-Job in der Industrie.

  • Schon etwas seltsam, wie Sie Facebook dafür in Schutz nehmen, daß es über die Köpfe der Nutzer hinweg übergangslos einschneidende Änderungen vornimmt und Konfigurationsfehler der Nutzer schamlos für seine geschäftlichen Interessen ausnutzt.

    Ich habe übrigens soviel Angst vor Veränderungen, daß ich Social Media generell meide, weil mich die Geschäftspraktiken der Anbieter abschrecken.

    Offengesagt, finde ich Nutzer von Social Media Diensten wie Facebook, StudiVZ und Google+, auch Nutzer von Apple-Handies und Handies mit Google-System ganz schön unbeleckt und naiv.
    Aber vielleicht bin ich ja einfach nicht genug jung, nicht genug dynamisch und nicht genug unkritisch.

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