Morning Briefing 15. August Die Brücke von Genua

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Guten Morgen liebe Leserinnen und Leser,

in Italien ist nicht nur eine Brücke eingestürzt, sondern die gesamte politische Kultur. Was sonst soll man zur Attacke des rechten Innenministers Matteo Salvini sagen, der indirekt die fehlende Wartung von Autobahnen, Schulen oder Eisenbahnstrecken im Land mit den rigiden Sparregeln Europas begründet? Der Mann, der sich als Garant der Sicherheit inszeniert, macht Politik im Schatten von mindestens 30 Toten, die im Westen Genuas in ihren Autos in die Tiefe stürzten. Und lenkt davon ab, dass die jeweiligen Regierungen die marode Infrastruktur des Landes verantworten. Die Betreibergesellschaft macht mit dem 51 Jahre alten Werk des Ingenieurs Riccardo Morandi im Übrigen jetzt das, was sie vor Jahren schon erwogen hat: abreißen.

Quelle: dpa
Statt iPhone sollen türkische Bürger nun zu Samsung greifen.

In der Not wird Recep Tayyip Erdogan nicht kreativ, sondern sonderbar. Der türkische Präsident glaubt allen Ernstes, im Dauerstreit mit den USA amerikanische Elektronik im eigenen Land stoppen zu können. Statt iPhone verordnet er dem eigenen Volk Geräte von Samsung, ganz so, als könne er Wein in Wasser verwandeln. Dabei ist Erdogan selbst wiederholt mit Apple-Produkten aufgefallen. Türkische Unternehmer versuchen den Handykrieger nun zur Mäßigung zu bringen, zur Not auch mit John F. Kennedy: „Vergib Deinen Feinden, aber vergiss niemals ihre Namen.“

Immer, wenn etwas in der deutschen Regierungspolitik gewaltig in die Binsen zu gehen droht, reitet Peter Altmaier auf Rosinante heran. So hat es der Bundeswirtschaftsminister jetzt mal wieder mit der verunglückten Energiewende zu tun: Ihr mangelt es nicht an Ökostrom, sondern an Leitungen dafür. Und so ist der Don Quijote der Kanzlerin heute auf einer „Netzausbaureise“ in NRW und an der Ems unterwegs. Sein „Aktionsplan Stromnetz“ sieht nichts vor, was nicht schon oft diskutiert wurde, Entbürokratisierung zum Beispiel. Er vermisse einen konkreten und belastbaren Zeitplan, sagt Stefan Kapferer vom Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft.

Quelle: dpa
Laut einem Report hat die katholische Kirche im US-Staat Pennsylvania über 70 Jahre lang Sexvergehen von mehr als 300 Priestern an Kindern vertuscht.

Bei der folgenden Geschichte können Rosenkranz und Beichtstuhl wenig helfen. Sie macht einfach nur fassungslos. Der Report eines Geschworenengremiums (Grand Jury) hat ergeben, dass die katholische Kirche im US-Staat Pennsylvania über 70 Jahre lang Sexvergehen von mehr als 300 Priestern an Kindern vertuscht hat. Mehr als 1000 Opfer wurden identifiziert. Die Verantwortlichen aber spielten die Fälle herunter: Statt von „Vergewaltigung“ redeten sie lieber von „unangemessenem Kontakt“. Generalstaatsanwalt Josh Shapiro: „Sie verteidigten ihre Institution, egal, was es kostet.“

Quelle: obs
Gestern war die Fintech-Firma Wirecard erstmals mehr wert als die Deutsche Bank.
(Foto: obs)

München war mal Deutschlands „heimliche Hauptstadt“ und liegt heute noch bei Buchverlagen und Fußball vorn. Die Führung der Finanzwirtschaft aber sah man bisher in Frankfurt gut aufgehoben - was sich durch den rasanten Aufstieg von Wirecard aus Aschheim bei München rasch ändert. Gestern war die Fintech-Firma tatsächlich erstmals mehr wert als die Deutsche Bank, ein Spezialist für Zahlungssysteme überholt einen Generalisten für Zahlungen anderer Art. Mit Wirecard, Allianz und Munich Re wird München im Dax bald drei Finanzwerte stellen, Frankfurt kommt dann mit der „Deutschen“ und der Deutschen Börse nur noch auf zwei.

Und dann ist da noch Sean Rad, agiler Mitgründer der Datingfirma Tinder. Er hat zusammen mit etlichen Führungskräften die kontrollierenden Gesellschaften dahinter, die Match Group und die InterActiveCorp, auf mindestens zwei Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt. Rad & Co. beschweren sich, dass der Wert der Firma für ihre Aktienoptionen viel zu niedrig taxiert worden sei. Es seien „falsche, irreführende und unvollständige Finanzdaten und Ausblicke“ benutzt worden. Vor drei Jahren noch war Ex-Firmenchef Rad mit Prahlereien über Frauen aufgefallen, die er per Tinder kennenlernte. Nur weil sie schön seien, stellte er klar, „heißt das nicht, dass ich ihnen die Klamotten vom Leib reißen und Sex haben will.“

Ich wünsche Ihnen einen produktiven, gut ausbalancierten Tag.

Es grüßt Sie herzlich

Hans-Jürgen Jakobs
Senior Editor / Handelsblatt-Autor


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