Morning Briefing 14. Juni Geld und Spiele

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

wenn Ihnen jemand in den nächsten vier Wochen sagt, es ist doch alles nur Sport, sagen Sie ihm, er sei ein Heuchler. Verweisen Sie auf Donald Trump, der allen Ländern drohte, die nicht die USA (mit Kanada und Mexiko) zur Heimat der Fußball-Weltmeisterschaft 2026 wählen - bis er seinen Willen jetzt tatsächlich bekam. Erwähnen Sie Wladimir Putin, dessen Popularitätswerte steigen, weil er in Russland von heute an die aktuelle WM präsentiert - wie einst Circus Barnum seinen „Jumbo“. Nennen Sie vielleicht noch die britische Regierung, die Putins Spiele boykottiert, weil sie dessen Schergen hinter dem Giftgasanschlag von Salisbury auf den russischen Doppelagenten Skripal vermutet. Nur Sport? Politik, außen und innen.

Rund um den Fußball zirkulieren Milliarden.

Irgendwie bemerkenswert, dass viele über Globalisierung meckern, aber alle das globalisierteste Produkt überhaupt so lieben. Rund um Fußball hat sich die größte Zugewinngemeinschaft der Welt formiert, bestehend aus Werbetreibenden, Sponsoren, Fernsehanstalten, Trikotverkäufern, Einzelhändlern, Fußballprofis. Hier zirkulieren die Milliarden. Nicht mehr Religion ist das Opium des Volkes, sondern Fußball, die neue Religion des Volkes. „Geld und Spiele“ heißt unser aktueller Titelreport.

Im Übrigen haben sich jetzt zwei Zentralbanken-Ökonomen die Börsengeschäfte während früherer WM-Turniere genau angeschaut - und einen klaren Trend ermittelt. Wenn die jeweilige Heimmannschaft des Börsenplatzes spielte, stürzte das Handelsvolumen regelrecht ab, 2014 um 48 Prozent und 2010 um 36 Prozent. Und wenn ein Tor fiel, egal für wen, war ein weiteres Minus von zehn Prozent zu erkennen. Daran werden selbst übelste Handelskriegsdrohungen durch Trump wenig ändern.

Quelle: Reuters
Gianni Infantino: Der Fifa-Chef sieht sich heftiger Kritik ausgesetzt.

Die Bühne für diese Show aus Athletik, Politik, Ökonomie und Kleinkunst bietet mit der Fifa ausgerechnet eine der dubiösesten, dunkelsten Organisationen der Welt. Korruption, Geldwäsche, Vetternwirtschaft pflastern ihren Weg. Etliche Verfahren wurden und werden rund um Mitglieder der ehrenwerten Gesellschaft geführt. Im Handelsblatt rechnet der frühere Chef-Ethiker der Fifa, Hans-Joachim Eckert, mit Verbandschef Gianni Infantino ab: Es handele sich bei seiner Arbeit um eine „permanente Überschreitung der ihm satzungsmäßig vorgeschriebenen Kompetenzen“ – und es sei „niemand mehr da, der ihm auf die Finger schaut.“

Wenn man sich all die Fußball-Investitionen der Scheichs aus Katar, Abu Dhabi und Saudi-Arabien oder der Oligarchen und chinesischen Fonds betrachtet und umgekehrt all die Bengalfeuer in den Stadien sieht, liegt ein Gedanke sehr nahe: Fußball ist das Spielzeug der Reichsten und das Feuerzeug der Ärmsten. Jedenfalls liegt in der Sache so viel Emotion, dass der spanische Verband seinen Trainer Julen Lopetegui einen Tag vor WM-Beginn feuerte, nur weil man von seinem anstehenden Wechsel zu Real Madrid nichts wusste. Als Ersatz heuerte Spanien Fernando Hierro an – einen Ex-Real-Star.

Quelle: dpa
Neben Fußball wird in Deutschland heute auch über das geheime Asylgrenze-Gespräch zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer geredet.

Natürlich wird am heutigen Donnerstag nicht nur die WM eröffnet. Deutschland wird auch über das geheime Asylgrenze-Gespräch der Kontrahenten Angela Merkel und Horst Seehofer von gestern Abend reden (mit den Länderchefs Söder und Bouffier), natürlich auch über die neue „Achse der Willigen“ der Innenminister von Österreich (rechtsnational), Italien (rechtsnational) und Deutschland (CSU) oder die Milliarden-Diesel-Geldbuße für VW sowie über das mögliche Ende der Extrem-Relaxation-Politik der Europäischen Zentralbank (Anleihekäufe reduzieren). Aber irgendwann rollt der Ball.

„Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können“, schrieb Shakespeare. Um eine bessere Vorstellung von der Zukunft zu haben, veranstalten wir am 28. und 29. Juni in Berlin zum dritten Mal die „Handelsblatt C-Suite“. Im kleinen Kreis diskutieren wir diesmal über: „Vom Ich zum Wir – Vernetzte Denkweisen für Ihr Unternehmen.“ Gäste sind unter anderem Bundesminister Andreas Scheuer, Ex-Telekom-Chef René Obermann und Kuka-Chef Till Reuter. Wer noch eine Karte kaufen will, melde sich bitte bei frederic.bleck@euroforum.com.

Danke für heute. Die nächsten zwei Wochen bin ich in Urlaub, Chefredakteur Sven Afhüppe übernimmt. Ich wünsche Ihnen einen Tag der kontrollierten Offensive, ganz ohne Eigentor und mit Augenzwinkern. Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor.

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