Morning Briefing 11. Juni Trumps Twitter-Tollwut

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wie einfach ist Twittern, wie schwer Denken. Wer fällt Ihnen bei diesem Satz ein? Vielleicht jener New Yorker Immobiliengrande, der die Rolle des US-Präsidenten seit 17 Monaten ausfüllt? Jener Donald Trump, der per Tweet nun aus dem Regierungsjet sein Okay zu der G7-Abschlusserklärung von La Malbaie aus Ärger über Kanadas Justin Trudeau wieder zurückzieht oder der – börsenrelevant – seine Freude über aktuelle Arbeitsmarktzahlen ankündigt, die zu diesem Zeitpunkt noch Geheimsache sind? In den falschen Händen kann Twitter, die Schnellfeuerwaffe der Kommunikation, zu Schäden größerer Art führen.

Quelle: Reuters
An diesem Montag befinden sich Trump und der Nordkoreaner Kim Jong Un auf politischer Sightseeing-Tour in Singapur.

An diesem Montag befinden sich Trump, vorzeitig dem Malheur von La Malbaie entwichen, und der Nordkoreaner Kim Jong Un auf politischer Sightseeing-Tour in Singapur – ehe sie sich dort morgen offiziell zu ihrem Gipfel der Gescholtenen treffen. Der Amerikaner muss dabei seiner Selbststilisierung als „Dealmaker“ endlich mal genügen, der Diktator aus Pjöngjang dagegen den Empfehlungen der kommunistischen Freunde aus China folgen. Ironie der Geschichte: Der Standort Singapur ist ausgerechnet eine Drehscheibe jener Kraft, die Trump so vehement ablehnt – die Globalisierung.

Monatelang hat die Bundesregierung mal den Bettler, mal den Psychologen gegeben, um Donald Trump vom Handelskrieg abzubringen. Dabei hätte sie mit Carl Gustav Jung wissen können, dass Paradoxie zum höchsten geistigen Gut gehört, „Eindeutigkeit aber ein Zeichen von Schwäche ist“. Ein Foto der G7 zeigt das ganze Dilemma: Merkel merkelt, Trump trotzt. Nun formuliert das Auswärtige Amt nach Informationen des Handelsblatts erstmals eine eigene Strategie für den Umgang mit den USA – und stellt das Land damit de facto auf eine Stufe mit Russland und China. In diesen Tagen trägt die Freiheitsstatue Trauerflor

Quelle: dpa
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist nach dem G7-Gipfel zu Gast in der ARD-Sendung „Anne Will“.

Ein normales Phänomen sind inzwischen Politiker, die mit großer Geste politische Verantwortung für einen Missstand übernehmen, um dann – irgendwie erleichtert – im Amt munter weiterzumachen. Auch Angela Merkel hat sich gestern Abend bei ihrem Solo bei „Anne Will“ für diese Form der Katharsis im Asyl-Bamf-Skandal entschieden. „Ankerzentren“ für Flüchtlinge sollen es jetzt richten. Das „angeschlagene Vertrauen“ (Merkel) der Deutschen in die Flüchtlingspolitik jedoch wird vermutlich länger bleiben als die Reue der Verantwortlichen. Die Kanzlerin selbst braucht einen Anker.

Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen muss Daimler-Chef Dieter Zetsche heute zum Rapport bei Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). „Dieselgate“ verdunkelt den Stern. So will das Kraftfahrtbundesamt nun fünf „unzulässige Abschaltfunktionen“ gefunden haben, womöglich seien 700.000 Fahrzeuge und mehr betroffen. Daimler dagegen sieht offenbar nichts Illegales und widerspricht einem amtlichen Rückruf von 6300 Vito-Transportern. „Das Beste oder nichts“ (Haus-Slogan) kann in diesem Falle nicht das Beste bedeuten.

Die SPD widmet sich weiter ihrer liebsten Beschäftigung: der Selbsttherapie. Ein Expertenteam hat aufgrund von Interviews ein Papier zur Wahlschlappe 2017 erarbeitet, über das heute der Parteivorstand berät. Gesucht wird der Geist der Erneuerung, der im Profil genau wie Willy Brandt aussieht. Vermutlich jedoch wird bald das nächste Rettungsdossier zu erarbeiten sein, und zwar zur neuen Frage: Warum steht die gestiegene Anzahl wichtiger Ministerposten in Berlin (Auswärtiges Amt, Finanzen, Justiz) im umgekehrt proportionalen Verhältnis zur Beliebtheit der SPD? Macht ist hier nicht sexy, sondern macht einsam.

Quelle: Reuters
Fifa-Chef Infantino verkauft das Weltprodukt Fußball: mehr Spiele, mehr Fernsehen, mehr Geld.

Zum Schluss noch mal in die Welt des Donald Trump: Ausgerechnet mit Kanada und Mexiko, aktuell im Weißen Haus schlecht angesehen wie Hartplätze unter Fußballern, bewerben sich die USA um die Weltmeisterschaft 2026. Am Mittwoch kommt es auf dem Kongress des Weltverbands Fifa zur Kampfabstimmung gegen Marokko. Sicher ist, dass 2026 dann sage und schreibe 48 Mannschaften spielen werden – in Katar 2022 und von Donnerstag an in Russland sind es „nur“ 32 Teams. In Zeiten der Handelskriege inflationiert die Fifa unter Gianni Infantino ihr Weltprodukt Fußball einfach: mehr Spiele, mehr Fernsehen, mehr Geld.

Ich wünsche Ihnen einen flotten Start in die Woche, ganz ohne Eigentore. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor.

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